POLITIK: Medizinreport

Mykologen erörtern ein neues Phänomen: Vom Irrationalismus des „Pilzwahns“

Dtsch Arztebl 1997; 94(3): A-90 / B-74 / C-73

Klinkhammer, Ferdinand

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Zunehmend werden in den letzten Jahren Arztpraxen und Ambulanzen von Patienten überlaufen, die eine chronische Infektion durch Hefepilze vorgeben. Sie verlangen von den Ärzten Stuhlanalysen, spezielle Pilzdiäten und eine Pilzsanierung. Bei genauer Durchuntersuchung lassen sich bei diesen Patienten weder Pilzinfektionen noch Ursachen für gehäufte Pilzinfektionen finden. Auf der 30. Tagung der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft in Kiel nannte Prof. Wolfgang Stille (Frankfurt/Main) dieses Phänomen "Pilzwahn" und führte es auf trivialmedizinische Bücher aus den USA zurück, die die Existenz eines CandidaSyndroms proklamieren. Diese nichtbeweisbare These veranlaßte Alternativmediziner und Heilpraktiker, in großem Umfang Darmsanierungen durchzuführen. Seriöse Ärzte sollten nach Stille ihre Patienten aber nicht durch fragwürdige Pilzdiäten oder Nystatinkuren belästigen.
Nach Professor Hannelore Bernhardt beherbergt der Orointestinaltrakt des Menschen etwa 1014 Mikroorganismen, die sich im Verlauf der Koevolution an verschiedenen Standorten zu konstanten Besiedlungsmustern angeordnet haben. Am stärksten kolonisiert sind Mundhöhle und Dickdarm, wobei obligat anaerobe Mikroorganismen den Hauptanteil stellen. Auch die Sproßpilze gehören zur Normalflora des Menschen und wurden in 60 bis 70 Prozent der Probanden gefunden.
Die bei einer gestörten Flora der Mikroorganismen entstandenen Nischen können von Sproßpilzen besiedelt werden, wobei C. albicans eine Affinität zu bestimmten Gewebstypen aufweist. Histologisch nimmt die Nachweishäufigkeit von Candida im humanen Orointestinaltrakt von cranial nach caudal stark ab. Die Vermehrung von Candida hängt sehr stark von Milieufaktoren ab.
Dr. Anna Sander (Freiburg) hat je 100 Stuhlproben von gesunden Erwachsenen und Patienten mit Diarrhö (41 stationär, 59 ambulant) quantitativ mit der Methodik nach Müller mykologisch untersucht. Dabei zeigte sich, daß bei Patienten mit Diarrhö und bei Gesunden Hefen mit gleicher Häufigkeit nachgewiesen wurden. Die Folgerung ist, daß Hefen im Stuhl keine pathologische Bedeutung zukommt.
Über das aktuelle Erregerspektrum bei systemischen Candidosen führte Dr. Wolfgang Fegeler (Münster) aus, daß seit einigen Jahren ein zunehmender Trend mit abnehmendem Anteil an C. albicans hin zu den "non-C.albicans"-Arten beschrieben wird, obwohl in früheren Jahren C. albicans mit 80 Prozent und mehr die häufigste Erregerart bei Fungämien und systemischen Candidosen war. Der Autor fand bei 55 Patienten mit positiven Blutkulturen nur bei 20 Patienten (36 Prozent) C. albicans als nachgewiesene Hefeart. Durchsicht der Literatur ergibt, daß beim Hefenachweis C. parapsilosis, C. tropicalis und C. glabrata mit wechselnder Häufigkeit die Plätze zwei bis vier belegen. Die beobachtete Artenverschiebung resultiert aus der Veränderung in der Patientenklientel (Grunderkrankung, Prädisposition, Therapie), aus Veränderungen in der generellen Diagnostik (insbesondere spezielle mykologische Diagnostik) und aus Veränderungen in der antimykotischen Prävention und Therapie.
Da ein Zusammenhang zwischen der Hefeart und der Empfindlichkeit gegenüber den verschiedenen Antimykotika besteht, stellt die zentrenbezogene Analyse der Verteilung der Hefearten und ihrer kausalen Veränderungen die wesentliche Voraussetzung für eine optimierte und differenzierte antimykotische Interventions- und Konsolidierungstherapie dar.
Professor Siegfried Nolting (Münster) stellte deutlich heraus, daß die Diagnose einer Mykose der Haut und der Schleimhäute den Nachweis der Pilze im Nativpräparat und die mykologische Anzüchtung in der Kultur erfordert. Sollte allein das klinische Bild Grundlage einer antimykotischen Therapie sein, dürfte es leicht zu zweifelhaften Therapieversuchen kommen, die in der Regel unbefriedigend beendet werden müssen. Die den Fortschritten der Medizin angepaßte Pilzdiagnostik ist für die mykologisch tätigen Ärzte eine unbedingte Notwendigkeit, weil nur sie eine erfolgreiche Therapie gewährleistet, Umwege in der Behandlung verhindert und damit Kosten spart.
Klinische Beobachtungen deuten nach Dr. Jochen Brasch (Kiel) seit einiger Zeit darauf hin, daß das Wachstum mancher Pilze von Steroidhormonen beeinflußt werden kann. In jüngster Zeit konnte nachgewiesen werden, daß bestimmte Pilzarten Steroidhormone bilden und zu einem eigenen mykotischen Steroidhormonmetabolismus fähig sind. Verschiedene, auch beim Menschen vorkommende Steroidhormone zeigten nach den Untersuchungsergebnissen verschiedener Autoren eine Hemmwirkung bei medizinisch relevanten Pilzspecies. Aus der Interaktion von kutanem und mykotischem Steroidmetabolismus und den Auswirkungen der Hormone auf die beteiligten Organismen ergeben sich neue Ansatzpunkte zum Verständnis der Erreger-Wirts-Beziehungen. Weitere Untersuchungen sind jedoch notwendig.
Viel Beachtung fand ein Referat von Dr. Ingrid Dill (Berlin). Nachdem in einer Großgärtnerei in großem Umfang kompostierbare Blumentöpfe, die aus Altpapier-Pappe hergestellt waren, eingesetzt wurden, traten bei drei Mitarbeiterinnen an den Fingerkuppen sehr schmerzhafte, entzündliche Hautveränderungen mit nachfolgender Hautablösung auf. Die Töpfe zeigten äußerlich starken Schimmelbefall und färbten die Finger intensiv schwarz. Eine mikroskopische Untersuchung des schwarzgefärbten Topfbefalls ergab, daß an fast allen Töpfen schwarze Konidienmassen von Stachybotrys chartarum (ein mykotoxinbildender typischer PappeBesiedler) und Perithezien von Chaetomium sp. hafteten. Zur Luftkeimmessung der inhalativen Belastung wurde die Sporenfalle eingesetzt. Es zeigte sich, daß die Belastung der Luft mit Konidien von S. chartarum beim Hantieren mit den Töpfen stark anstieg (mehr als 6 000 Konidien pro m3 Luft).
Messungen, bei denen die Töpfe nicht bewegt wurden, ergaben Werte von 30 bis 100 Konidien pro m3 Luft. Das massive Auftreten des mykotoxinbildenden S. chartarum ist alarmierend, weil es durch Inhalation von Konidien und durch direkten Kontakt mit Myzel zu Gesundheitsschädigungen kommen kann. Allgemein werden schon geringe Konzentrationen von S. chartarum als bedenklich bewertet. Außerdem muß auch die von den Töpfen ausgehende allergene Belastung herausgestellt werden.
Dr. rer. nat. Ferdinand Klinkhammer

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