ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2005Ist Adipositas eine Krankheit? Sozioökonomische Aspekte unberücksichtigt
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LNSLNS Der Artikel bedarf dringend einer wesentlichen Ergänzung. Das Autorenteam geht nämlich nicht auf die sozialen Aspekte der Entstehung von Adipositas ein, dagegen recht ausführlich auf die biomedizinischen und genetischen Grundlagen, die mit der Frage zu tun haben, ob es sich bei der Adipositas tatsächlich um eine Erkrankung handelt. Ich möchte hier nur auf eine ganze Reihe von Studien hinweisen, die den Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Übergewicht/Adipositas belegen (1–4).
Die Lektüre der zitierten Artikel könnte zu der Überlegung führen, ob Adipositas nicht überwiegend eine Folge von Armut und den Praktiken der Nahrungsmittelindustrie ist, vor allem fett-, kohlenhydrat- und energiereiche Nahrungsmittel zu niedrigen Preisen auf den Markt zu bringen. Handelt es sich dann noch um eine Krankheit im eigentlichen Sinn?
Aber unbestritten ist die Tatsache – nicht nur die klinische „Lebenserfahrung“ sagt uns das, sondern groß angelegte epidemiologische Studien –, dass Fehlernährung und Übergewicht ein Phänomen ist, das unter Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status wesentlich weiter verbreitet ist und dort in vielen Fällen eindeutig alle Charakteristika einer Krankheit hat.
Jedoch gibt es gegen den niedrigen sozialen Status von keiner Pharmafirma eine wirksame Pille. Das erklärt zumindest in meinen Augen das offensichtliche Ignorieren dieses Themas. Allerdings liegt hier – in Bildung, Ernährungsberatung, Förderung eines sozialen Ausgleichs – das viel größere Präventionspotenzial, nicht nur in Bezug auf die Adipositas.

Literatur
1. Drewnowski A, Specter SE: Poverty and Obesity: the role of energy and energy costs. Am J Clin Nutr 2004; 79: 6–16.
2. Everson SA, Siobhan CM, Lynch JW, Kaplan GA: Epidemiologic evidence for the relation between socioeconomic status and depression, obesity and diabetes. J Psychosomatic Res 2002; 53: 891–895.
3. Power C, Parsons T: Nutritional and other influences in childhood as predictors of adult obesity. Proc Nutr Soc 2000; 59: 267–272.
4. Reinehr T, Kersting M, Chahda Ch, Andler W: Nutritional knowledge of obese compared to non obese children. Nutr Res 2003; 23: 645–649.

Dr. med. Barbara Hoffmann
Görlitzer Straße 43
10997 Berlin

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