ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2005Das Krankenhaus der Zukunft: Medizin der kurzen Wege

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Das Krankenhaus der Zukunft: Medizin der kurzen Wege

Dtsch Arztebl 2005; 102(21): A-1483 / B-1247 / C-1175

Krüger-Brand, Heike E.

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Foto: Isis Multimedia Net
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Die Krankenhäuser müssen sich dem wachsenden Wettbewerbsdruck im Gesundheitswesen stellen. Das Sana-Klinikum Remscheid hat ein Erfolg versprechendes Konzept für den effizienten Einsatz von Ressourcen und fachübergreifende Behandlungsabläufe entwickelt.

Vor der Parkhaus-Baustelle arbeiten sich zwei Bagger durch aufgeschüttete Sandhügel, doch sonst erstrahlen Inneres und Äußeres des neu eröffneten Sana-Klinikums Remscheid in hellem Glanz: freund-
liche Farben, warme Holzoptik und elektronische Kommunika-
tionsmöglichkeiten von Internet bis Video-on-Demand empfangen die Patienten. Nach nur vier Jahren Planungs- und zwei Jahren Bauzeit ist eines der modernsten Krankenhäuser der Region entstanden. Das betrifft nicht nur die bauliche und (informations-) technische Konstruktion und Ausstattung, sondern auch das fachübergreifende Behandlungskonzept, das in Remscheid umgesetzt wird. „Wie schaffen wir es im Medizinbetrieb der Zukunft, wirtschaftlich zu handeln und gleichzeitig eine exzellente medizinische und pflegerische Versorgung der Patienten sicherzustellen?“ fragte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt in ihrer Ansprache zur Eröffnung des Neubaus und gab auch gleich die Antwort: „Wir brauchen eine stärkere Patientenorientierung, eine stärkere Medizinorientierung und die Durchdringung des Systems mit Qualitätssicherung.“ Das Krankenhaus der Zukunft sei eines, in dem die Behandlungsprozesse um den Patienten herum organisiert werden müssten.
Der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Patientenorientierung scheint im „Klinikum der kurzen Wege“ gelungen. Bereits das Aufnahmeprocedere verläuft für die Patienten anders als üblich: Bei der Erstuntersuchung in der zentralen ambulanten Aufnahmestation stellen Fachärzte unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam die Diagnose. Die interdisziplinäre Erstuntersuchung spart Zeit, vermeidet Doppeluntersuchungen und bringt den Patienten schneller zur fachlich zuständigen Station. Notfallaufnahme, Zentralambulanz mit der Aufnahme- und Röntgendiagnostik, der Saal für Notoperationen und der Aufwachraum der Intensivstation liegen unmittelbar nebeneinander. Ein Beispiel für die patientenfreundliche und effiziente Gestaltung ist auch die räumliche Kombination von Kinder- und Frauenklinik, Kreißsaal und Kinderintensivstation im zweiten Obergeschoss. Nur wenige Meter liegen zwischen den Stationen, sodass bei einem Notfall im Kreißsaal das Neugeborene direkt an die Kinderintensivstation übergeben und dort sofort behandelt werden kann. Zusätzlich unterstützt diese enge Verzahnung zwischen den Fachgebieten den optimalen Einsatz der Pflegekräfte. Mit versetzbaren Türen lassen sich die Stationen darüber hinaus je nach Bedarf vergrößern oder verkleinern (Floatingbereiche).
„Durch optimierte Schnittstellen zwischen den Stationen und kurze Wege wird eine Vernetzung zwischen den Fachabteilungen erreicht, die in Deutschland bislang einzigartig ist“, betonte Dr. Reinhard Schwarz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Sana Kliniken GmbH & Co. KGaA, München. Die privatwirtschaftliche Klinikgruppe, getragen von 30 Unternehmen der privaten Kran­ken­ver­siche­rung, hat mit mehr als 70 Millionen Euro ihre bislang größte Investition in ein Krankenhaus getätigt und will mit der Klinik noch 2005 schwarze Zahlen schreiben. Personelle Einsparungen sind dabei zurzeit nicht geplant. Seit 2001 verfügt Sana über eine 75-prozentige Mehrheitsbeteiligung an der Einrichtung; 25 Prozent der Anteile hält weiterhin die Stadt Remscheid. In Nordrhein-Westfalen wurde damit die bislang größte Privatisierung eines kommunalen Krankenhauses vollzogen.
Ursprünglich bestand das Klinikum aus zwei Standorten in verschiedenen Stadtteilen Remscheids, die innerhalb der baulich-organisatorischen Neustrukturierung zusammengeführt wurden. Die Mitarbeiter waren bei der Konzeption von Anfang an wesentlich beteiligt. Als Zwischenlösung wurde ein mobiles Klinikum – ein Modulbau aus 55 (wiederverwendbaren) Einzelteilen – entwickelt, das auf 2 400 Quadratmetern Abläufe und Prozesse des 684-Betten-Hauses, wie zum Beispiel die zentrale Aufnahmestation mit der interdisziplinären Erstbetreuung, erprobte. Damit ließ sich nicht nur der Krankenhausbetrieb während der Um- und Neubauphasen seit 2002 aufrechterhalten, sondern das Modellprojekt konnte in der zweijährigen Testphase optimiert werden. Dies trug mit dazu bei, dass der Neubau zwei Jahre früher als geplant fertig gestellt werden konnte.
