ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1996Seuchen machen Geschichte: Von der Pest bis AIDS

VARIA: Geschichte der Medizin

Seuchen machen Geschichte: Von der Pest bis AIDS

Wiehl, Martin

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LNSLNS Für den medizinhistorisch Interessierten ist Dresden immer eine Reise wert. Jetzt zeigt das Deutsche Hygiene-Museum eine Ausstellung mit dem Titel "Das große Sterben – Seuchen machen Geschichte", die man keinesfalls verpassen sollte, da die mühsam zusammengetragenen Dokumente und weitere Exponate in solch umfassender Darstellung sicherlich lange nicht mehr zu sehen sein werden.


Historischer Überblick
Die Ausstellung zeigt einen historischen Überblick über die großen Seuchen in ihrem sozialpolitischen Kontext ausschließlich anhand von Originalia, die nur für drei Monate als Leihgabe zusammengekommen sind, dann aber wieder in Archiven und, wenn überhaupt, in einzelnen Museen verstreut wiederentdeckt werden können. Besonders lobenswert ist, daß die Ausstellungsmacher gerade nicht opportunistisch auf den öffentlichkeitswirksamen Zug der "neuen Seuchen" aufgesprungen sind. Sie haben sich vielmehr strikt an den wenig spektakulären Auftrag gehalten, die Auswirkungen der Seuchen (von 1348 bis 1995), insbesondere im Hinblick auf die Ausgrenzung von Erkrankten, eingehend zu behandeln. Andererseits will sich die Ausstellung nicht auf die Medizingeschichte beschränken, sondern über die Einbeziehung des ökonomischen und sozialen, politischen und religiösen Umfeldes der Epidemien generelle Tendenzen aufzeigen.
Die Ausstellung beginnt mit einer Darstellung der Pest in Europa vom 14. bis zum 20. Jahrhundert. Gezeigt werden Handschriften aus dem späten Mittelalter, unter anderem eine Originalversion des Gutachtens, das die Mitglieder der medizinischen Fakultät der Universität von Paris im Auftrag König Phillips von Frankreich im Jahr 1348 verfaßten. Die dort gegebenen Erklärungen und Therapievorschläge waren in sich logisch, aber wenig effektiv. Die meisten Menschen suchten deshalb Hilfe im Gebet an Pestheilige, deren bekannteste die Heiligen Sebastian und Rochus waren.
Die zweite Abteilung behandelt die Pocken unter dem besonderen Gesichtspunkt der Entwicklung und Durchsetzung der Schutzimpfung im 18. und 19. Jahrhundert, aber auch des massiven Widerstands dagegen. Beide Seiten, Impfbefürworter und Impfgegner, setzten im Kampf gegeneinander die jeweils modernsten Medien ein, die von kolorierten Kupferstichen satirischen Inhalts aus dem 18. Jahrhundert bis zu Zeitschriften mit dem Titel "Impfgegner" im 20. Jahrhundert reichen.
Die Cholera wird als Seuche der Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts dargestellt. Sie betraf vor allem die Wohnquartiere der sozialen Unterschichten in den neuen städtischen Ballungszentren. Die enge Verbindung der damals sogenannten "sozialen Frage" mit der Seuche führte zu zahlreichen künstlerischen Stellungnahmen, wozu Zeichnungen Alfred Rethels und Arnold Böcklins gehören.
Die Tuberkulose wird in der vierten Abteilung unter dem besonderen Aspekt der Wahrnehmung einer Krankheit dargestellt. Dieser Blick bietet sich an, da die Tuberkulose seit der Romantik und noch im 20. Jahrhundert als die Krankheit des künstlerischen Genies und der Boheme galt. Gleichzeitig und unabhängig davon wurde dieselbe Krankheit jedoch als typische Krankheit der sozialen Unterschichten, als Krankheit des Proletariats, als "Volksfeind Nr. 1" wahrgenommen.


Aufklärung und Prophylaxe
Neuland betritt die Ausstellung in der fünften und letzten Abteilung. Unter dem Titel "AIDS in Afrika" möchte sie Einblicke in die vielfältigen und differenzierten Bemühungen verschiedener Organisationen um AIDSAufklärung und -Prophylaxe geben. Hier werden neben den konventionellen Medien Plakat und Broschüre ein Flannelograph gezeigt, vor allem aber auch Skulpturen des Künstlers Zephania Tshuma aus Zimbabwe. In dieser Abteilung wird vor allem deutlich, wie gängige Muster der Seuchen-Aufklärung aus den Industrienationen völlig an dem Bewußtseins- und Erfahrungshorizont der Masse der Betroffenen in den Entwicklungsländern vorbeigehen.
Die Ausstellung ist noch zu sehen bis zum 10. März 1996 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Der Katalog zur Ausstellung (Jovis Verlags- und Projektbüro Berlin) umfaßt 352 Seiten mit 320 Abbildungen, davon 110 in Farbe (in der Ausstellung 35 DM als Paperback, gebunden im Buchhandel 58 DM). Martin Wiehl

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