ArchivDeutsches Ärzteblatt19/2005TOP VIII -Tätigkeitsbericht – Telematik: Mitgestalten und Einfluss nehmen

POLITIK: Deutscher Ärztetag

TOP VIII -Tätigkeitsbericht – Telematik: Mitgestalten und Einfluss nehmen

Dtsch Arztebl 2005; 102(19): A-1356 / B-1132 / C-1072

Krüger-Brand, Heike E.

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Ingo Flenker: „Bei der Einführung von Gesundheitskarte und Heilberufsausweis muss ärztlicher Sachverstand einfließen.“
Ingo Flenker: „Bei der Einführung von Gesundheitskarte und Heilberufsausweis muss ärztlicher Sachverstand einfließen.“
Der Ärztetag befürwortet die schrittweise Einführung der Gesundheits-
telematik – unter bestimmten Voraussetzungen.

Das weltweit größte Telematikprojekt – die schrittweise Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ab 2006 und die elektronische Vernetzung aller Sektoren des Gesundheitswesens – ist auch nach jahrelangen Diskussionen innerhalb der Ärzteschaft immer noch umstritten. Als „größte Veränderung der Kommunikationsbeziehungen, die das Gesundheitswesen jemals erlebt hat“, hatte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, in seiner Eröffnungsrede beim Deutschen Ärztetag die Einführung der Telematik bezeichnet und gemahnt: „Wir müssen die Risiken eines solchen Projekts sehr genau prüfen und dürfen es nicht zulassen, dass die Gesundheitskarte mit einem Misstrauenschip in die tägliche Versorgung startet!“
Zwei gleich große Lager
Befürworter und Gegner des Projekts, das verdeutlichten Diskussion und Beschlussfassung des Ärztetages, sind zahlenmäßig beinahe gleich stark. Während die einen sich von der Telematik einen großen Nutzen für die medizinische Versorgung versprechen, befürchten die anderen, dass sich dadurch negative Auswirkungen für das ärztliche Arbeitsumfeld ergeben könnten. So haben die Delegierten dem Leitantrag des Vorstands der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), der eine aktive Beteiligung und Mitgestaltung der Ärzteschaft bei der geplanten Vernetzung des Gesundheitswesens vorsieht, nur mit knapper Mehrheit zugestimmt (97 zu 90 Stimmen, einige Enthaltungen). In dem Leitantrag heißt es: „Der 108. Deutsche Ärztetag begrüßt die Möglichkeiten, die die Einführung einer sicheren und einheitlichen elektronischen Kommunikationsinfrastruktur für das deutsche Gesundheitswesen bietet.“ Allerdings ist diese Bereitschaft zur Mitarbeit an bestimmte Bedingungen gebunden, denn eine im Sinne der Patienten und Ärzte erfolgreiche Einführung und Nutzung der Telematik ist nach dem Willen der Delegierten nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich, die als Forderungen im Leitantrag der BÄK formuliert sind (Kasten).
Ohnehin können sich die Ärzte nicht aus dem Projekt heraushalten, denn nach dem GKV-Modernisierungsgesetz (§ 291 a SGB V) ist es Aufgabe der gemeinsamen Selbstverwaltung, die erforderlichen Aufgaben für den Aufbau einer sicheren Tele­ma­tik­infra­struk­tur zu lösen. Außerdem hat der Gesetzgeber nicht nur die Einführung der eGK vorgeschrieben, sondern ebenso den elektronischen Arzt- beziehungsweise Heilberufsausweis (HBA) als Voraussetzung für den Zugriff auf die medizinischen Daten. Daran erinnerte Prof. Dr. med. Ingo Flenker, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Westfalen-Lippe und Vorsitzender des Ausschusses Telematik, in seinem Einstiegsreferat zum Thema. Der Vorstand der BÄK habe sich 2004 in nahezu jeder seiner Sitzungen mit den Themen eGK und HBA befasst, um sicherzustellen, „dass in eine der umfassendsten Veränderungen, die das Gesundheitswesen in den nächsten Jahren erleben wird, ärztlicher Sachverstand eingebracht werden kann und ärztliche Interessen wirksam und langfristig durchgesetzt werden“, sagte Flenker.
Er verwies darauf, dass bereits Mitte 2004 der Vorstand auf der Grundlage eines Planungsgutachtens beschlossen hatte, einen bundesweit einheitlichen elektronischen Arztausweis durch die Ärztekammern herauszugeben, um damit die Rolle der ärztlichen Selbstverwaltung als „Garant des entscheidenden Zugangswerkzeugs in der elektronischen Arbeitsumgebung“ zu stärken. Dem Gutachten zufolge wird „in der Arbeits- und Vorstellungswelt zukünftiger Ärztegenerationen der Einsatz vernetzter elektronischer Patientenakten und die elektronische Kommunikation von Patientendaten vollkommen selbstverständlich sein“. Für die ärztliche Selbstverwaltung geht es somit darum, ihren Einfluss auf diese Prozesse zu sichern. Das „Projektbüro Elektronischer Arztausweis“, das die Ausgabe des ärztlichen HBA planen, durchführen und die Lan­des­ärz­te­kam­mern bei ihren
Aufgaben unterstützen soll, hat inzwischen seine Arbeit aufgenommen und wird personell noch weiter ausgebaut. Zurzeit werden die Konzepte für die HBA-Herausgabe mit den regionalen Ärztekammern abgestimmt.
Zum Wohl der Patienten
