ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2005Lissabon: Über der Altstadt weht ein frischer Wind

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Lissabon: Über der Altstadt weht ein frischer Wind

Dtsch Arztebl 2005; 102(21): A-1536

Motz, Roland

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Rua Augusta: die Haupteinkaufsstraße Lissabons Fotos: Roland Motz
Rua Augusta: die Haupteinkaufsstraße Lissabons Fotos: Roland Motz
Portugals Hauptstadt zwischen Moderne und Tradition

Überragt von der ehemaligen Festungsanlage Castelo do São Jorge schmiegt sich die portugiesische Hauptstadt zwischen dem Expo-Gelände im Norden und Belém im Süden als Halbkreis an den Tejo. „Die Wahl zur Kulturhauptstadt 1994 und die Expo 1998 haben Lissabon in den Kreis europäischer Metropolen zurückgeführt. Mit der Fußball-Europameisterschaft kam 2004 der dritte Modernisierungsschub“, begeistert sich unser Freund João über die Veränderungen in seiner Heimatstadt. Das Metronetz wurde erweitert, große Einkaufszentren wie das Colombo sind entstanden. In der Altstadt hat Lissabon einen Spagat zwischen Moderne und Tradition vollbracht. In den Randbezirken wird noch fleißig gebaut, die Baustellen sind nicht zu übersehen. Aber selbst in den Neubauvierteln versucht man, Eintönigkeit zu vermeiden und ein variantenreiches Straßenbild zu schaffen.
Zu jedem Lissabon-Besuch gehört ein Ausflug zur Mündung des Tejo in den Atlantik. Vom Torre de Belém aus begannen die portugiesischen Seefahrer ihre gewagten Expeditionen über die Grenzen der damals bekannten Welt hinaus und machten Portugal zur führenden Seemacht. Kein Wunder, dass auch die EU-Staatschefs hier zu neuen Ufern aufbrechen wollen und sich im prunkvollen Hieronymus-Kloster feierlich versprachen, Europa bis 2010 zum dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt zu machen. Nur zwei Straßenbahnstationen weiter, an den Docas unter der mächtigen Hängebrücke 25 de Abril, sind wir schon im neuen Lissabon angekommen. Die ehemaligen Docks am Fluss haben sich in einen bunten Tages- und Nachttreff mit zahlreichen Restaurants und Bars verwandelt.
Elevador de Santa Justa
Der Elevador verbindet die Ober- mit der Unterstadt.
Der Elevador verbindet die Ober- mit der Unterstadt.
Rua Augusta heißt die breite Haupteinkaufsstraße im Zentrum, die von der Praia do Comércio bis zum Rossio führt. Die Fußgängerpassage ist aufwendig mit winzigen, zu Mosaiken zusammengefügten Steinen gepflastert. Vom Kern der Innenstadt sind es nur ein paar Meter zum Elevador de Santa Justa. Von der Plattform des kuriosen neogotischen Eisenfahrstuhls, der den zentralen Stadtteil Baixa mit dem höher gelegenen Largo do Carmo verbindet, blicken wir bei frisch gepresstem Orangensaft über die Dächer von Lissabon auf die allgegenwärtigen Straßenbahnen, deren berühmte Linie 28 wir nicht müde werden zu befahren. Es gibt keinen besseren Weg, Lissabon zu entdecken.
Rappelnd verschwindet die grüne Tram mit den offenen Fenstern und den harten Holzbänken zwischen den engen Treppengässchen, streift hin und wieder herunterhängende Wäsche, passiert winzige Tascas, wie die Kneipen hier heißen – oft mit nur ein, zwei Tischen vor und ebenso vielen hinter der Tür. Hat sich die 28 erst einmal in den verwinkelten, steilen Gassen mit ihren mehrgeschossigen, an den Hang gewürfelten Häusern verloren, entstehen Bilder von großer Eindringlichkeit. Eine sanfte Melancholie begleitet uns von Hügel zu Hügel. Assoziationen an Mastroianis letzten Film „Pereira erklärt“ werden wach. Winzige Balkone mit verspielten Eisengittern, Blumenkästen vor abbröckelnden Fassaden, marode Dächer über uralten Jalousien, in denen Tauben nisten. Dazwischen aber immer mehr bunte Farbtupfer in dem Wirrwarr von Treppen, Höfen, winzigen Plätzen und Arkaden, die sich zum Caste-
Torre de Belém: majestätisch und erhaben
Torre de Belém: majestätisch und erhaben
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lo do São Jorge hochstapeln. Frisch renovierte Häuser, umgebaut zu Ateliers für Künstler, Lofts für Gutbetuchte, pfiffige Restaurants oder geschmackvolle kleine Hotels wie das Solar dos Mouros in der Rua do Milagre. Über der Altstadt weht ein frischer Wind.
Alfama
Nur noch selten fährt die Straßenbahn an unrenovierten Häusern vorbei. Vielleicht ist in den ehemaligen Armenvierteln Alfama und Mouraria
der Modernisierungsprozess am auffälligsten. Aus den einst
so heruntergekommenen Geburtsorten des Fado sind inzwischen gute Adressen geworden. Der obere Teil der Alfama wirkt fast schon ein wenig museal. Wir steigen zu einem Drink an der lauschigen Largo da Graça aus, ebenso zum Sundowner an der Largo Portas do Sol mit dem besten Blick über den Tejo und kehren immer wieder zum Café a Brasileira in der Rua Garett zurück.
Lissabon – Stadt der Treppen. Gut, dass es die 28 gibt. Zum Abschiedsessen hat João das Restó im Barrio Alto gewählt. Die Tasca liegt hoch über dem Fluss, von dem es heißt, er bestehe zu einem Drittel aus Wasser und zu zwei Dritteln aus Fisch. Roland Motz

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