ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1997Zweifelhafte Aktivität von „Instituten“ und „Diensten“: Umweltmedizin findet ohne Mediziner statt

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Zweifelhafte Aktivität von „Instituten“ und „Diensten“: Umweltmedizin findet ohne Mediziner statt

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Etwa 700 Ärzte haben seit 1992 die Zusatzbezeichnung Umweltmedizin erworben. Die approbierten Mediziner bilden dennoch in der relativ jungen Disziplin nur eine Randgruppe. Beherrscht wird die "Szene" von Umweltingenieuren und Heilpraktikern. Erstere bieten eine extensive Labordiagnostik ohne öffentliche Kontrolle an. Die Ergebnisse dienen letzteren als Rechtfertigung für eine Entgiftungsbehandlung mit Multivitaminpräparaten, deren Gleichförmigkeit angesichts der diffizilen Labordiagnostik reichlich banal wirkt.
Prof. Martin Schata (Universität Witten-Herdecke) verglich auf dem 6. Forum "Gesundheit und Umwelt" der Bundes­ärzte­kammer in Hannover die Situation mit der Entwicklung in der klinischen Allergologie vor einigen Jahren. Die Alternativmedizin habe das Feld gewechselt, die Methoden seien jedoch die gleichen geblieben. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Diagnostik, bei der zum Teil zweifelhafte Methoden, wie die Elektroakupunktur und die Bioresonanz, angewendet werden.


Zweifelhafte Kompetenz
Auch wenn die Methoden an sich harmlos sind, können sie den Patienten dennoch einen erheblichen finanziellen Schaden zufügen. So wußte Schata von einer Patientin zu berichten, die für die diagnostische Abklärung einer chronischen Müdigkeit mit Elektroakupunktur 18 000 DM hinlegen sollte. An die Öffentlichkeit gelangen diese Fälle häufig nur deshalb, weil die Patienten versuchen, die Kosten anschließend von den Krankenkassen rückerstattet zu bekommen.
Geradezu preisgünstig ist vor diesem Hintergrund das Angebot einer Baumarktgruppe, für 398 DM Schadstoffmessungen der Wohnung durchzuführen. Was Schata und andere hier besonders ärgert, ist, daß eine Krankenkasse (AOK) diese Aktion durch Werbung auf dem Umweltmobil unterstützt. Vielfach werden die Messungen von den Krankenkassen, die sich in der sich abzeichnenden Konkurrenzsituation profilieren möchten, auch noch bezahlt.
Hohe Kosten werfen auch die Behandlungen auf, etwa die sogenannte Ausleittherapie, bei der versucht wird, die Patienten mit hochdosierten Vitaminkombinationen (häufig in Kombination mit einem Saunabesuch) zu entgiften. Dabei entstehen leicht Tagestherapiekosten von 700 DM und mehr. Eine obere Grenze gibt es nicht, zumal der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind und die einzelnen Therapieformen wahllos kombiniert werden.
Da bietet etwa eine Hamburger Firma ein Gerät zur Durchführung einer "Colon Hydro-Therapie" an. Vom "Einsteigermodell" Kolovir 2000 für 3 900 DM (zzgl. MwSt., versteht sich) bis hin zur neuen Gerätegeneration Colon S mit Bioresonanz- und Farbtherapie (ohne Preisangabe) reicht das Angebot in einem Inserat der "Zeitung für Umweltmedizin" (nicht zu verwechseln mit der seriösen Zeitschrift für Umweltmedizin und Ökotoxikologie, die diesen Namen nach einer rechtlichen Auseinandersetzung nur noch im Untertitel führt).
Laut Schata werden derartige Therapien nicht nur von Heilpraktikern durchgeführt, sondern in zunehmendem Maße auch von approbierten Ärzten mit zweifelhafter umweltmedizinischer Kompetenz. Hier sei nicht nur die Grenze des standesrechtlich Bedenklichen überschritten. "Wenn Patienten finanziell und medizinisch geschädigt werden, ist dies eine Angelegenheit für den Staatsanwalt", forderte Schata. Die Gläubigkeit mancher Patienten in ihre Umweltkrankheit und die Abhängigkeit zum Therapeuten können so groß werden, daß einige regelrecht bis zur Sozialhilfe verarmten.
Schata hält es für dringend erforderlich, im Rahmen der Umweltmedizin evaluierte Konzepte und validierte Meßmethoden zu entwerfen, um eine seriöse Patientenversorgung sicherzustellen.
Die Einführung der Zusatzbezeichnung "Umweltmedizin" 1992 habe sich als unzureichend erwiesen. Angemessen wäre ein Facharzt für Umweltmedizin. Auch die Forschung müßte intensiviert werden, etwa durch Einrichtung von Lehrstühlen für Umweltmedizin an den Universitäten.
Die Zeit dränge, wolle man das Feld nicht ganz der zunehmenden Zahl umweltmedizinischer "Dienste" und "Institute" überlassen. Diese Bezeichnungen sind häufig pure Bauernfängerei. Vor allem, wenn sie in Verbindung mit einem Städtenamen gebraucht werden, sollen sie die Assoziation an offiziell anerkannte, wenn nicht gar staatlich geförderte Einrichtungen wecken. Dies suggeriert, daß die Ergebnisse auch richtig sind.
Genau dies ist nach Angabe von Dr. Christian Krause (Umweltbundesamt Berlin) häufig nicht der Fall. Krause empfahl den Ärzten dringend, Proben nur von solchen Laboratorien untersuchen zu lassen, die an einem Ringversuch zur Überprüfung der Richtigkeit der Meßergebnisse teilgenommen haben und dafür von der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin in Erlangen oder anderen Institutionen ein Zertifikat erhalten haben. Eine Akkreditierung bei öffentlichen Behörden, mit der einige Laboratorien für "höchste Qualität und Präzision" werben, sei dagegen häufig wertlos.
An den Ringversuchen nimmt (aus Kostengründen) derzeit nur eine Minderheit von etwa 60 aus über tausend Laboratorien teil, die es mittlerweile in Deutschland geben soll. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Die Erfolgsquote der Laboratorien liegt bei etwa 60 Prozent. Das bedeutet, daß 40 Prozent der Laboratorien schlichtweg unbrauchbare Ergebnisse liefern. Die Frage, welche klinische Bedeutung erhöhte Werte in den anderen Fällen haben, ist dabei noch gar nicht beantwortet. Rüdiger Meyer

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