ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2005Top VII - Ärztliches Fehlermanagement/Patientensicherheit: Offenheit und Transparenz

POLITIK: Deutscher Ärztetag

Top VII - Ärztliches Fehlermanagement/Patientensicherheit: Offenheit und Transparenz

Dtsch Arztebl 2005; 102(19): A-1352 / B-1129 / C-1069

Klinkhammer, Gisela

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Günther Jonitz: „Unser Berufsstand unterliegt einer höheren Verantwortung, die wir unmittelbar für unsere Patienten übernehmen.“
Günther Jonitz: „Unser Berufsstand unterliegt einer höheren Verantwortung, die wir unmittelbar für unsere Patienten übernehmen.“
Die Delegierten des 108. Deutschen Ärztetages haben sich für die Entwicklung von Fehlervermeidungsstrategien ausgesprochen.

Autoritäres Handeln, verbunden mit negativen Anreizen, wird immer dazu verleiten, aufgetretene Probleme nicht auszuweisen.“ Dieses Zitat des ehemaligen Leiters des Deutschen Krankenhausinstitutes, Prof. Dr. Eichhorn, aus dem Jahr 1992 bezeichnete der Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzender der Qualitätssicherungsgremien der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Günther Jonitz, als „schlichte, aber richtige Erkenntnis“. Die Zeit sei jetzt reif, sich über das Thema Patientensicherheit systematisch und sachlich, transparent und fair auszutauschen und aktiv zu werden.
Und diese Ansicht wurde von den Delegierten des 108. Deutschen Ärztetages in Berlin geteilt. Mit einem einstimmigen Votum begrüßten sie die Etablierung von Fehlermeldesystemen in der ärztlichen Versorgung. Gerade weil der Patient, der sich in subjektiver und objektiver Not befinde, ein besonderes Schutzbedürfnis habe, müsse, so Jonitz, alles dafür getan werden, damit dieser Schutz gewährleistet und das Vertrauen in den Arzt und seine Behandlung gewahrt bleibe. Die Dramatisierung von realen oder behaupteten Fehlern in der Patientenversorgung sei bis in die jüngere Vergangenheit aus Presse, Funk und Fernsehen und auch aus der Politik bekannt. Die Stigmatisierung des ärztlichen Berufsstandes falle ebenso in diese Kategorie, „und die Liste spektakulärer Buchtitel ist genauso lang wie langweilig“. Die meisten lebten von Sensationsdarstellungen und der Schaulust und trügen wenig zur Aufklärung bei. Jonitz ärgert sich über solche pauschalen, extremen Darstellungen. „Gleichwohl leben wir damit, dass unser Berufsstand einer höheren öffentlichen Aufmerksamkeit unterliegt. Dies ist Konsequenz der höheren Verantwortung, die wir unmittelbar für unsere Patienten übernehmen.“
Die Medizin werde immer leistungsfähiger, damit aber auch immer komplexer. „Während vor 20 Jahren zahlreiche Krankheiten unheilbar waren oder nur wenige Therapieverfahren zur Verfügung standen, gibt es jetzt eine große Auswahl unterschiedlicher Möglichkeiten, kranken Menschen zu helfen. Dies gilt beispielsweise bei Aids-Patienten, bei Tumorkranken oder bei Patienten mit Zuckerkrankheit. Neue Medikamente versprechen bessere Behandlung, Nebenwirkungen werden jedoch erst im Alltag entdeckt“, so der Beschluss des Ärztetags. Und damit steigt Jonitz zufolge das Risiko, nicht immer die richtige Entscheidung treffen zu können.
Außerdem sei das Durchschnittsalter der Patientinnen und Patienten deutlich gestiegen. So seien hochbetagte Patienten jenseits des 80. Lebensjahres keine Seltenheit mehr, stellte Jonitz fest. Dies mache sie anfälliger für Risiken und Nebenwirkungen medizinischer Behandlungen. „Selbstverständlich möchten diese Patienten Anteil haben am medizinischen Fortschritt.“ Darüber hinaus verschlechterten sich die Rahmenbedingungen zur Gewährleistung guter Medizin. Finanzielle Zwänge, Zeitnot und Bürokratie machten es dem Arzt immer schwerer, gute Medizin zu betreiben und sich gleichzeitig um seine Patienten zu kümmern. „Kostendruck und Wettbewerb führen zu undifferenzierten Einsparungen mit der Konsequenz der Gefährdung der Patientenversorgung. In immer kürzerer Zeit und mit weniger Personal müssen immer mehr Patienten mit immer komplexer werdenden Untersuchungs- und Behandlungsmethoden betreut werden“, so die Entschließung. Die klassische Aufarbeitung von Behandlungsfehlern rein unter haftungsrechtlichen Gesichtspunkten sei nicht mehr sachgerecht. Vielmehr müssten Strategien entwickelt werden, in deren Zentrum die Suche nach organisations- und kommunikationsbedingten Verbesserungspotenzialen in der Behandlungs- und Versorgungskette stünden. „Noch wird in der Patientenversorgung allzu oft nach dem ,Sündenbock-Prinzip‘ gearbeitet (,Wer war schuld?‘), anstatt zu fragen ,Was war schuld?‘. So erscheint ein Systemfehler als individuelles Verschulden eines Arztes. Das ist ungerecht und falsch“, betonte das Ärzteparlament.