„Gerade weil wir wissen, dass nicht die Technik schlecht ist, sondern dass es darauf ankommt, sie richtig einzusetzen, gibt es keine Alternative dazu, sich als Ärzteschaft aktiv einzubringen, um die großen Chancen zum Wohl der Patienten zu nutzen und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Ärzte beizutragen“, warb Flenker um Unterstützung für das Projekt und stellte die wesentlichen Potenziale der neuen Technik heraus:
- Im Behandlungsfall kann der Arzt schneller und einfacher auf bereits vorhandene Daten des Patienten zugreifen, den Krankheitsverlauf besser beurteilen und gezielter weiterbehandeln.
- Bei der Arzneimitteltherapie ergeben sich neue Möglichkeiten, potenzielle Wechselwirkungen auszuschließen, notwendige Dosisanpassungen zu erkennen und unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu vermeiden.
- Mit der eGK kann sich der Arzt bei Notfällen ein besseres Bild vom Gesundheitszustand des Patienten und eventuell bestehender Risiken machen sowie Ansprechpartner feststellen.
- Durch die Einführung des HBA und eines sicheren einheitlichen Kommunikationsnetzes können Ärzte Befunde und Arztbriefe elektronisch sicher verschlüsselt per E-Mail austauschen. Dadurch ergeben sich neue Chancen für die Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten und alle Formen der sektorübergreifenden Kooperation.
- Durch die Telematik werden Ärzte von administrativen Aufgaben entlastet, die durch Mehrfachdokumentationen entstehen.
Trotz dieser großen Chancen, die die Telematik in der medizinischen Versorgung bietet, überwiegen für viele Ärzte die mit der Technik verbundenen Risiken. Einen umfangreichen Katalog offener Fragen präsentierte Dr. med. Martin Junker, Westfalen-Lippe. Dazu zählen vorrangig die Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht, die Einhaltung datenschutzrechtlicher Bestimmungen, die kontinuierliche Evaluation, Finanzierungsfragen und das Problem der Datensicherheit. Diese Fragen seien vor der Einführung elektronischer Informationsprozesse im Gesundheitswesen zu klären, forderte Junker, und falls sie negativ beantwortet würden, müsse auch der „Mut zur Verweigerung“ aufgebracht werden, denn „ohne uns findet die eGK nicht statt“. „Patienten und Ärzte müssen an der Planung, Durchführung und Evaluation von notwendigen Probeläufen vor der endgültigen Einführung maßgeblich beteiligt werden“, forderte er in einem Antrag, der angenommen wurde.
Jörg-Dietrich Hoppe leitet hochkonzentriert die schwierige Telematikdiskussion.
Jörg-Dietrich Hoppe leitet hochkonzentriert die schwierige Telematikdiskussion.
Nach Meinung von Ekkehard Ruebsam-Simon, Baden-Württemberg, reicht die „Rechtfertigungsrhetorik: ,Wenn wir es nicht machen, machen es die anderen‘ bei diesem Thema nicht aus“. Er ergänzte den Katalog offener Fragen um die technische Problematik der Telematikumsetzung („Was passiert, wenn 120 000 Praxen ans Netz gehen?“) und die Frage nach der strukturellen Veränderung der Arzt-Patient-Beziehung und der Wahrung ihres Vertrauensverhältnisses. „Wir werden durchsichtig für Politik und Kassen“, warnte er. „Wenn Daten gesammelt werden, entstehen sofort Begehrlichkeiten“, gab auch Dr. med. Detlef Lorenzen, Baden-Württemberg, zu bedenken.
„In unheimlich knapper Zeit soll ein so umfassendes System eingeführt werden, wie es das noch nie gegeben hat“, meinte Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Scholz, Hessen. Im Hinblick auf die Datensicherheit forderte er, dass eine definierte praktische Lernphase unbedingt erforderlich sei. Auf Haftungsfragen („Jedes System ist knackbar“) und Probleme der praktischen Handhabung von eGK und elektronischem Arztausweis wies Dr. med. Christian Pfeiffer, Bayern, hin: „Wie soll die digitale Signatur zum Beispiel für das elektronische Rezept funktionieren? Welche Folgekosten werden dadurch in den Arztpraxen entstehen?“
Neben vielen kritischen Stimmen zur Telematik gab es auch Vorschläge zur Funktionserweiterung der eGK. Dr. med. Eduard Gilliar, Bayern, regte an, bei der Ausgabe der Gesundheitskarte die Möglichkeit einer Willenserklärung zur Organspende auf freiwilliger Basis zu prüfen. Ein weiterer Vorschlag betraf die Möglichkeit, einen Hinweis auf eine vorliegende Patientenverfügung auf der Gesundheitskarte vorzusehen. Beide Anträge wurden mit großer Mehrheit angenommen.
Auch wenn sich die ehrgeizigen Zeitpläne des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, ab 2006 mit der flächendeckenden Einführung der eGK zu beginnen, möglicherweise nicht verwirklichen ließen – spätestens 2008 werde die Karte Realität im deutschen Gesundheitswesen sein, prophezeite Flenker in seinem Schlusswort. Die Ärzte hätten daher nur zwei Möglichkeiten: „Wir spielen in diesem Spiel nicht mehr mit, oder wir sagen, unter welchen Bedingungen wir bereit sind, uns weiter einzubringen.“ Mit der – wenn auch knappen – Annahme des Leitantrages hat sich die Ärzteschaft fürs Weiterspielen entschieden. Heike E. Krüger-Brand
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