ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2005Tibolon: Ähnliche Risiken wie Östrogene

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Tibolon: Ähnliche Risiken wie Östrogene

Dtsch Arztebl 2005; 102(19): A-1321 / B-1109 / C-1049

Koch, Klaus

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LNSLNS Bislang galt der Wirkstoff Tibolon, dessen Metabolite östrogene, gestagene und androgene Effekte besitzen, als eine weniger riskante Alternative zur postmenopausalen Hormontherapie (HT). Doch eine aktuelle Auswertung der Million Women Study (Lancet 2005; 365: 1543) deutet darauf hin, dass die langjährige Einnahme des 19-Nortestosteronderivates mit ähnlichen Karzinomrisiken für Gebärmutter und Brust verbunden ist wie herkömmliche Östrogenpräparate. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht sich daher veranlasst, „über notwendige Änderungen der Produktinformationen“ zu beraten. Valerie Beral von der Universität Oxford und Kollegen untersuchten nun anhand der Daten von 716 738 Frauen aus der Million Women Study die Auswirkungen verschiedener HT-Regime auf die Entstehung von Endometriumkarzinomen. Die Analyse ergab, dass Frauen, die eine nur östrogenhaltige HT oder Tibolon verwendeten, einem höheren Risiko für Gebärmutterkrebs ausgesetzt waren als Frauen ohne HT. Das Karzinomrisiko nahm zudem mit der Dauer der Tibolon-Behandlung zu. Im Gegensatz dazu erhöhte die Einnahme einer kombinierten HT die generelle Häufigkeit für Gebärmutterkrebs nicht.

Die Auswertung bestätigte das bereits bekannte Risiko, dass Östrogen-Monopräparate das Risiko für Gebärmutterkrebs steigen lassen. Während von 1 000 Frauen ohne HT etwa drei innerhalb von fünf Jahren an Gebärmutterkrebs erkrankten, waren es nach langjähriger Östrogen-Einnahme fünf von 1 000. Die Studie zeigte auch, dass das Risiko für Gebärmutterkrebs bei adipösen Frauen auch ohne HT höher liegt, vermutlich weil deren Fettgewebe selbst vermehrt Östrogene freisetzt. Von 1 000 Frauen mit einem Bodymass-Index über 30 erkrankten sechs innerhalb von fünf Jahren an dem Tumor.

Eine unangenehme Überraschung brachte jedoch die Auswertung der etwa 28 000 Frauen, die Tibolon eingenommen hatten. Das Mittel ist in Deutschland seit 1999 auf dem Markt, in England bereits seit 1991. Viele Experten gingen davon aus, dass Tibolon weniger riskant ist als herkömmliche Östrogen-Präparate. Doch die neuen Ergebnisse widersprechen diesem Glauben: Bei den Frauen, die Tibolon länger als drei Jahre eingenommen hatten, lag das Gebärmutterkrebs-Risiko sogar noch etwas höher als bei Frauen unter Östrogen-Monotherapie. Auch hier waren aber nur wenige von 1 000 Frauen von Krebs betroffen.
Klaus Koch
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