ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 3/2005Wikipedia: Gemeinsam sind wir schlau

Supplement: PRAXiS

Wikipedia: Gemeinsam sind wir schlau

Dtsch Arztebl 2005; 102(20): [22]

Krüger-Brand, Heike E.

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Im Rahmen der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia entsteht seit dem Frühjahr 2004 auch ein Nachschlagewerk zu Medizin und Gesundheit.

Anfangs eher als Hobby-Lexikon belächelt, hat sich Wikipedia innerhalb von vier Jahren zu einem der erfolgreichsten und am schnellsten wachsenden Projekte des Internets entwickelt, das täglich von rund 900 000 Nutzern besucht wird (www.wikipedia.org). Wikipedia ist ein multimediales Lexikon-Projekt in rund 100 Sprachen, das gegenüber anderen Enzyklopädien zwei Besonderheiten aufweist: Es wird von den Nutzern selbst geschrieben. Darüber hinaus ist die freie Weiterverbreitung der Inhalte nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht.
Neutraler Standpunkt
Die Nutzer („Wikipedianer“) können sich mit der „Wiki-Softwaretechnik“ einfach als Autoren betätigen, indem sie neue Artikel schreiben, Ergänzungen in bestehende Texte einfügen oder Artikel korrigieren. „Wikis“ sind einfache Content-Management-Systeme, mit denen sich Webseiten ohne HTML-Kenntnisse von jedem Browser aus bearbeiten lassen. Um die Hemmschwelle für Neuautoren niedrig zu halten, müssen sich diese dazu noch nicht einmal einloggen. Registrierte Nutzer können aber zusätzlich mit anderen Autoren über Einträge diskutieren oder sich über Neuerungen in bestimmten Artikeln informieren lassen. Oberstes Prinzip für die Autorentätigkeit ist die Wahrung des neutralen Standpunktes (NPOV; Abkürzung für neutral point of view). Die Beiträge sollen so ausgewogen und objektiv wie möglich verfasst sein und unterschiedlichen Auffassungen Rechnung tragen.
Die seit 2001 bestehende englischsprachige Version der Wikipedia ist mit zurzeit 548 500 Einträgen die umfangreichste. Mit rund 226 000 Artikeln liegt die deutschsprachige Ausgabe auf Platz zwei, gefolgt von der japanischen und der französischen Version. Zum Vergleich: Der Brockhaus 2005 Premium umfasst rund 260 000 Artikel und die Encarta 2005 Professional mehr als 50 000. Zwar ist der Größenvergleich etwas schief, weil die Artikel in Wikipedia teilweise sehr kurz sind. Im Unterschied zu den beiden kommerziellen Nachschlagewerken ist das Wachstum von Wikipedia jedoch fulminant: Nach Angaben von Jimmy Wales, einem der Gründer des Projekts, wachsen die englischsprachigen Seiten monatlich um sieben Prozent, der deutsche Ableger um neun Prozent. Rund 30 000 Beiträge werden täglich ergänzt und überarbeitet. Das Wikipedia-Wissen verdoppelt sich alle zehn Monate.
Der Erfolg der Website kam vor allem für ihre Gründer überraschend, denn sie waren mit dem Vorgänger-Projekt „Nupedia“ gescheitert. Dieses hatte sich als zu schwerfällig und technisch unausgereift erwiesen. So konnten die Autoren dort beispielsweise ihre Beiträge nicht selbst online stellen, sondern mussten sie vor der Veröffentlichung zunächst von Experten begutachten lassen. Der befürchtete „Vandalismus“ im Folgeprojekt Wikipedia, das vollständig auf die soziale Kontrolle der Nutzer vertraut, blieb jedoch aus. Stattdessen trug die Philosophie des „Open Content“ zur Beliebtheit des ausschließlich durch Spenden finanzierten Projekts bei. Der Wiki-Prozess – das gemeinsame Schreiben
an einer Webseite – stachele die Leute zur Kooperation an, begründet Wales in einem Interview den Erfolg der Enzyklopädie (www.espace.ch/artikel_25650.html).
