ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2005Internet-Recherche zu sozialen Ängsten: Soziale Isolierung überwinden helfen

WISSENSCHAFT

Internet-Recherche zu sozialen Ängsten: Soziale Isolierung überwinden helfen

Eichenberg, Christiane; Portz, Kareen

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LNSLNS Überblick über empfehlenswerte Web-Seiten zu Angsterkrankungen

Die Recherche im Internet zur sozialen Phobie zeigt, dass Ressourcen von Betroffenen für Betroffene gegenüber solchen von Professionellen, die Informationen an Kollegen oder Ratsuchende richten, deutlich überwiegen. Aufgrund der der sozialen Angst inhärenten Symptomatik lässt sich mutmaßen, dass Betroffenen das Internet durch seine Anonymität und den Wegfall von körperlicher Kopräsenz als Kommunikationsmedium entgegenkommt. Die netzbasierte Kommunikation kann – im negativen Fall – das Vermeidungsverhalten in „realen“ Situationen verstärken, im günstigsten Fall jedoch die konstruktive Funktion haben, soziale Isolierung – eine häufige Folge extremer sozialer Angst – zu überwinden. Im virtuellen geschützten Raum sind positive Beziehungserfahrungen möglich, die kurative Effekte haben und gegebenenfalls auf das „wirkliche Leben“ übertragen und integriert werden.
Eine erste Anlaufstelle für Fachkreise ist die Anxiety Disorders Association of America (ADAA) (www.adaa.org). Als Mitglied registriert, erhalten Professionelle Leistungen, die über den aktuellen Stand der Forschung informieren. So gibt es zum Beispiel Ermäßigungen beim Abonnement internationaler wissenschaftlicher Zeitschriften (zum Beispiel „Journal of Anxiety Disorders“, „Depression and Anxiety“). Die Aufnahme in einen E-Mail-Newsletter und in eine Mailingliste ermöglicht eine störungsspezifische und interaktive Auseinandersetzung mit dem Thema.
Der vom kanadischen Psychiater Phillip W. Long geleitete Service „Internet Mental Health“ bietet wissenschaftliche Informationen zu mehr als 50 Störungsbildern. Zur sozialen Angst
(www. mentalhealth.com/dis/p20-an03.html) werden aktuelle Studien referiert, weiterführende Buchhinweise gegeben und eine gut recherchierte Linksammlung angeboten. Ebenso ist gegen ein geringes Entgelt ein Instrument zur Diagnostik von sozialer Angst abrufbar.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) stellt wissensbasierte Leitlinien für Diagnostik und Therapie von „Angsterkrankungen“ (www. uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/038-010.htm) und „Phobische Störungen und Emotionale Störungen des Kindesalters“
(www.uni-duesseldorf.de/WWW/ AWMF/ll/028-021.htm) online. Weitere Hinweise zu sozialer Phobie im Kindesalter und Adoleszenz finden sich unter (www.klis.com/chandler/pamphlet/soc phob/socphobpamphlet.htm).
Forschung und Aufklärung
Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse, stellt auf seiner Homepage Informationen zu Risikofaktoren für die Entwicklung einer sozialen Phobie im Jugendalter und einen (schwerpunktmäßig verhaltenstherapeutischen) Überblick über Behandlungstechniken der Sozialphobie zusammen (www.neuro24.de/a11. htm). Institutionen im Internet, die sich auf die Behandlung von Angsterkrankungen spezialisiert haben und ihre begleitenden Forschungsprojekte vorstellen (zum Beispiel www.christoph-dornier-stiftung.de) sowie digitalisierte Dissertationen in virtuellen Bibliotheken (zum Beispiel „Aufmerksamkeitskontrolle bei sozialer Phobie“ [archiv. ub. uni-marburg.de/diss/z2001/0100]) verdeutlichen das Spektrum der wissenschaftlichen Informationen.
Aufklärungsmaterial zur sozialen Phobie finden Betroffene zum Beispiel bei allgemeinen Gesundheitsportalen (www2.lifeline.de/yavivo/Er krankungen/Sozialphobie/in dex. html).
Exemplarisch für eine Online-Ratgeberbroschüre seitens der Pharmaindustrie ist die WebSeite von Roche (www.roche. de/pharma/indikation/sozphob/index.htm). Das Healthcare-Unternehmen skizziert Symptome und mögliche Ursachen der sozialen Phobie unter anderem anhand kurzer Fallvignetten, erläutert laiengerecht verhaltenstherapeutische Maßnahmen und bietet einen kurzen Einstieg in die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten. Dr. Dr. med. Mück, niedergelassener Psychotherapeut in Köln, präsentiert sein Angebot „Allgemeine Angst- Auskunft“ (AAA) (www.angst-auskunft. de) im Internet. Es enthält facettenreiches Material unter verschiedenen Rubriken wie „Angstentstehung“, „Hinweise für Bezugspersonen“, „Scham-Angst“ sowie Selbsttests (zum Beispiel die Self-Rating-Anxiety Scale) mit dem deutlichen Hinweis versehen, dass diese keine klinische Diagnose liefern.
