ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2005Ist Adipositas eine Krankheit? BMI zu ungenau
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LNSLNS Die Autoren machen es sich mit der Definition der Adipositas einfach, indem sie unkritisch die am BMI orientierte WHO-Definition übernehmen. Zwar kann diese Definition für populationsstatistische Großstudien, jedoch nicht für die individuelle Beratung im Einzelfall akzeptiert werden. Beim Umgang mit Patienten geht es aber gerade um Einzelfälle. Als Gründe seien genannt:
- Adipositas bedeutet Fettsucht, um dies zu diagnostizieren, sollte man Fett zugrunde legen und nicht das Gesamtgewicht.
- Ein über Richtwerten liegendes Gewicht kann neben erhöhtem Fettgehalt auch durch vermehrte Muskelmasse bedingt sein, was gesundheitlich höchstens aus biomechanischen Gründen für Gelenke relevant werden könnte. Ödembedingtes Übergewicht sei nur am Rande erwähnt.
- Auch der Körperbau spielt eine Rolle. Bei der im Dezember 1959 von der Metropolitan Life Insurance Company veröffentlichten Großstudie zum Idealgewicht (2) wird zwischen „small“, „medium“ und „large frame“ differenziert, unter anderem auch nachzulesen im Klassiker „Dokumenta Geigy – Wissenschaftliche Tabellen“ (1). Es ist immer wieder interessant und verwunderlich zugleich, dass diese Differenzierung spätestens mit dem Durchbruch des Quetelet-Index (neudeutsch als BMI ins alte Europa zurückgekehrt) völlig untergegangen ist. Über Motive dieses großzügigen Umgangs mit anatomischen Grundlagen soll hier nicht spekuliert werden.
Das BMI-Fundament ist aber auch aus einem weiteren Grund auf Sand gebaut. Bezüglich der gesundheitlichen Konsequenzen dürfte es wohl das vermehrte intraabdominale Fett sein, das mit dem metabolischen Syndrom assoziiert ist und mit dem derzeit die adipositasbedingten Stoffwechselstörungen erklärt werden. Der „Birnentyp“ dürfte im Gegensatz zum „Apfeltyp“ viel harmloser sein, zumindest bezüglich der krankhaften Stoffwechselstörungen. Eine einfache Bandmaß-Methode hilft hier zur Orientierung: der Quotient aus Bauch- und Hüftumfang („waist to hip ratio“). Die individuelle Beratung übergewichtiger Patienten stellt somit ein komplexeres Problem dar, als von BMI-Epidemiologen und Gesundheitserziehern dargestellt. Gerade bei mäßigem Übergewicht besteht die Gefahr, einen Leidensdruck zu erzeugen, der sachlich nicht gerechtfertigt ist. Die von den Verfassern beabsichtigte und zu begrüßende „Entstigmatisierung“ lässt sich also nicht nur mit dem genetischen Argument erreichen. Ob es sich beim Übergewicht tatsächlich um eine neue Epidemie handelt – vergleichbar mit Cholera, HIV, Pest, Pocken, Polio, Tuberkulose oder Typhus – ließe sich auch im Zusammenhang mit einer Entstigmatisierung, aber auch mit großangelegten, drittmittelträchtigen Präventionsprogrammen diskutieren.
Schließlich steht auch Glaubwürdigkeit ärztlicher Empfehlungen auf dem Spiel, denn trotz aller Kassandra-Rufe über unsere ungesunde Lebensweise und grassierendes Übergewicht wird die deutsche Bevölkerung immer älter; ein sozialmedizinisches Problem höchster Brisanz.

Literatur
1. Diem K, Lentner C (Red.): Dokumenta Geigy – Wissenschaftliche Tabellen, 7. Auflage, Basel: J. R. Geigy AG (Hrsg.) 1969.
2. Metropolitan Life Insurance Company: New weight standards for men and women. Statistical Bulletin, Metropolitan Life Insurance Company, 1959; 40: 1–11.

Prof. Dr. med. Hans-Volkhart Ulmer
Fachbereich 26
Johannes-Gutenberg-Universität
55099 Mainz

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