ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2005Ist Adipositas eine Krankheit? Versicherungsmedizinische Aspekte
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LNSLNS Als ärztlicher Berater einer privaten Kran­ken­ver­siche­rung, der relativ häufig mit der Beurteilung der medizinischen Notwendigkeit von einer Adipositastherapie betraut wird, erlaube ich mir eine Ergänzung. Der juristische Krankheitsbegriff kann nur einen recht groben, im Einzelfall wenig hilfreichen Rahmen vorgeben. Dies betrifft sowohl die Begriffe des „regelwidrigen Körper- und Geisteszustandes“, als auch das „Abweichen vom Leitbild eines gesunden Menschen“.
Dass die Adipositas wegen vorsätzlicher Herbeiführung des Versicherungsfalls, wie von den Autoren dargestellt, bisher zum Leistungsausschluss führt, habe ich in keinem Fall erlebt. Dies gilt meines Erachtens weder für die Grundkrankheit noch für die Folgekrankheiten. Bei der versicherungsmedizinischen Bewertung handelt es sich um eine Einzelfallbeurteilung, die Alter, Schweregrad der Adipositas, aber auch bisher vorgenommene Therapieversuche und viele andere Aspekte einschließt. Meistens geht es um die medizinische Notwendigkeit von stationären Krankenhausbehandlungen zur Gewichtsreduktion. Solche Anträge werden in der Regel negativ beschieden, weil es zur reinen Gewichtsreduktion keiner stationären klinischen Behandlung bedarf, wobei Kur- und Rehamaßnahmen zur Gewichtsreduktion durchaus anerkannt werden.
Einen weiteren Schwerpunkt stellt die Bewertung von alternativmedizinischen Behandlungsmethoden zur Gewichtsreduktion dar. Die Studienlage zu solchen Verfahren – sofern diese existiert – ist in aller Regel sehr dürftig und der geringste anerkennbare Evidenzgrad (Evidenzgrad IV) wird bei weitem verfehlt. Trotzdem ist deutlich erkennbar, dass sich Patienten mit Adipositas gerne solchen alternativen Behandlungsmethoden zuwenden.
Seit einigen Jahren werden vermehrt chirurgische Verfahren zur Gewichtsreduktion wie zum Beispiel das „gastric banding“ oder andere Magenverkleinerungsoperationen beantragt. Diese sind als Versicherungsleistung nur sehr schweren und therapieresistenten Fällen vorbehalten. Besonders stark zugenommen hat das Begehren schönheitschirurgischer Operationen der Adipositas, insbesondere Fettabsaugungen und Fettreduktionsplastiken. Meist sind sich die Patienten der Risiken solcher Eingriffe wenig bewusst. Ein adipositaschirurgischer Eingriff kann im Ausnahmefall eine medizinisch notwendige Heilbehandlung darstellen und auch zur Versicherungsleistung führen. Dies kann aber nur dann der Fall sein, wenn ästhetische Aspekte nicht im Vordergrund stehen.

Dr. med. Rainer Hakimi
HALLESCHE Kran­ken­ver­siche­rung a. G.
Reinsburgstraße 10
70178 Stuttgart

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