ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2005Ist Adipositas eine Krankheit? Schlusswort
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LNSLNS Selbstverständlich wäre es wünschenswert gewesen – wie von Frau Dr. Hoffmann angeregt –, wenn ein Soziologe sich unserem Team angeschlossen hätte. Aufgrund der Komplexität der Adipositas und ihrer Entstehung ist soziologische Expertise sehr erwünscht. Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Schichtzugehörigkeit und Adipositas ist in Deutschland für das Kindesalter aufgezeigt worden (1). Hierbei wurde zudem die komplexe Interaktion mit einer familiären Belastung an Adipositas dokumentiert. Eine noch nicht veröffentlichte Studie von Lamerz et al. belegt, dass in der Tat dem Ausbildungsstand der Mutter eine ausschlaggebende Bedeutung zukommt. In einer multiplen Regression, in der zahlreiche für den sozioökonomischen Status relevante Variablen einflossen, erwies sich der Bildungsstand der Mutter als die einzig signifikante Variable für die Prädiktion von Übergewicht bei Kindern. Selbstverständlich hat Prof. Ulmer Recht, in dem er die unkritische Anwendung des BMI zur Definition eines individuellen Risikos anprangert. Dennoch sei angemerkt, dass bei der Definition der Adipositas über einem BMI > 30 kg/m2 in aller Regel auch eine überdurchschnittlich hohe Fettmasse vorliegt. Der BMI hat sich nicht zuletzt deshalb durchgesetzt, weil die Bestimmung der Fettmasse – sofern sie valide erfolgt – in der Praxis nicht einfach durchführbar ist und zudem zahlreiche Studien mittelhohe bis hohe Korrelationen zwischen dem relativen Anteil der Fettmasse an Gesamtkörpergewicht und dem BMI ermittelt haben. Die individuelle Einschätzung des gesundheitlichen Risikos einer Adipositas sollte selbstverständlich das Fettverteilungsmuster mitberücksichtigen. Mehrere Experten warnen mittlerweile davor, dass die heutige Jugend möglicherweise eine gegenüber der Elterngeneration reduzierte Lebenserwartung aufgrund der gestiegenen Adipositasprävalenz aufweisen wird. Um aber dem Anliegen von Herrn Prof. Ulmer nach einer differenzierten Beurteilung des BMI gerecht zu werden, sei abschließend aufgezeigt, dass sich im höheren Lebensalter ein hoher BMI protektiv auf die Mortalitätsrate auswirkt.
Dr. Hakimi stellt die für Gutachtertätigkeit relevanten Aspekte zutreffend dar. Von den genannten Maßnahmen haben sich bei extremer Adipositas chirurgische Verfahren am besten bewährt, weil sie zu lang anhaltenden Gewichtsabnahmen von circa 15 bis 25 kg führen.

Literatur
1. Langnase K, Mast M, Muller MJ: Social class differences in overweight of prepuberal children northwest Germany. In: Int J Obes Relat Metab Disord 2002 26: 566–572.
2. Lamerz A, Kuepper-Nybelen J, Wehle Ch, Bruning N, Trost-Brinkhues G, Brenner H, Hebebrand J, Herpertz-Dahlmann B: Social class, parenteral education, and obesity prevalence in a study of six-year-old children in Germany. Jobes Relat Metab Disord, in Revision.
Prof. Dr. med. Johannes Hebebrand
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
des Kindes- und Jugendalters
Universität Duisburg-Essen
Virchowstraße 174
45147 Essen

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