ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2005Rehabilitation: Verändertes Indikationsspektrum

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Rehabilitation: Verändertes Indikationsspektrum

Clade, Harald

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Herausforderung der Rentenversicherungsträger: mehr chronisch Kranke Foto: Peter Wirtz
Herausforderung der Rentenversicherungsträger: mehr chronisch Kranke Foto: Peter Wirtz
Längere Lebenserwartung und mehr chronische Krankheiten
beeinflussen die medizinische Rehabilitation.

Die Verdopplung der mittleren Lebenserwartung der Bevölkerung in den meisten Industriestaaten im 20. Jahrhundert im Zusammenhang auch mit der veränderten Arbeitswelt und des gesundheits- und sozialpolitisch bedeutsamen Wandels des Krankheitsspektrums haben die medizinische Rehabilitation vor neue Herausforderungen gestellt. Die Schwerpunkte der Indikationen haben sich entsprechend merklich verschoben. Dies spiegelt sich auch in der Rehabilitationsstatistik der Rentenversicherungsträger wider.
Der Paradigmenwandel führte zu einem erhöhten Stellenwert der medizinischen Rehabilitation innerhalb des gesundheitlichen Versorgungssystems. Die Schwerpunktverlagerungen und die rehabilitationsmedizinischen ebenso wie die ökonomischen Grenzen zeigten kürzlich zwei Fachveranstaltungen auf, und zwar das 10. Rehabilitationsforum der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte am 21./22. Februar in Berlin und das sozialmedizinische Expertenforum des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Kran­ken­ver­siche­rung e. V. (MDS) im März in Berlin.
Der Fachgebietsleiter Rehabilitation/Geriatrie beim MDS in Essen, Dr. med. Klaus Leistner, stellte fest: „Die deutsche Medizin ist gekennzeichnet durch eine relative Vernachlässigung der rehabilitativen und präventiven Medizin zugunsten der Akutmedizin. Wesentlich verursacht ist dies unter anderem durch konzeptionelle Defizite der Rehabilitationsmedizin und durch die semantische Konfusion mit fließenden Übergängen bis hin zur babylonischen Sprachverwirrung unter rechtlich unscharfen Begriffsabgrenzungen in den Sozialgesetzbüchern speziell zum Versorgungssektor Rehabilitation und Anschlussheilbehandlung.“
Die leitende Ärztin der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), Dr. med. Christiane Korsukéwitz, berichtete: In den letzten Jahren haben sich die Herz- und Gefäßerkrankungen, aber auch die Krebserkrankungen, wegen des zunehmenden Lebensalters und mehr chronisch Erkrankter auch die Anzahl der Maßnahmen zur medi-
zinischen Rehabilitation sprunghaft erhöht, wohingegen psychische Störungen eher abnehmen. Dies korrespondiert mit den aktuellen epidemiologischen und sozialmedizinischen Daten, die darauf hindeuten, dass im höheren Alter die psychische Widerstands- und Anpassungsfähigkeit eher zunimmt. Die durch die Rehabilitationsmaßnahmen erzielten nachweisbaren Verbesserungen des Gesundheitszustandes des Rehabilitanden und dessen Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben – gemessen an körperlichen Skalen, wie etwa Schmerz- und Funktionseinschränkung – sind insbesondere bei der orthopädischen Rehabilitation verbessert worden, wohingegen die bei den psychosozialen Skalen nur zum Teil
und geringer ausgeprägt sind.
Unter den durchgängig Erwerbstätigen war eine deutliche Reduktion der Arbeitsunfähigkeitszeiten im Jahr nach der ambulanten Rehabilitationsmaßnahme auch noch nach fünf Jahren zu verzeichnen, berichtete Prof. Dr. med. Wilfried Mau, der Direktor des Instituts für Rehabilitationsmedizin an der Universität Halle-Wittenberg, beim Berliner Forum.
Anerkannt ist die in Deutschland im internationalen Vergleich relativ hohe Versorgungsqualität und der Spezialisierungsgrad in der medizinischen Rehabilitation. Dessen ungeachtet gibt es allerdings noch Reibungsverluste und Mängel beim Zugang zur Rehabilitation und vor allem an den Nahtstellen zwischen den Rehabilitations- und Kostenträgern. Die geänderte Gesetzeslage, vor allem die zum 1. April 2004 in Kraft getretenen Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses über Leistungen zur medizinischen Rehabilitation gemäß § 92 Abs. 1 Satz 2 Nr. 8 SGB V haben mit dazu beigetragen, dass die Beteiligten am Rehabilitationsgeschehen auf der Leistungserbringerseite enger kooperieren und vor allem die Verordnung von Leistungen, die Beratung und die Umsetzung schneller und unbürokratischer geregelt sind. Die Richtlinien regeln auch die Zusammenarbeit zwischen Vertragsärzten, Vertragspsychotherapeuten, Krankenkassen und den neu errichteten gemeinsamen Servicestellen (gemäß § 22 SGB XI) über die Erbringung von Leistungen zur medizinischen Rehabilitation.
