ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2005Denguefieber - Mehr als 50 Millionen Infizierte: Weltweit häufigste Arbovirose mit kontinuierlicher Ausbreitung

MEDIZIN

Denguefieber - Mehr als 50 Millionen Infizierte: Weltweit häufigste Arbovirose mit kontinuierlicher Ausbreitung

Dtsch Arztebl 2005; 102(22): A-1594 / B-1339 / C-1263

Stingl, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zusammenfassung
Denguefieber gilt als die weltweit häufigste Arbovirose und breitet sich derzeit vor allem in Asien und Lateinamerika sehr stark aus. Mehr als 50 Millionen Infizierte werden weltweit geschätzt. Hämorrhagische Verläufe mit hoher Letalität werden mit steigender Tendenz gemeldet. Dengue gehört zu den heute häufig importierten viralen Infektionen auch bei deutschen Reiserückkehrern. Die Unbekannheit des Krankheitsbildes führt hierzulande zu oft aufwendigen, kostspieligen Diagnoseverfahren. Einen Impfstoff gibt es derzeit noch nicht.

Schlüsselwörter: Denguefieber, Dengue, hämorrhagisches Fieber, Diagnose, Reisemedizin

Summary
Dengue – Most Common Arbovirus Infection Worldwide with Rapid Expansion
Dengue is considered to be most common arbovirus infection worldwide. It spreads rapidly in Asia, Latinamerica and tropical Africa. An estimated 50 million infections annually occur worldwide with increasing incidences of haemorrhagic courses. Quite a number of travellers acquire dengue fever, often accompanied by expensive diagnostic procedures at home, since dengue is mostly unknown in temperate zones. Up to now there is no vaccine available.

Key words: dengue fever, dengue, haemorrhagic fever, diagnosis, tavelling medicine


Dengue ist die häufigste humane Arbovirose (arthropod borne). Mehrfach kam es kürzlich zu saisonalen epidemischen Ausbrüchen, wobei in kurzer Zeit Zehntausende erkrankten (2). Denguefieber ist eine akute fieberhafte Erkrankung mit starken Myalgien, die durch vier verschiedene Serotypen des Denguevirus (mit Gelbfiebervirus und FSME-Virus verwandtes Flavivirus) hervorgerufen und durch Stechmücken (Aedesarten) übertragen wird. Komplizierte hämorrhagische Verläufe werden als hämorrhagisches Denguefieber oder Dengue-Schocksyndrom bezeichnet (1, 7, 8).
Starke weltweite Ausbreitungstendenz
Denguefieber breitet sich derzeit in mehr als 100 subtropischen und tropischen Ländern aus. Besonders betroffen sind Mittel- und Südamerika, Südostasien, einige pazifische Inseln und einige Gebiete in Afrika. Schätzungsweise infizieren sich jährlich mehr als 50 Millionen Menschen, von denen etwa 500 000, meist Kinder, hämorrhagische Verläufe entwickeln (5, 8, 11). Vor 1970 wurden hämorrhagische Verläufe aus nur neun Ländern gemeldet, heute aus knapp 40. Etwa 25 000 Personen, meist Kinder, sterben jährlich an komplizierten Denguefieber-Verläufen.
Die erhebliche globale Ausbreitungstendenz des Denguefiebers beruht auf der seit Jahrzehnten weltweit rückläufigen Vektorbekämpfung und zunehmender Vektorreinvasion, der Zunahme urbaner Brutstätten in Verbindung mit permanenten Wasseransammlungen durch starke Vermüllung in den Armenvierteln der Tropen sowie durch gesteigerte internationale Migration und Reisetätigkeit, mit der Folge weltweiter Durchmischung mit den verschiedenen Denguevirus-Serotypen. Aedeskolonien werden bereits regelmäßig durch internationale Schiffstransporte in Gebiete mit nicht immuner Bevölkerung eingeschleppt. So wurden 1990 Kolonien von Aedes albopictus (Asiatische Tigermücke) durch mit Altreifen beladene Transportschiffe aus den USA nach Italien importiert. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war das Denguevirus in Europa endemisch und führte zu teilweise großen Epidemien mit mehr als einer Millionen Fälle, wie zum Beispiel 1927 in Griechenland (1).
Bei der urbanen Denguefieber- Transmission sind die Virusreservoire der Mensch und die Stechmücke, bei der rural-sylvatischen Form Affe, Stechmücke und gelegentlich der Mensch (7). Als Hauptvektoren der urbanen Form gelten Aedes aegypti (Gelbfiebermücke) und Aedes albopictus (Asiatische Tigermücke). Der Erhaltungszyklus eines Virus wird durch vertikale Transmission innerhalb der Mückenpopulation gesichert. Nehmen die Mükken einmal das Virus auf, sind sie zeitlebens infektiös. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch erfolgt in der Re-
gel nicht, es sei denn durch Injektionsnadelstiche oder ähnliche Verletzungen.
Unterschiedliche Verläufe
Hämorrhagische Verläufe haben in ärmeren Regionen eine Letalität von zehn bis 30 Prozent.
Mit jährlich etwa 2 000 eingeschleppten Fällen gehört Dengue zu den häu-
fig importierten viralen Infektionen auch bei deutschen Reiserückkehrern. Bei fast sieben Prozent der Tropenrückkehrer mit Fieber konnte eine bestehende oder abgelaufene Dengueinfektion festgestellt werden (6). Die Unbekanntheit des Krankheitsbildes führt in Deutschland oft zu aufwendigen, kostspieligen Diagnoseverfahren.
Erster Ansprechpartner eines erkrankten Reiserückkehrers ist in der Regel der Hausarzt. Wenn bei Fieber und reduziertem Allgemeinzustand eine Malaria ausgeschlossen ist, kommt als nächste fieberhafte Importkrankheit nach Aufenthalt in einem Endemiegebiet bereits das Denguefieber in Betracht. Die Betreuung eines Patienten mit unkompliziertem Denguefieber ist meist problemlos.
Nach einer Inkubationszeit von zwei bis zehn Tagen beginnt das Denguefieber abrupt mit stark erhöhter Temperatur, Kopfschmerzen und meist ausgeprägten Myalgien und Arthralgien. Der Krankheitsbeginn kann von einem makulären oder makulopapulösen Exanthem (Abbildung) begleitet sein. Leukopenie, Thrombozytopenie, relative Lymphozytose und leicht erhöhte Transaminasen sind typische Blutbefunde. In der Regel ist die Prognose gut, und die Krankheit heilt bei oft protrahierter Rekonvaleszenz aus (7).
Das Denguevirus kann aber auch schwer verlaufende Krankheitsmanifestationen im Sinne eines Hämorrhagischen Denguefiebers oder eines Dengueschocksydroms verursachen (3, 7, 10). Krankheitszeichen sind dabei ein deutlich verschlechterter Allgemeinzustand, Hämorrhagien der Haut und Schleimhäute und der inneren Organe, Blutdruckabfall und hypovolämischer Schock. Meist entwickeln sich diese Krankheitsformen bei Kindern und Jugendlichen in den Endemiegebieten durch Zweitinfektion mit einem anderen der vier Virusserotypen bei vorausgegangener Denguesensibilisierung. Bisher zeigten sich hämorrhagische Verlaufsformen bei europäischen Reisenden nur selten, vermutlich sind jedoch auch sie bei einer Zweitinfektion mit einem anderen Serotyp davon bedroht. Wahrscheinlich erleichtern präexistierende Antikörper bei Zweitinfektionen das Eindringen der Viren in die Wirtszellen (Monozyten, Endothelzellen) und fördern deren Vermehrung („immune enhancement“).
Diagnosestellung
Klinisch ist die Diagnose nicht immer einfach. Andere Fiebererkrankungen der Endemiegebiete wie zum Beispiel Malaria, Typhus abdominalis, Virusgrippe oder andere Arbovirosen kommen in Betracht. Antikörper sind erst nach dem vierten Krankheitstag nachweisbar. Ein hoher Antikörpertiter im Hämagglutinationshemmtest weist unter Umständen auf eine Dengueinfektion hin. Ein direkter Denguevirus-Nachweis mit der Reverse-Transkriptase-Polymeraseketten-
reaktion (RT-PCR) zwischen dem vierten und siebten Krankheitstag sichert die Diagnose (9).
Kausale Therapiemöglichkeiten gibt es nicht. Symptomatische Behandlung mit Schmerz- und Fiebermitteln (Cave Aspirin bei Krankheiten mit hämorrhagischer Diathese) sowie frühzeitige Infusionen sind sinnvoll. Hämorrhagische Verlaufsformen erfordern intensivmedizinische Maßnahmen.
Möglichkeiten der Prophylaxe
Schutz vor Infektion bietet eine Expositionsprophylaxe (anders als bei Malaria auch tagsüber) mit Repellentien (DEET, Bayrepel) sowie mit Permethrin-imprägnierten Mosquitonetzen in der Nacht.
Eine Vakzine gibt es derzeit noch nicht. Ein in Erprobung befindlicher tetravalenter Lebendimpfstoff erscheint bisher viel versprechend (4).
Eine erlittende Denguefieber- Infektion bewirkt eine lang anhaltende Immunität nur gegen den Virusserotyp, der zur Infektion führte.
Eine Meldepflicht besteht bei Erregernachweis oder hämorrhagischem Krankheitsverlauf.

