ArchivDeutsches Ärzteblatt18/2005Malaria: Wettlauf gegen die Zeit
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Die weibliche Anopheles-Mücke ist Überträgerin des Plasmodium falciparum. Der Erreger der Malaria tropica zeigte gegen Artemisinpräparate bisher keine Resistenzen. Foto: dpa
Die weibliche Anopheles-Mücke ist Überträgerin des Plasmodium falciparum. Der Erreger der Malaria tropica zeigte gegen Artemisinpräparate bisher keine Resistenzen. Foto: dpa
Artemisin-basierte Präparate zeigen eine gute Wirksamkeit gegen Malaria tropica. Der Bedarf übersteigt jedoch die vorhandenen Produktionskapazitäten.

Dass Papst Benedikt XVI. eines Tages an Malaria stirbt, ist eher unwahrscheinlich. In der Kirchengeschichte aber fielen immerhin 13 Petrus-Nachfolger dem Wechselfieber zum Opfer. Heutzutage spielt Malaria in Rom und ganz Südeuropa keine Rolle mehr. Hauptschauplatz ist – wie auch bei Tuberkulose und HIV – Afrika südlich der Sahara. Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gehen davon aus, dass mehr als eine Million Menschen jährlich an Malaria tropica sterben. Besonders Kinder sind betroffen. Anlässlich des „Afrika-Malariatages“ am 25. April wies die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ erneut auf den Mangel an wirksamen Medikamenten hin.
Die erste Chloroquin-Resistenz trat 1980 in Kenia auf. Gerade in Ost-
afrika ist das kostengünstige Bayer-Präparat Resochin inzwischen kaum noch wirksam. Auch auf Sulfadoxin/Pyrimethamin (Fansidar) sprechen die Plasmodien oftmals nicht mehr an. Trotzdem sind die Präparate weiterhin im Einsatz. Auf diesen Zustand hat die WHO mit ihrer „Roll Back Malaria“-Kampagne reagiert. Sie empfiehlt eine Kombinationstherapie auf Artemisin-Basis.
Das gut verträgliche Artemisin wird aus der in China seit Jahrhunderten bekannten Heilpflanze Artemisia annua (einjähriger Beifuß) gewonnen. Isoliert wurde die Substanz erstmals 1971. Gegen Artemisin und seine Derivate Artesunat und Artemether sind bisher keine Resistenzen von Plasmodium falciparum bekannt. Damit das so bleibt, empfiehlt die WHO zur Malariatherapie eine Kombination mit anderen Wirkstoffen: Amiodaquin, Mefloquin, Lumefantrin oder Pyrimethamin. Das erste verfügbare ACT-Präparat (Artemisinclass Combination Therapy) stellte Novartis her. Unter dem Namen Riamet wird die Mischung aus Artemether und Lumefantrin in Industrienationen vertrieben. Zur Prophylaxe ist das Präparat nicht geeignet. In Entwicklungsländern ist es unter dem Namen Coartem erhältlich.
Nach Angaben von Novartis ist Coartem auch bei Multiresistenzen wirksam und für Kinder unbedenklich. 2001 verpflichtete sich der Konzern gegenüber der WHO, Coartem zum Produktionspreis an öffentliche Einrichtungen in Entwicklungsländern und nichtprofitorientierte Organisationen zum Vertrieb abzugeben, zunächst für zehn
Jahre. Der „Global Fund to Fight HIV/AIDS, Tuberculosis and Malaria“ hat für 2005 und 2006 170 Millionen US-Dollar für die Finanzierung zugesagt. Coartem ist bislang das einzige ACT-Präparat auf der Liste unentbehrlicher Medikamente der WHO. Die WHO empfahl – die afrikanischen Staaten folgten. Zahlreiche Länder stellten ihre nationalen Behandlungsempfehlungen um.
Die erhöhte Nachfrage hat die Heilpflanze allerdings inzwischen knapp werden lassen. Nur die Hälfte der geforderten Behandlungsrationen kann Novartis in diesem Jahr liefern. Die Verantwortung für die Fehlplanung will der Pharmariese nicht übernehmen. Nach Angaben des Konzerns hat die WHO ihre Bedarfsschätzungen für 2005 innerhalb von drei Monaten von zehn auf 60 Millionen benötigte Behandlungen erhöht. „Ärzte ohne Grenzen“ wirft der WHO vor, sich zu sehr auf die Partnerschaft mit Novartis konzentriert zu haben. „Dabei gibt es durchaus auch andere Hersteller von ACT, mit denen die WHO nicht zusammenarbeitet“, so Christiane Löll, Sprecherin von Ärzte ohne Grenzen. Beispiel: die indische Pharmafirma Ipca.
Mittlerweile haben auch andere Firmen Artemisin-basierte Präparate entwickelt, beispielsweise GlaxoSmithKline das in klinischer Testung befindliche CDA (Chlorproguanil/Dapson/Artesunat). Finanziell unterstützt wird das Pharmaunternehmen dabei von der nicht-profitorientierten Organisation „Medicines for Malaria Venture“. Die Stiftung „Drugs for Neglected Diseases Initiative“ (DNDI) wird in Zusammenarbeit mit dem Konzern Sanofi-Aventis voraussichtlich im kommenden Jahr eine Kombination aus Amiodaquin und Artesunat auf den Markt bringen. Der Preis soll unter einem US-Dollar pro Behandlung liegen. Die DNDI wird das Patent erhalten.
Das Institute for One World Health, eine US-amerikanische Non-profit-Phar-mafirma, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Biotech-Unternehmen Amyris ebenfalls ein ACT-Präparat. Der lebensrettende Rohstoff wird gentechnisch hergestellt. Bis zur Marktreife werden voraussichtlich aber noch Jahre vergehen.
Aufgrund des Versorgungsengpasses mit Artemisinpräparaten werden auch in diesem Jahr Hunderttausende Menschen der Malaria tropica zum Opfer fallen. Mit einem Impfstoff ist frühestens in einigen Jahren zu rechnen. Im Kampf gegen Malaria scheint den Akteuren die Zeit davonzulaufen. Dr. med. Birgit Hibbeler
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