ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2005Chronic Fatigue Syndrom: Mit Psychotherapie gegen die Müdigkeit

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Chronic Fatigue Syndrom: Mit Psychotherapie gegen die Müdigkeit

PP 4, Ausgabe Mai 2005, Seite 224

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LNSLNS Mit einer individuell angepassten Therapie können Zustandsverbesserungen erzielt werden. Behandlungsziel
ist die Steigerung von Aktivität und Belastbarkeit der zum
Teil schwierigen Patienten.

Klagt ein Patient über ständige Müdigkeit, kann es dafür viele Ursachen geben. Müdigkeit geht oftmals mit Medikamenteneinnahme, psychischen und körperlichen Erkrankungen einher, sie tritt aber auch infolge von dauerhafter Überbelastung auf. Bei manchen Patienten lässt sich jedoch keine Ursache feststellen. Für diese Fälle wurde der Begriff „chronic fatigue syndrome (CFS)“ eingeführt.
Das CFS wird erst seit einiger Zeit als eigene Krankheitsentität beschrieben. Es ist diagnostisch mit der Neurasthenie nahezu identisch und wird den somatoformen Störungen zugeordnet. Das Hauptsymptom besteht in einer schweren und lang dauernden Erschöpfung, die nicht durch Schonung oder Ruhe zu beheben ist. Nach normalen psychischen und physischen Anstrengungen kommt es zu einer starken Verschlechterung des Zustands, der oft mit einer zeitlichen Verzögerung auftritt und mehrere Tage dauern kann. Nebenkriterien für die Diagnosestellung sind eine Reihe von weiteren Symptomen wie etwa Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Lymphknotenschwellungen sowie Muskel- und Kopfschmerzen. Auch depressive Verstimmungen, Gereiztheit und Schlafstörungen zählen dazu.
Der Beginn der Erkrankung ist oft mit einer akuten Belastung assoziiert, wie zum Beispiel Infektionen, Unfälle, Operationen, Arbeitsbelastung, Trennung vom Partner, Scheidung oder Tod von Angehörigen. Vor allem Infektionen werden als Auslöser angegeben. „Der Auslöser darf jedoch nicht mit der Ursache gleichgesetzt werden“, betont Dr. phil. Jens Gaab vom Psychologischen Institut der Universität Zürich.
Die Ursachen des CFS sind nicht bekannt. Es existieren auch keine speziellen Therapien. Daher zielt die Behandlung in erster Linie darauf ab, die Symptomatik zu verbessern, den Verlauf günstig zu beeinflussen und negativen Folgen vorzubeugen. Viele CFS-Patienten fühlen sich nicht ernst genommen, weil ihnen mangels organischen Befunds häufig unterstellt wird, zu simulieren. Die meisten von ihnen haben einen langen Leidensweg und zahlreiche erfolglose Behandlungsversuche hinter sich. Im Laufe der Zeit haben sie ausgeprägte Ängste entwickelt, ihr Leiden durch Aktivität weiter zu verschlimmern. Daher haben sie ihr ganzes Verhalten darauf abgestellt, sich zu schonen.
Keine einfachen Patienten
Aufgrund dieser Einstellungen und Erfahrungen sind CFS-Betroffene keine einfachen Patienten. Sie vermeiden manchmal geradezu krampfhaft die Konfrontation mit psychischen Ursachen, sie sind nicht oder falsch über Psychotherapie informiert und haben oft eine ablehnende Haltung ihr gegen-über. Das überfordert viele Therapeuten. So berichten etwa Psychologen vom Medizinischen Zentrum der Universität Nijmegen: „Unsere Befragung unter Psychotherapeuten ergab, dass diese es schwieriger fanden, CFS-Patienten zu behandeln als Patienten mit anderen psychischen oder körperlichen Problemen.“ Als besonders belastend erlebten die Therapeuten das mangelnde Vertrauen der CFS-Patienten in eine psychotherapeutische Behandlung und deren ungenügende Therapiemotivation. Darüber hinaus fiel es den Befragten häufig schwer, standardisierte Therapieverfahren an die oft sehr individuelle Problematik der Patienten anzupassen.
