ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2005Arzneimittelausgaben: „Beratung vor Regress“

POLITIK

Arzneimittelausgaben: „Beratung vor Regress“

Dtsch Arztebl 2005; 102(21): A-1488 / B-1251 / C-1179

Rabbata, Samir

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LNSLNS Mit gezielten Informationen wollen KBV und Krankenkassen auf eine wirtschaftliche Medikamentenversorgung hinwirken.

Kritik am GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) begegnet Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt gerne mit nüchternen Zahlen. Dies ist verständlich, haben doch die gesetzlichen Krankenkassen das erste Jahr nach In-Kraft-Treten des GMG mit einem Überschuss von mehr als vier Milliarden Euro abgeschlossen. Allein bei Arzneimitteln konnten die Kassen rund 2,4 Milliarden Euro einsparen. Diese Fakten sind für Schmidt der eindeutige Beleg für die Wirksamkeit ihrer Reform und zugleich ihre schärfste Waffe gegen Kritiker.
Umso ernster nimmt das Ministerium Hinweise, wonach sich dieser Trend im laufenden Jahr nicht wie erhofft fortsetzen könnte. So habe die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung im ersten Quartal 2005 rund 5,3 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Das sind 900 Millionen Euro mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit liegen die Ausgaben etwa in dem Bereich der Quartalszahlen von 2002 und 2003. Nach Meinung Schmidts verschreiben Ärzte zu viele Präparate, die zwar neu und teuer sind, für den Patienten aber keinen wesentlichen Zusatznutzen bringen. Die Verordnung so genannter Scheininnovationen sei gegenwärtig das Hauptproblem, meint auch Wolfgang Schmeinck, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen.
Neuerlicher Kostenanstieg
Zumindest nach außen gibt sich Schmidt gelassen. Doch hinter den Kulissen brüten Experten des Ministeriums gemeinsam mit den Partnern der Selbstverwaltung seit langem über geeigneten Konzepten, um den neuerlichen Kostenanstieg zu mildern. So hatten sich bereits Mitte Dezember Krankenkassen, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Apothekerschaft gemeinsam mit dem Ministerium über eine Agenda zur Bekämpfung steigender Arzneimittelausgaben verständigt. Schon damals war abzusehen, dass die positiven Werte des Vorjahres kaum zu halten sein werden. So fielen im ersten Quartal 2004 die Ausgaben für Arzneimittel vor allem deshalb so gering aus, weil sich wegen der geplanten Zuzahlungsregelungen einschließlich der Praxisgebühr viele Versicherte noch Ende 2003 mit Medikamenten eingedeckt hatten. Zudem sank der einjährige Herstellerrabatt, den die Pharmafirmen den Krankenkassen einräumen mussten, seit Anfang 2005 von 16 auf sechs Prozent.
Die Qualität der Versorgung muss im Vordergrund stehen
Eine Kostenexplosion im Arzneimittelbereich zu verhindern, liegt nach Meinung Schmidts in der Verantwortung der Selbstverwaltung. Diese stellt nun als erstes „Produkt“ ihrer Agenda die Internetplattform „Arzneimittel im Fokus“* vor. Dort sollen Ärzte und Patienten über den tatsächlichen therapeutischen Nutzen neuer Medikamente informiert werden. KBV-Vorstandsmitglied Ulrich Weigeldt betonte bei der Präsentation der neuen Internetplattform: „Für die Ärzte steht die Versorgungsqualität der Patienten im Vordergrund.“ Dazu gehöre auch, dass neue teurere Medikamente dann eingesetzt würden, wenn damit tatsächlich ein zusätzlicher therapeutischer Nutzen verbunden sei. Doch häufig würden bewährte und zudem noch preiswertere Arzneimittel genauso gut oder sogar besser helfen als neue Produkte.
Die Informationen der Website sind in Themenkomplexen zusammengefasst. Dabei handelt es sich nicht um eigene Wertungen von Kassen und KBV, sondern im Wesentlichen um Publikationen der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte und der Europäischen Arzneimittelagentur. Deren Vorschläge sollen nach dem Willen der Selbstverwaltungspartner dazu dienen, den richtigen und zweckmäßigen Einsatz von Arzneimitteln zu fördern.
Den Anfang bilden Informationen zu den Krankheitsbildern Rheuma und Fettstoffwechselstörungen. Folgen sollen später Hinweise zu Magen-Darm-Mitteln, Antidepressiva sowie zu Medikamenten zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 1, Asthma und Demenz.
Da man die Informationen sowohl an Ärzte als auch an die Versicherten richte, könnten Patienten künftig mögliche Umstellungen in der Pharmakotherapie besser nachvollziehen, erwartet Weigeldt. Auch Ministerin Schmidt hofft, dass so die Bereitschaft der Patienten wachse, auf hochpreisige Medikamente zugunsten günstigerer, aber gleich guter Präparate zu verzichten. Es sei eine gemeinsame Herausforderung zu erreichen, dass die Ressourcen wirtschaftlich verwendet werden, sagte sie.
Leicht zu verstehen sind die Hinweise zu den Arzneimitteln für medizinische Laien jedoch nicht. „Wir hätten die Informationen gerne allgemeinverständlicher formuliert. Dies ist aber rechtlich problematisch“, gab Weigeldt zu bedenken. Die Selbstverwaltungspartner glaubten schon jetzt, dass das neue Angebot von der Pharmaindustrie juristisch angefochten werde. Deshalb wolle man nicht nur bei den Inhalten, sondern auch bei den Formulierungen auf der sicheren Seite stehen.
Flankiert werden soll die Informationsplattform durch ein gezieltes Beratungsangebot der Kassenärztlichen Vereinigungen für Ärzte. „Beratung muss vor Regress kommen“, sagte Weigeldt. Dazu werde man Ärzte, die in bestimmten Indikationsbereichen besonders viel verordnen, gezielt ansprechen. Wann dieses Angebot flächendeckend zur Verfügung stehen wird, ist jedoch noch offen. Samir Rabbata


* Die Informationsplattform „Arzneimittel im Fokus“ ist unter www.kbv.de/AmFo abrufbar.
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