ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2005Die Generation der Kriegskinder: Kollektive Aufarbeitung notwendig

THEMEN DER ZEIT

Die Generation der Kriegskinder: Kollektive Aufarbeitung notwendig

Dtsch Arztebl 2005; 102(17): A-1190 / B-994 / C-938

Bühring, Petra

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Foto: dpa
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Die kriegsbedingten, oft lebenslang wirksamen psychischen, sozialen und körperlichen Belastungen der über 60-Jährigen waren Thema eines internationalen Kongresses.

Bewegend schildern die „Kriegskinder“ – die Generation der zwischen 1928 und 1945 Geborenen – Bruchstücke ihrer Vergangenheit: von Bombennächten, Hunger, Verschüttungen, von Müttern, die keinen Schutz mehr bieten konnten, von Vätern, die als Wrack aus dem Krieg zurückkehrten. Eine 65-jährige Frau muss weinend vom Mikrofon weggeführt werden. Ein Mann hat den Mut, vor einigen Hundert Zuschauern zu verdeutlichen, wie dringend er therapeutische Hilfe braucht und keine geeignete findet. Auslöser waren Referate über die Auswirkungen belastender Kriegserfahrungen auf die lebensgeschichtliche Entwicklung. Dr. Werner Bohleber, Psychoanalytiker aus Frankfurt, versucht die Betroffenen zu beruhigen: „Wenn man Diskurse eröffnet, kommen Emotionen hoch.“ Bohleber, selbst Kriegskind, wies aber auch darauf hin, wie notwendig dieser gesellschaftliche Dialog ist, denn: „Wir sind überfordert, alleine mit dieser kollektiven Traumatisierung fertig zu werden.“
Der internationale Kongress „Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa 60 Jahre nach Kriegsende“ vom 14. bis 16. April in Frankfurt/Main bot ein solches Forum für den öffentlichen Diskurs. Das Interesse war groß: 1 200 Anmeldungen, nur die Hälfte fand Platz im historischen IG-Farben-Haus der Johann Wolfgang Goethe-Universität, die den Kongress zusammen mit dem Institut für Jugendbuchforschung und dem Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt, veranstaltete. Eingeladen waren Ärzte, Psychotherapeuten und die akademisch interessierte Öffentlichkeit, darunter sehr viele der Generation der Kriegskinder. Die Kriegskinder und deren kriegsbedingte, oft lebenslang wirksame psychische, soziale und körperliche Belastungen sind erst in den letzten Jahren verstärkt in den Blick der Forschung gerückt.
„Die vergessene Generation“, so der Titel eines Buches von Sabine Bode, hat auch selbst mit ihrem langen Schweigen dazu beigetragen, dass ihr Schicksal lange Zeit nicht beachtet wurde. Unauffällig, gefasst, funktionierend fanden sie sich damit ab, konnten vielleicht „in einem Zustand emotionaler Abstumpfung“ gar nicht über belastende Kriegserfahrungen reden, wie Bohleber meint. Dazu wären sensible ermutigende Eltern notwendig gewesen, die in der Nachkriegszeit jedoch mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hatten. Für die meisten Kriegskinder wurde so auch die Geschichte der Eltern „zum Organisator der eigenen Entwicklung“.
Die Frage der Schuld
Über dem langen Schweigen lag „wie Mehltau“ – eine Beschreibung, die einige Referenten benutzen – auch die Schuld der Deutschen am Holocaust. Darf man angesichts der Massenvernichtung über das eigene kleine Schicksal klagen, fragten sich viele dieser Generation, deren Eltern zum Teil mitverantwortlich waren. Dr. Dieter Graumann von der jüdischen Gemeinde Frankfurt urteilte dazu, dass „die Frage der Schuld nicht ausgeblendet werden darf, wenn Deutsche als Opfer des Krieges thematisiert werden“. Er warf den Kongressveranstaltern bei der Auswahl der Beiträge vor, „die Holocaust-Kinder abgedrängt“ zu haben. Es gehe ihm nicht um einen „Wettlauf der Opfer“, aber ein „Einebnen der Unterschiede“ dürfe nicht erfolgen. Graumann meinte, die Veranstalter hätten „mehr Sensibilität“ zeigen sollen.