Dr. Hans Morschitzky, Autor von zwei Ratgeberbüchern zu Angststörungen (1999, 2002), veröffentlicht auf seiner Homepage Ausschnitte aus seinen Büchern. Zur sozialen Phobie thematisiert er auf zwei Web-Seiten unter anderem historische Aspekte, Symptomatik, Epidemiologie, Verlauf und Folgen, Therapieeffizienz und Bewältigungsstrategien (www.panikattacken.at/sozial phobie/sozial.htm; www.panikattacken. at/soziale_phobie/sozialphobie.htm). Vormals ergänzte Morschitzky sein Informationsangebot um eine internetbasierte Beratung auch speziell für Sozialphobiker. Die Menge der Anfragen in seinem Diskussionsforum überschritt jedoch seine Kapazitäten, sodass er das Angebot einstellte. Alte Einträge stehen dem Interessenten allerdings noch zur Lektüre zur Verfügung. Aktuell bieten verschiedene Experten unter (www. psychologe.de) qualifizierte Online-Beratung an.
Einen wesentlichen Schritt weiter gehen so genannte Virtual-Reality-Technologien, die es ermöglichen, computerbasierte Modelle der realen Welt zu erstellen, mit denen mittels Mensch-Maschine-Schnittstellen interagiert werden kann. Das realitätsnahe Erleben wurde so auch für Expositionsbehandlungen in der Psychotherapie genutzt. Als Mittelweg zwischen In-sensu- und In-vivo-Konfrontationen mit den Angst auslösenden Stimuli haben sich diese modernen Anwendungen auch für die Behandlung von sozialer Phobie in ersten Studien als effektiv erwiesen (Roy et al., 2003).
Internetbasierte Selbsthilfegruppen
Die Internetpräsenzen von „realen“ oder rein „virtuellen“ Selbsthilfegruppen sind weitere Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene. Ein Beispiel für eine internetbasierte Selbsthilfeplattform ist die „Soziale Angst Selbsthilfe“ (www.sozialeangst.de) mit einem moderierten Forum, das derzeit knapp 2 500 registrierte Mitglieder verzeichnet. Hier wird Raum gegeben für den Austausch in Unterforen wie „Soziale Phobie und Schüchternheit“ oder „Therapie und Eigeninitiative“. Ein großes regionales Forum ermöglicht die bundeslandinterne und sogar städtebezogene Kommunikation. Weiterhin können sich Betroffene mit Vornamen registrieren lassen und deutschlandweit Kontakt zu Leidensgenossen suchen. Die Selbsthilfegruppe Sozialphobie der Stadt Dresden (www.shg-sozphobie. loebmann.de) verfügt über eine erwähnenswerte Linksammlung zu Quellen im Web. Das Forum der Selbsthilfe Köln (www.sozialphobie-koeln.de.vu) mit seinen online abrufbaren Terminen zu örtlichen Treffen und Unternehmungen illustriert, wie das Netz eine Brücke zwischen geschützter Anonymität und dem Schritt in die Öffentlichkeit bauen kann. Wie Betroffene ihre Krankheitserfahrungen in Homepage-Projekten umsetzen, zeigen zum Beispiel Achim (www.8ung.at/instincts ports/sozialphobie) und Michael (diverse.freepage.de/fendrock/).
www.sozialeangst.de
www.sozialeangst.de
Wissenschaftliche Informationen zu einer bisher vernachlässigten Unterform der Sozialphobie, der Paruresis (Unfähigkeit, auf öffentlichen Toiletten zu urinieren), können in einem Artikel von Dr. Philipp Hammelstein, Universität Düsseldorf, eingeholt werden (www.mediport-online.de/pdf/par uresis.pdf). Laien bietet die European Paruresis Association (www.paruresis-europa.org) sowie die Homepage eines Betroffenen (www.paruresis.de) Aufklärung.

Literatur
1. Morschitzky H: Wenn Jugendliche ängstlich sind. Ratgeber für Eltern, Lehrer und Erzieher. Wien: ÖBV & HPT 1999.
2. Morschitzky H, Sator S: Die zehn Gesichter der Angst. Ein Selbsthilfe-Programm in 7 Schritten. Düsseldorf: Walter 2002.
3. Roy S, Klinger E, Légeron P, Lauer F, Chemin I, Nugues P: Definition of a VR-Based Protocol to Treat Social Phobia. CyberPsychology & Behavior 2003, 6, 4, 411–420.

Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg,
Kareen Portz
Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität zu Köln, E-Mail: eichenberg@uni-koeln.de, Internet: www.christianeeichenberg.de
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