Nach heutigem Kenntnisstand sollte CFS nur interdisziplinär behandelt werden. Der Therapieplan muss auf jeden Patienten persönlich zugeschnitten werden. Übergeordnetes Ziel ist der Aufbau von regelmäßiger, der individuellen Belastbarkeit angepassten Aktivität. Ärzte und Psychotherapeuten sollten hierbei Hand in Hand arbeiten. Die Aufgaben des Arztes bestehen unter anderem darin, die körperliche Belastbarkeit festzustellen, Trainingspläne aufzustellen, den Patienten zu beraten und im Bedarfsfall eine medikamentöse Therapie durchzuführen. Zurzeit beschränken sich medikamentöse Maßnahmen auf die Behandlung von Symptomen wie Schlafstörungen, Schmerzen und Verstimmungen. Eingesetzt werden dazu unter anderem Antidepressiva, weil diese nach empirischen Befunden eine geringfügige Wirkung auf psychische Symptome des CFS haben. Die Behandlung mit Immunglobulinen, Fischöl, Aciclovir und Fluoxetin hat sich hingegen als wirkungslos erwiesen.
Von psychotherapeutischer Seite kann eine Steigerung des Aktivitätsniveaus und ein Abbau des Schon- und Vermeidungsverhaltens durch verschiedene Methoden gefördert werden. In den Therapiesitzungen sollten die subjektiven Krankheitsmodelle der Patienten besprochen werden, denn die Kognitionen und Attributionen der Patienten geben Aufschluss über Faktoren, die die Krankheit aufrechterhalten. Die Gestaltung der Beziehung sollte systematisch geplant werden, denn sie ist der kritische Punkt für den weiteren Therapieverlauf. Für den Therapeuten bedeutet das: den Patienten unbedingt ernst nehmen, ihn wertschätzen und seine Beschwerden nicht bagatellisieren. Ist das Vertrauen des Patienten gewonnen, können psychische Aspekte der Erkrankung bearbeitet und bewältigt werden. In der Therapie sollten beispielsweise Leistungsorientierung, Selbstwertdefizite, Perfektionismus und Angst vor Zurückweisung thematisiert werden.
Zur Behandlung eignen sich unter anderem Techniken wie kognitive Restrukturierung, Selbstsicherheitstraining sowie die Vermittlung von Bewältigungsstrategien. Sie können durch eine Tagesstrukturierung unterstützt werden, bei der Aktivitäts- und Ruhephasen zunehmend zusammengefasst werden, sodass eine normale zirkadiane Rhythmik entsteht und Schlafstörungen reduziert werden. Sämtliche Maßnahmen greifen jedoch nur, wenn der Patient eine Veränderung anstrebt. Das ist nicht immer selbstverständlich, denn viele Symptome und Verhaltensweisen sind oft schon verfestigt und erfüllen bedeutsame Funktionen für den Patienten. Sie ermöglichen es ihm etwa, Aufmerksamkeit und Fürsorge einzufordern oder sich vor unangenehmen Aufgaben zu drücken. Ein mechanisches Abwickeln psychotherapeutischer Techniken nützt daher nichts.
Die Prognose ist gemischt. Ohne Behandlung können bei etwa einem Viertel der Patienten Verbesserungen beobachtet werden. Ungefähr die Hälfte der Patienten weist langfristig keine Veränderungen auf. Verschlechterungen werden von etwa einem Fünftel der Patienten berichtet. Es ist davon auszugehen, dass eine vollständige Beschwerdefreiheit trotz aufwendiger Behandlung bei vielen Patienten nicht erreicht werden kann. Von einem therapeutischen Erfolg kann daher schon gesprochen werden, wenn es gelingt, die aufrecht-
erhaltenden Faktoren zu modifizieren und damit die Lebensqualität zu verbessern. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Gaab J: Psychotherapie chronischer Erschöpfungszustände. Psychotherapeut 2004; 49: 431–445.
2. Bazelmans E, Prins J, Hoogveld S, Bleijenberg G: Man-
ual-based cognitive behaviour therapy for chronic
fatigue syndrome: therapists’ adherence and perceptions. Cognitive Behaviour Therapy 2004; 3: 143–150.
3. Stulemeijer M, de Jong L, Fiselier T, Hoogveld S, Bleijenberg G: Cognitive behaviour therapy for adolescents with chronic fatigue syndrome: randomised controlled trial. British Medical Journal 2005; 330: 14.


Informationen im Internet:
Fatigatio e.V. – Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom, www.fatigatio.de, www.cfs-forum.info
AWMF-online – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
Leitlinie Somatoforme Störungen 8: Neurasthenie (ICD-10 F48.0)/Chronic Fatigue Syndrome, http://leitlinien.net
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