Die Titelgeschichte des Alternsforschers Prof. Dr. med. Hartmut Radebold in Heft 27/2004 stieß bei den Lesern auf große Resonanz.
Die Titelgeschichte des Alternsforschers Prof. Dr. med. Hartmut Radebold in Heft 27/2004 stieß bei den Lesern auf große Resonanz.
Zur Problematik der Schuld kam bis in die Sechzigerjahre die Verleugnung einer möglichen Traumatisierung kleiner Kinder. Heute weiß man, welchen Einfluss frühe Traumatisierung auf die Entwicklung haben kann. Kinder seien im Krieg Situationen ausgesetzt, die sie nicht verarbeiten könnten, sie bräuchten schützende Erwachsene, betonte der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Peter Riedesser, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er erklärte, dass bei Kleinkindern die Reaktionen der Bezugspersonen – gerät die Mutter bei einem Bombenangriff in Panik oder bewahrt sie Ruhe? – entscheidend beeinflussen, ob ein Ereignis traumatisierend wirkt. Kinder, die wiederholt traumatischen Ereignissen ausgesetzt seien, erläutert Bohleber, könnten langfristig Persönlichkeitsstörungen ausbilden (zu weiteren möglichen Symptomen siehe Kasten 1).
Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, wies darauf hin, dass die Forschung inzwischen davon ausgeht, dass etwa ein Drittel der Kriegskinder traumatisiert wurde und mit Langzeitfolgen zu kämpfen hat. Ein weiteres Drittel habe die belastenden Erfahrungen unbeschadet überstanden. Für ein Drittel, meist Kinder, die sich zur Kriegszeit in ländlicher Umgebung aufhielten, habe der Krieg keine Auswirkungen gehabt. Leuzinger-Bohleber berichtete von den Ergebnissen einer Langzeitstudie der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung mit 400 Patienten, die zwischen 1990 und 1993 eine Psychoanalyse beendet hatten. Unerwartet häufig, nämlich bei 54 Prozent, stießen die Wissenschaftler dabei auf Patienten, bei denen der Krieg Folgen hinterlassen hatte: körperliche Langzeitschäden durch Mangelernährung, Probleme mit der Selbstfürsorge, psychosomatische Beschwerden, Einsamkeit, Flucht in Leistung, Empathiestörungen, Identitäts- und Beziehungsstörungen.
Belastend sei dabei ebenso die Nachkriegszeit gewesen, stellte die Psychoanalytikerin fest. Viele Kinder sorgten für ihre durch Ausbombung, Verlust des Mannes oder Vergewaltigung „emotional erstarrten Mütter“ (Parentifizierung) und schafften es dadurch nicht, „eigene Entwicklungsaufgaben wahrzunehmen“. Kehrte der abwesende, häufig idealisierte Vater zerrüttet aus der Gefangenschaft zurück, war er meist nicht in der Lage, Vaterfunktionen wahrzunehmen. „Durch die starke Bindung an die hilfsbedürftigen Eltern konnten die Kriegskinder ihre affektiven Fähigkeiten nicht gut ausbilden“, erklärt Leuzinger-Bohleber. Die kognitiven Fähigkeiten dagegen seien bei dieser Generation meist sehr gut ausgeprägt. Viele sitzen heute an Schaltstellen in Politik und Wirtschaft. „Wir mussten sehr früh Verantwortung übernehmen“, berichtet der Aufsichtsratsvorsitzende von DaimlerChrysler, Hilmar Kopper, das Phänomen. Der 70-Jährige wuchs ausschließlich „unter Frauen“ auf. Ein anschauliches Beispiel für die Konzentration auf Leistung der Kriegskinder ist auch der Lebenslauf von Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Der Psychiater und Gerontologe Prof. Dr. med. Gereon Heuft, Zentrum für Nervenheilkunde des Universitätsklinikums Münster, untersuchte die Frage, warum Traumata häufig gerade im Alter reaktiviert werden. Mit dem Risiko für körperliche Gebrechen, sensorischen und motorischen Einschränkungen steige auch das Risiko für die Reaktivierung. „Die zentrale Angst alter Menschen ist nicht die vor dem Tod, sondern vor Abhängigkeit und Hilflosigkeit – dies kann in Verbindung gebracht werden mit traumatischen Ereignissen, die 40 bis 50 Jahre zurückliegen“, erläutert Heuft. Er bringt das Beispiel eines 68-jährigen Mannes, der mit „Schmerzen am Zeh, am Hals und am Rücken“ zu ihm kommt. „Der Körper bereitet einem Niederlagen jeden Tag“, klagt der Patient. Organisch war keine Ursache für die Schmerzen feststellbar gewesen. Schon in der Wortwahl „Niederlagen“ drücke sich jedoch die „Kränkungsthematik“ aus, erklärt der Psychiater. Er diagnostizierte bei dem Patienten die Somatisierung eines neurotischen Konflikts infolge von Traumatisierung.
Behandelt werden zu wenige
Die psychischen Störungen älterer Menschen seien gut therapierbar, führte Heuft aus, doch zu wenige würden tatsächlich behandelt. Obwohl 27 Prozent der über 60-Jährigen unter psychischen Störungen litten, liegen nur für 0,6 Prozent Behandlungsanträge für psychodynamische Therapien für diese Altersgruppe vor; für kognitiv-behavoriale Therapien sind es 0,2 Prozent. Haus- und Fachärzte sollten auch bei alten Menschen an Psychotherapie denken, appellierte er an die Anwesenden. Die Vorbehalte mancher Psychotherapeuten, alte Menschen zu behandeln, sieht Heuft in der möglichen Angst, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinander zu setzen. Jüngere Therapeuten scheuten sich manchmal vor der Behandlung Älterer, aufgrund derer „politischer Biografie“, mit der sie nicht immer vertraut sind.
Die Pflegewissenschaft müsse sich ebenfalls verstärkt mit dem Thema der „Kriegskinder“ auseinander setzen, forderte Prof. Dr. Martin Teising, der beim Kongress den Fachbereich Pflegewissenschaften, Fachhochschule Frankfurt, vertrat. Wenn die Generation der Kriegskinder in das hohe Alter kommt und pflegebedürftig wird, gebe es viele potenziell trauma-reaktivierende Situationen, wie zum Beispiel die Pflege im Intimbereich oder der begleitete Gang zur Dusche. „Wir brauchen mehr Fortbildung für die Pflegekräfte“, forderte er. Die Pflegebedürftigkeit bedrohe die Autonomie der alten Menschen und könne damit die früher erlebte Hilflosigkeit wiederbeleben, erläuterte Prof. Radebold.
Der „Kriegskinderkongress“ verdeutlichte, dass für die Betroffenen die Aufarbeitung des Erlebten gerade erst beginnt. Ausgedrückt wurde der Bedarf an stadtteil- oder gemeindebezogenen Selbsthilfegruppen sowie an Psychotherapeuten, die mit der Thematik vertraut sind. Notwendig ist mehr internationale Forschung sowohl über die Spätfolgen von Kriegstraumatisierungen als auch über fördernde Einflüsse. Zur Finanzierung der, als ungenügend angesehenen, Forschung wurden zwei Fördervereine gegründet (Kasten 2). Neben dem öffentlichen Diskurs, der bei den Kriegskindern das Schweigen gebrochen und viele Schleusen geöffnet hat, helfen möglicherweise auch Trauerfeiern im Rahmen einer kirchlichen Gemeinschaft, wie Pfarrer Dr. Thomas Zippert vorschlägt: „Kollektive Traumata brauchen eine kollektive Trauer, nicht nur individuelle Aufarbeitung.“ Petra Bühring

Literatur
1. Bode S: Die vergessene Generation – die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Stuttgart: Klett-Cotta 2004.
2. Heuft G, Kruse A, Radebold H: Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie. München, Basel: UTB 2000.
3. Leuzinger-Bohleber M: Die langen Schatten von Krieg und Verfolgung. Beobachtungen und Berichte aus der DPV Katamnesestudie. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse 2003; 57: 783–788.
4. Radebold H (Hrsg.): Schwerpunktthema: Kindheit im II. Weltkrieg und ihre Folgen. psychosozial 2003; 26; 92.
5. Radebold H: Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit. Ältere Menschen in Beratung, Psychotherapie, Seelsorge und Pflege, Konzepte der Humanwissenschaften, Stuttgart: Klett-Cotta 2005.
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