ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1997Kongreß „Gesundheit und Armut“: Gesundheit von Kindern zunehmend gefährdet

POLITIK: Aktuell

Kongreß „Gesundheit und Armut“: Gesundheit von Kindern zunehmend gefährdet

Korzilius, Heike

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LNSLNS "Gerade in Zeiten knapper Mittel muß sich die ärztliche Verantwortung gegenüber Benachteiligten in der Gesellschaft bewähren", appellierte Dr. med. Ellis Huber, Präsident der Ärztekammer Berlin, an die Teilnehmer des 2. Kongresses "Armut und Gesundheit", den die Kammer Ende letzten Jahres in Berlin ausrichtete. Die dritte Stufe der Gesundheitsreform sei ein Schritt hin zur Privatisierung der Gesundheitsleistungen und führe letztlich in die Zwei-Klassen-Medizin. Die gesundheitliche Dienstleistung, so Huber, solle scheinbar als profitabler Wirtschaftsfaktor ausgebaut werden. Deshalb sei eine Reanimation des gemeinschaftlichen Denkens im Gesundheitswesen dringend erforderlich. Diesem Ziel diene auch der Kongreß. Dort standen die gesundheitliche Situation Obdachloser sowie die steigende Kinderarmut mit ihren negativen Auswirkungen auf die Gesundheit im Vordergrund.


Armut und Krankheit — ein Teufelskreis
Nach aktuellen Erhebungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe waren in Deutschland 1996 knapp 930 000 Menschen obdachlos. Ein wachsender Teil von ihnen lebe ständig auf der Straße. Kälte, Nässe, Gewalt und vielfach auch Alkoholabusus verschlechterten den Gesundheitszustand der Betroffenen nachhaltig. Einer Untersuchung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zufolge leiden die Obdachlosen vor allem an Herz- und Kreislauferkrankungen, Hautkrankheiten, Krankheiten der Atmungsorgane, Infektionen sowie Schürf-, Schnitt- und Verbrennungswunden. Hinzu kämen vielfach schwere psychische Probleme. Scham und Schwellenängste führten häufig dazu, daß Obdachlose keine Arztpraxis aufsuchten, so der Mainzer Arzt Dr. med. Gerhard Trabert. Deshalb seien niederschwellige Angebote der medizinischen Versorgung Obdachloser dringend nötig. In der gegenwärtigen gesundheitspolitischen Situation sei es jedoch fraglich, ob die Versorgung von sozialen Randgruppen weiterhin gewährleistet werden könne (dazu DÄ, Heft 11/1995).


Mehr Junge betroffen
Wie der Bielefelder Soziologe Dr. Andreas Klocke ausführte, ist ein neuer Aspekt der Armutssituation in Deutschland, daß immer mehr junge Menschen davon betroffen sind. Jeder fünfte bis siebte Jugendliche lebe mittlerweile in Armut. Ursachen hierfür lägen in der Massenarbeitslosigkeit, der Zunahme von alleinerziehenden Elternteilen sowie der finanziell unzureichenden Situation kinderreicher Familien. Das wirke sich sowohl auf die psychische und emotionale Befindlichkeit der Kinder als auch auf ihr Gesundheitsverhalten aus. Wie eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin ergab, ist das Gesundheitsverhalten von Kindern deutlich schichtabhängig. Bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien ist demzufolge eine regelmäßige Ernährung nicht gesichert, und sie unterscheiden sich von Gleichaltrigen durch einen wesentlich schlechteren Impfstatus. Außerdem konsumierten sie wesentlich häufiger Zigaretten, Alkohol und Medikamente. Die betroffenen Kinder litten zudem häufiger an sozialen und psychosomatischen Störungen. Nach Ansicht der Kongreßteilnehmer können nur langfristige politische Lösungen hier Abhilfe schaffen. Auf lange Sicht könnten so auch die Ausgaben im Gesundheitswesen gesenkt werden. Ein Sozialstaat müsse sich daran messen lassen, wie er Tendenzen sozialer Entsolidarisierung entgegenwirke. HK

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