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskript eingereicht: 16. 3. 2004, revidierte Fassung angenommen: 10. 10. 2004

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: A 1594–1595 [Heft 22]

Literatur
1. Gubler DJ: Dengue and dengue haemorrhagic fever. Clinical Microbiology 1988; 11: 480–96:
2. Gubler DJ: Epidemic dengue/dengue haemorrhagic fever as a public health, social and economic problem in the 21st century. Trends in Microbiology 2002; 10: 100–3:
3. Halstead SB: Is there an inapparent dengue explosion? Lancet 1999; 353: 1100–1.
4. Halstead SB, Deen JL: The future of dengue vaccine. Lancet 2002; 360: 1243–5.
5. Jacobs M: Dengue emergence as a global public health problem and prospects for control. Trans Roy Soc Trop Med Hyg 2000; 94: 7–8.
6. Jelinek T, Dobler G, Hölscher M, Löscher T, Nothdurft HD: Prevalence of infection with Dengue Virus among international travellers. Arch intern Med 1997; 57: 2367–0.
7. Munz E, Schmitz H, Knobloch J: Arbovirosen und andere Viruserkrankungen. In: Lang W, Löscher T: Tropenmedizin in Klinik und Praxis. Stuttgart: G. Thieme, 2000; 328–48.
8. Simpson DIH: Arbovirus infections. In: Cook GC:
Mansons's Tropical. Diseases. Philadelphia: Saunders 1997; 615–66.
9. Sudiro TM, Jshiko S: Rapid diagnosis of Dengue viremia by reverse transcriptase polymerase chain reaction using 3'- noncoding region universal primers. Amer J trop Med Hyg 1997; 56: 424–9.
10. World Health Organisation: Dengue Haemorrhagic fever: diagnosis, treatment, prevention and control. 2nd edn. Who 1997, Geneva.
11. World Health Organisation: Dengue/dengue haemorrhagic fever situation in 2000. Weekly epidemiologic Record 2000; 75: 193–200.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Peter Stingl
Tropenmedizin (DTMH, London)
Lechbrucker Straße 10
86989 Steingaden

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige