ArchivDeutsches Ärzteblatt PP5/2005Volksgruppe der Holo: Schönheit und Magie

KUNST + PSYCHE

Volksgruppe der Holo: Schönheit und Magie

PP 4, Ausgabe Mai 2005, Seite 240

Kraft, Hartmut

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Magische Figur (Mvunzi) der Holo. Holz, braun patiniert. Deutliche Gebrauchsspuren. Höhe 28 cmFoto: Eberhard Hahne
Magische Figur (Mvunzi) der Holo. Holz, braun patiniert. Deutliche Gebrauchsspuren. Höhe 28 cm
Foto: Eberhard Hahne
Nur selten ist die Herkunft einer alten afrikanischen Skulptur so gut dokumentiert wie in diesem Fall. Die kleine Figur stammt aus dem Dorf Mundjinga in der Region Musuku in Angola. Sie gehörte vermutlich einem Wahrsager oder Medizinmann vom Stamm der Holo, der sie in Problemfällen, wie Krankheiten und Diebstahl, oder zur Beeinflussung des Jagdglücks einsetzte. Die kleine Öffnung auf der Brust der Statuette enthielt ursprünglich magische Substanzen, die vor dem Verkauf der Figur entfernt wurden: Die Figur wurde auf diese Weise „entladen“.
Diese kleine Skulptur weist ungewöhnliche formale Eigenheiten auf. Der zylindrische Hals geht in einen ebensolchen massigen Körper über, der auf kunstvolle Art von den angewinkelten Armen und Beinen umfangen wird. Die auf den Knien aufgesetzten Ellenbogen bilden in der Vorderansicht ein Oval, in der Seitenansicht ein Kreuz, während Schulter- und Beckengürtel auf der Rückseite ein Rechteck ergeben. Diese schlichten geometrischen Grundformen unterstreichen den Eindruck innerer Sammlung und Ruhe, den uns auch das Gesicht mit seinen geschlossenen Augenlidern vermittelt.
Jenseits des Funktionszusammenhangs, in den derartige Figuren in afrikanischen Stammesgesellschaften eingebunden waren und zum Teil auch heute noch sind, stellen sie für Europäer faszinierende Kunstobjekte dar. Seit der Entdeckung der schwarzafrikanischen Stammeskunst durch Derain, Vlaminck und Picasso im Jahre 1907 haben sich zuerst die Künstler durch die ungewöhnlichen plastischen Formen zu eigenen Gestaltungen anregen lassen, schließlich hat eine immer größere Zahl von Sammlern die Qualitäten und die oft empfundene „Aura“ dieser Kunst schätzen gelernt. Dass es sich in diesem Fall ursprünglich um eine Skulptur handelte, die im Zusammenhang mit magischen Riten auch innerhalb der Heilkunst verwendet wurde, erhöht ihren Reiz jenseits der rein formalen Qualitäten – zumindest für Betrachter mit einem medizinischen und/oder psychotherapeutischen Hintergrund. Hartmut Kraft


Ethnologische Einordnung
Die Holo sind eine recht kleine Volksgruppe mit etwa 10 000 Menschen, die beiderseits des Oberlaufs des Flusses Kwango im Grenzgebiet zwischen Zaire und Angola lebt. Ihre Geschichte lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Wahrsager nganga ngombo übten eine wichtige Funktion in der Gesellschaft bei Krankheiten, Unglücken und sozialen Spannungen aus. Sie besaßen verschiedene Statuetten und magische Figuren wie die hier vorgestellte.

Literatur
Neyt F: Die Kunst der Holo. München: Fred Jahn, 1982.
Rubin W (Hrsg.): Primitivismus in der Kunst des 20. Jahrhunderts. München: Prestel, 1984.
Schaedler K-F: Lexikon afrikanischer Kunst und Kultur. München und Berlin: Klinkhardt und Biermann, 1994.
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