Flächendeckend greift Platz: Sowohl die Rehabilitationseinrichtungen als auch die eingeschalteten Therapeuten müssen einen kontrollierten Qualitätsstandard nachweisen und diesen im Vollzug der Leistungen am Rehabilitanden tagtäglich unter Beweis stellen. Ein zweistufiges Verfahren zur Rehabilitationseinleitung soll die frühzeitige Information zwischen Vertragsarzt und Rehabilitationsträger (zum Beispiel Gesetz-
liche Kran­ken­ver­siche­rung) verbessern und soll einer unsachgerechten Leistungsausweitung entgegenwirken. Ist die Krankenkasse für die Kostenträgerschaft bei der Leistungserbringung zuständig, beauftragt diese den Vertragsarzt mit der Rehabilitationsverordnung.
Die Fachärzte und Referenten für Rehabilitation bei den Sozialmedizinischen Diensten haben die neue Rehabilitationsrichtlinie als einen „Quantensprung“ und wesentlichen Fortschritt bezeichnet. Aufgrund der Richtlinien können auch die Regelungen der Rehabilitationseinleitung aus dem Krankenhaus erarbeitet und vor allem ein trägerübergreifendes Formular zur Rehabilitationseinleitung entwickelt werden. In der Integrierten Versorgung, etwa im Rahmen der Durchführung von Disease-Management-Programmen und gegebenenfalls bei der Vereinbarung pauschalierter Entgelte, können die Indikationsstellungen einer Rehabilitation leichter erfolgen und damit im Interesse der Patienten die Qualität und Wirtschaftlichkeit der rehabilitativen Versorgung langfristig besser sichern.
Namentlich die Rentenversicherungsträger engagieren sich neben der klassischen stationären, teilstationären und ambulanten wohnortnahen medizinischen Rehabilitation zunehmend auch finanziell für die Durchführung der so genannten Sekundärprävention und das Gesundheitstraining. Die leitende Ärztin der BfA, Korsukéwitz, plädierte vor den mehr als 500 Reha-Experten beim Berliner BfA-Forum dafür, die Sekundärprävention verstärkt in den Mittelpunkt zu stellen. Denn: Die psychomentalen Belastungsfaktoren, die durch Sekundärprävention und systematisches Training beeinflusst werden können, bestimmen weithin das Rehabilitationsgeschehen.
Flexible Maßnahmen
Umgekehrt resultiert aus der stark veränderten Arbeitswelt und den Umweltbelastungen das gewandelte Aufgabenspektrum der Sozialmediziner und der Sozialleistungsträger. So müssen auch die Rentenversicherungsträger mehr als bisher frühzeitig den gewandelten spezifischen Rehabilitationsbedarf erkennen, finanziell und personell abschätzen und die Rehabilitationspatienten besser auf gezielte therapeutische Maßnahmen vorbereiten. Dies betrifft die Stressbewältigung ebenso wie das Entspannungstraining und Aktivgruppen zur Bewältigung von psychosozialen Konflikten am Arbeitsplatz, betonte Korsukéwitz. Der später wieder am
Arbeitsprozess teilnehmende Rehabilitand müsse als aktiver Partner in den medizinischen Entscheidungsprozess eingebunden werden. Der Rehabilitand müsse als aktiv Handelnder verstanden und akzeptiert werden. Dies bedeutet: wirkungsvolle Vernetzung auf der Wohnort- und Betriebsebene sowie Stärkung der Teilnahme behinderter Menschen und die Integration des Selbsthilfegedankens.
Das Credo der Rehabilitationspolitiker: Ein langfristiger Rehabilitationserfolg ist nur dann zu erzielen, wenn weitere flexiblere Maßnahmen zur Rehabilitationsnachsorge unter Einbeziehung des nachbehandelnden Haus- und Facharztes implementiert werden. Hinzu kommt eine umfassende sozialrechtliche Beratung zur beruflichen Situation.
Um den Übergang von der medizinischen Rehabilitation zur Wiedereingliederung in den Beruf zu erleichtern, müsse das Prinzip der stufenweisen Eingliederung nach Maßnahme von § 28 SGB IX verwirklicht werden. Dabei müsse man sich weniger an abstrakten diagnostischen Kriterien als vielmehr an der individuellen Leistungsfähigkeit, der Motivationsmöglichkeit und den vorhandenen Ressourcen orientieren. Dr. rer. pol. Harald Clade
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