ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2005Arztgeschichten: Die Kälte
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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Leserschaft.


Jemand öffnete die Tür, und die ganze weiße Visitentraube aus Chef, Oberarzt, Assistenten und Stationsschwester betrat den Raum. Es war ein Zweibettzimmer, modern eingerichtet mit eigener Toilette, Waschgelegenheit und einem Fenster, das einigen Ausblick zum Himmel und über die Dächer der Klinikgebäude bot. Es ging nach Nordwesten, sodass Sonne allenfalls am Spätnachmittag hier hereinfallen würde, vielleicht wurde sie auch durch den anderen Gebäudeflügel verdeckt, dann läge der Raum immer im kühlen Schatten – aber so ganz genau weiß ich das nicht mehr.
Der junge Mann im Bett gleich an der Tür mochte gerade an die 30 Jahre alt sein, und wenn ich es nicht besser gewusst hätte, wenn er mir auf der Straße herumlaufend begegnet wäre, anstatt hier im Klinikbett zu liegen – wie schwer krank er wirklich war, hätte ich nicht einmal vermutet. Wir standen um das Bett herum, der Chef fragte nach seinem Befinden, man betrachtete den Bauch des jungen Mannes, tastete, sah sich an, fragte nach Schmerzen. Alles schienen wir ganz gut im Griff zu haben, alles – nur nicht das eine, das, was doch so wichtig war.
Der junge Mann sah seinen Bauch nicht an. Er fasste ihn auch nicht an. Mit Augen voll Angst starrte er an die Decke, blickte auf die Ärzte, sprach wenig. Er reckte sich etwas nach oben, weg von dem Bauch. Dieser Bauch, der ganz sicher nicht seiner war, der unmöglich etwas mit ihm zu tun haben konnte, der Bauch, der Verräter, der dieses „Etwas“ enthielt, dieses „Es“ nährte, was da wuchs und wuchs – nein, das konnte nicht zu ihm gehören. Das, was da schmerzte, wenn die Morphin-Wirkung nachließ, was etwas störte beim Gehen und bei der Verdauung, nein, das war etwas gänzlich Fremdes. Unverstehbar und bedrohlich hatte dieses Fremde Besitz von seinem Bauch ergriffen, und er wusste, dass es ihn töten würde. – Wie lange noch? [. . .]
Und dann, an einem Nachmittag, war plötzlich seine Mutter auf der Station erschienen, um ihn zu besuchen. Sie hatte sein Zimmer gerade verlassen, oder war sie noch auf dem Weg hinein?
Sicher erinnere ich mich an die Kälte. Die Kälte, die von ihr ausging, sie umgab wie eine eisige Wand. So eisig, dass mir jegliches Frieren und Frösteln auf Anhieb verging. In dieser Kälte war kein Platz für die geringste Bewegung, die Linderung versprochen hätte.
Unwillkürlich blieb ich auf Distanz und hörte, wie sie sagte (und es war ein Befehl und eine Feststellung, der niemand zu widersprechen hatte): „Er hat alles immer mit Würde und sehr gut gemacht. Er wird auch das sehr gut machen.“
Ich stand noch wie betäubt, da hörte ich, dass der Patient nach dem Oberarzt verlangte. Als der wenig später das Zimmer wieder verließ, wirkte er etwas ratlos und traurig. Er müsse das mit dem Chef besprechen. Der junge Mann habe verlangt, dass man ihn für den Rest seines Lebens mit Morphium in einen Dauerschlaf versetzen solle.
Ach, er will also nichts mehr mitbekommen, kein Bewusstsein mehr haben müssen, nur noch Träume. Ich spürte, wie langsam die Kälte meinen Rücken hochkroch, ich fröstelte. Elisabeth Krandick
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