Weil Wikipedia ohne direkte redaktionelle Bearbeitung und Kontrolle bereitgestellt wird, sind Themenspektrum, Qualität und Umfang der Artikel sehr unterschiedlich. Dennoch hat das Nachschlagewerk in einem Vergleichstest der Computerfachzeitschrift c’t (Heft 21/2004) mit den kommerziellen Konkurrenten Brockhaus und Encarta gut abgeschnitten. Vor allem im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich sowie bei gesellschaftlichen Themen ist es seinen Konkurrenten teilweise sogar überlegen und bietet zu vielen speziellen Themen umfassende, verständliche und neutrale Informationen. Allerdings sind Fotos, Grafiken und Videos bislang nur spärlich vorhanden, weil es kaum geeignetes, frei verwendbares Bildmaterial gibt.
Projekt Medizin
Mitte März 2004 ist darüber hinaus das „Wikiprojekt Medizin“ gestartet, in dem ein umfassendes Nachschlagewerk zu Medizin und Gesundheit sowie zu verwandten Themen entstehen soll. Ziele des Projekts sind vor allem der Aufbau einer Liste zu Themen der Medizin und eines Portals, das dieses Gebiet über verschiedene Grobklassifikationen, Themenlisten und Verzeichnisse erschließt (http://de.wikipedia.org/wiki/Portal_Medizin). Eine weitere Navigationsmöglichkeit bietet die „Kategorie Medizin“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Medizin), in der der Nutzer wahlweise über die „Krankheitsliste nach Organsystemen“, die „Liste psychischer Störungen“ und die alphabetisch sortierte Liste medizinischer Themen sowie in der Unterkategorie „Alternativmedizin“ recherchieren kann. Da Wikipedia als Hypertextmedium konzipiert ist, sind wichtige in den Artikeln verwendete Begriffe und Namen wieder mit eigenen Artikeln verknüpft. Verweise auf noch nicht existierende Artikel sind dabei rot gekennzeichnet, um die Leser zu animieren, zu einem Begriff selbst einen Artikel zu schreiben und inhaltliche Lücken zu schließen. Zusätzlich sind Hinweise auf verwandte Themen sowie auf Artikel zum gleichen Thema in verschiedenen Sprachen enthalten.
Bisweilen spannender als die Lektüre der Beiträge selbst ist es, die Diskussionen um ein Thema und die Entstehungsgeschichte eines Artikels zu verfolgen, denn zu jedem Beitrag ist eine Liste der Bearbeitungsschritte abrufbar, in der die Versionen miteinander verglichen werden können. Außerdem gibt es zu jedem Beitrag eine Diskussionsseite, auf der Streitfragen geklärt und Kommentare hinterlassen werden können (siehe beispielsweise die Diskussion zu „Alternativmedizin“ oder zu „Sucht“). Dort lässt sich gut nachvollziehen, wie die interne Qualitätskontrolle und die Begutachtung der Artikel in Wikipedia ablaufen.
Die Idee, das Internet zur gemeinschaftlichen Erstellung einer universellen Enzyklopädie zu verwenden und dieses Wissen allen frei zugänglich zu machen, hat sich wider Erwarten bislang als tragfähig erwiesen. Zwar ist das Ziel hoch gesteckt, denn neben der größten soll auch die beste Enzyklopädie der Welt entstehen. Ein Anfang dazu ist jedoch gemacht. Heike E. Krüger-Brand

Wikipedia-Schwesterprojekte (Auswahl)
Wiktionary – Wörterbücher nach dem Wiki-Konzept
Wikireader – Heftreihe, in der ausgewählte Wikipedia-Artikel thematisch gegliedert und redaktionell aufbereitet präsentiert werden; ein Beispiel aus der Medizin ist der „Wikireader Gynäkologie“
Wikisource – Sammlung freier Originalquellen
Wikiquote – Zitate-Kompendium
Wikinews – Online-Nachrichtendienst (im Aufbau)
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