Zu den wichtigsten Innovationen gehört in Remscheid die Informationstechnologie (IT). Sämtliche bislang getrennt voneinander genutzten Kommunikationsnetze, sei es für Telefon, für die medizinische Information und Datenspeicherung oder für die IT-Systeme der Verwaltung, werden künftig über ein einziges lokales Netzwerk (LAN) geführt. „Ziel ist es, die Ressourcen bei Diagnostik, Geräteverfügbarkeit, Raumbelegung und Ärzteeinsatz besser zu managen, die Versorgung zu optimieren und vor allem, die Liegezeiten der Patienten zu verkürzen“, erklärte der Geschäftsführer des Klinikums, Richard Kreutzer. Ein Beispiel ist die durchgängige Digitalisierung der Radiologie: Digital erstellte Aufnahmen stehen unmittelbar – auch auf mobilen Endgeräten – zur Verfügung und tragen zur Beschleunigung der Behandlung bei. Generell lassen sich durch Prozessoptimierung und -flexibilisierung Wartezeiten beim Röntgen, beim Ultraschall und anderen Diagnosegeräten erheblich verkürzen. Gleichzeitig spart das integrierte Kommunikationssystem auch Kosten, weil auf parallele Verkabelung verzichtet werden kann.
Sämtliche Kommunikationsprozesse laufen auf der Basis von Internet-Technologie. In vielen Bereichen werden die Endgeräte per Funk (WLAN – Wireless LAN) an das Netz angeschlossen. 260 Zugangspunkte (Accesspoints) sind hierfür über das gesamte Gelände auch im Außenbereich verteilt. Die Ärzte sind mit WLAN-Handys ausgestattet, sodass sie beispielsweise Alarme aus Krankenzimmern oder der Notaufnahme empfangen können. Später sollen auch die Patienten damit ausgestattet werden, damit sie sich auf dem Klinikgelände bis zum nächsten Untersuchungstermin frei bewegen können.
Zu den technischen Neuerungen zählen auch die ebenfalls per WLAN an die Netzinfrastruktur angeschlossenen Webcams. Mit diesen können Schlaganfallpatienten ebenso überwacht werden wie die Außenanlagen und das Parkhaus. Der TÜV hat die Wireless-Technik hinsichtlich Sicherheit und gesundheitlicher Unbedenklichkeit für den Einsatz im Krankenhaus positiv begutachtet.
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt: „Der Medizinprozess muss um den Patienten herum organisiert werden.“ Foto: Tobias Steinhäußer
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt: „Der Medizinprozess muss um den Patienten herum organisiert werden.“ Foto: Tobias Steinhäußer
Die etwa 600 PC-Arbeitsplätze für das medizinische Personal sind überwiegend mit Thin Clients ausgestattet; das sind Monitorsysteme ohne Festplatte, die ihre Softwareapplikationen von zentralen Servern beziehen und auf Ein- und Ausgabefunktion bechränkt sind. Dadurch lassen sich nicht nur Lizenz- und Wartungskosten für die Anwendungssoftware einsparen, sondern auch Gefährdungen des internen Netzes, zum Beispiel durch Viren, ausschließen. Das Krankenhausnetzwerk wird von einem externen Dienstleister zentral gemanagt und überwacht. Gleichzeitig kann jedoch auch das Krankenhaus selbst jederzeit online auf die Steuerung zugreifen.
Zwischen 2,5 und drei Millionen Euro von 70 Millionen Euro Investitionen wurden in die IT gesteckt. Jährlich soll der Anteil am Gesamtbudget hierfür bei mehr als zwei Prozent liegen. Damit befindet sich das Sana-Klinikum auf einem Spitzenplatz. Mit der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung fallen jedoch gleichzeitig andere Kosten weg, wie etwa die Entwicklung herkömmlicher Röntgenfilme, die Softwarelizenzen für PC-Arbeitsplätze oder die Wartung verschiedener Netze. Die Hightech-Infrastruktur erhöht darüber hinaus den Komfort für den Patienten: Ob Surfen im Internet, Videoabruf oder Kaffeebestellung – das Gewünschte steht dem Patienten auf Knopfdruck zur Verfügung. Der Patient kann die Dienste über den Schwenkarmmonitor am Krankenbett abrufen. Gleichzeitig nutzt der Arzt diesen Monitor bei der Visite, um über eine gesicherte VPN(Virtual Private Network)-Verbindung die vertraulichen
Patientendaten abzurufen oder dem Patienten seinen Befund zu erläutern.
Qualität als Wettbewerbsvorteil
Durch den hohen technischen Standard, der in Remscheid hinsichtlich Behandlung, Betreuung, Administration und Kosten geschaffen wurde, ist das Klinikum gut gerüstet für die schwierigen Zeiten, die auf die Krankenhäuser zukommen werden. „Wirtschaftlichkeit und Qualität sind keine Gegensätze“, betonte Geschäftsführer Schwarz. Das Konzept der kurzen Wege zeige, wie den schwierigen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen einerseits und einer hohen Patientenzufriedenheit andererseits Rechnung getragen werden könne. Vielen kommunalen Krankenhäusern fehlt jedoch das Geld für notwendige Investitionen. So steht die „digitale Aufrüstung“ der Krankenhäuser noch ganz am Anfang. Zurzeit geben sie durchschnittlich nur rund 0,8 bis 1,5 Prozent ihres Budgets für Informationstechnologie aus. Heike E. Krüger-Brand
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