Keine Sanktionsinstrumente
An dieser Stelle setzten Beinahe-Fehlerberichts- und Beinahe-Lernsysteme an. Ein solches System, das Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Ärztlicher Direktor am Klinikum der Philipps-Universität Marburg, vorstellte, ist das so genannte Critical Incident Reporting System (CIRS). Fehlermeldesysteme wie CIRS basierten auf dem prozessorientierten Ansatz, dass Fehler in einer medizinischen Behandlung weniger häufig auf dem schicksalhaften Versagen einer Einzelperson als auf der Verkettung mehrerer Schwachstellen beruhen, heißt es in dem Beschluss des Ärztetages.
Deshalb muss Schrappe zufolge die Anonymität der Meldung gewährleistet sein. Außerdem schlägt er eine Beschränkung auf Beinahe-Schäden („Beinahe-Fehler“) vor. In dem Ärztetagsbeschluss heißt es entsprechend: „Die Suche von Beinahe-Fehler-Berichtssystemen wie CIRS konzentriert sich auf eben diese Schwachstellen oder Zwischenfälle, die für sich betrachtet noch nicht zu einem Schaden für die Patientinnen und Patienten geführt haben, aber in Kombination mit einer anderer Schwachstelle zu einem Schaden hätten führen können.“ Kliniken oder Praxen, die ein solches System einführten, sollten Schrappe zufolge auf einen „non-punitiven Ansatz“ Wert legen. So habe sich der Klinikvorstand der Universität Marburg verpflichtet, zur Verhinderung von Fehlern und Schäden und zur Ermöglichung der Analyse von Schadensfällen die disziplinarische Ahndung zurückzustellen, sofern der Fehler beziehungsweise der Schaden im CIRS gemeldet sei. Auf keinen Fall dürften durch CIRS juristische Nachteile drohen, forderte Schrappe. „Beinahe-Fehler-Berichtssysteme sind keine Sanktionsinstrumente, sondern dienen der Fehlerprävention“, heißt es in der Ärztetagsentschließung.
Mit Beschluss vom Oktober 2004 haben die Vorstände von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung die Bildung einer Netzwerksorganisation zur Förderung von Patientensicherheit befürwortet. „Hiermit sollen bereits auf Ebene der ärztlichen Selbstverwaltung und der medizinischen Fachgesellschaften entwickelte Initiativen gebündelt und neue Maßnahmen wie zum Beispiel Beinahe-Fehler-Berichtssysteme und Risikomanagement gefördert werden. Dies gelingt jedoch nicht im Alleingang, sondern setzt berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit und vertrauensvollen gegenseitigen Austausch der verschiedenen Partner des Gesundheitswesens voraus“, heißt es in dem Beschluss. Das Prinzip der Netzwerksorganisation gewährleiste gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Kooperation. Der Deutsche Ärztetag begrüßt die Gründung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, das sich am 11. April in Düsseldorf konstituiert hat, als eine solche Netzwerkorganisation. Das Bündnis will sich auf breiter Ebene der Fehlerprävention im Gesundheitswesen widmen und dazu entsprechende Aktivitäten bündeln.
Beschlossen wurde auch ein von den Berliner Delegierten Dr. med. Wolfgang Albers, Dr. med. Werner Wyrwich und Dr. med. Volker Pickerodt eingebrachter Antrag, wonach der Ärztetag „mit Besorgnis zunehmende Tendenzen sieht, originär ärztliche Tätigkeiten aus Gründen der Kostenersparnis auf nichtärztliches Personal zu verlagern. Hierzu sind besonders der Einsatz von Operations- und Anästhesieassistenten zu erwähnen.“ Was medizinisch sinnvoll sei, sollten Ärzte entscheiden, sagte Albers. Außerdem lehnt der Ärztetag „fachübergreifende Bereitschaftsdienste im Interesse der Patientensicherheit generell ab“. Dazu Dr. med. Jörg Zimmermann, Celle: „Wenn Sie morgen nach Hause fliegen, wollen Sie auch nicht, dass Sie der Taxifahrer fliegt.“
Gisela Klinkhammer
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