ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2005Präventionsprojekt: Therapie für Pädophile

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Präventionsprojekt: Therapie für Pädophile

Dtsch Arztebl 2005; 102(24): A-1712 / B-1444 / C-1362

Rabbata, Samir

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Mit TV-Spots und Zeitungsanzeigen sollen Pädophile auf das Präventionsprojekt der Charité aufmerksam gemacht werden.
Mit TV-Spots und Zeitungsanzeigen sollen Pädophile auf das Präventionsprojekt der Charité aufmerksam gemacht werden.
Die Charité startet das weltweit erste Behandlungsprogramm zur Vorbeugung von sexuellen Übergriffen auf Kinder.

Smart sieht er aus, der junge Mann in der S-Bahn. Ein Frauentyp könnte man meinen. Doch seine Aufmerksamkeit gilt nicht der attraktiven Mutter, die mit ihrem Sohn das Abteil betritt. Es ist das blonde Kind, das den Puls des Mannes rasen lässt. Erst als Mutter und Kind an der nächsten Station aussteigen, beruhigt sich der Herzschlag des Mannes.
„Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“, fragt eine Stimme am Ende des TV-Spots. Unter diesem Motto steht eine Medienkampagne, mit der ab sofort nach Probanden für ein außergewöhnliches Forschungsprojekt gesucht wird. Mit einem weltweit einmaligen Therapieversuch will das Institut für Sexualmedizin der Berliner Charité potenzielle Triebtäter von Übergriffen auf Kinder abhalten. Dafür stehen insgesamt 180 unentgeltliche Therapieplätze zur Verfügung.
In Deutschland werden jährlich nach polizeilichen Kriminalstatistiken etwa 20 000 Kinder Opfer sexueller Übergriffe. Dabei sind sich Experten einig, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt. „Wir gehen davon aus, dass das Dunkelfeld 15- bis 20-mal so groß ist“, sagt Jerome Klein von der Opferschutz-Stiftung „Hänsel und Gretel“.
An die so genannten Dunkelfeldtäter richtet sich das Angebot der Charité, das die Volkswagen-Stiftung mit 517 000 Euro fördert und das strikt unter ärztlicher Schweigepflicht steht. Bislang gebe es keinerlei therapeutische Prävention. „Insofern hat unser Projekt Pioniercharakter“, sagt Prof. Dr. Dr. Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualmedizin an der Charité und Leiter des Forschungsvorhabens. Man dürfe das Programm aber nicht als Täterschutz missverstehen. Vielmehr gehe es darum, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu bewahren.
Der Behandlungsansatz besteht aus einer kombinierten Psycho- und Pharmakotherapie, der sowohl verhaltenstherapeutische als auch spezielle sexualmedizinische Behandlungskonzepte zugrunde liegen. Nach einer viermonatigen Diagnosephase beginnt die eigentliche Therapie. „Man kann Pädophilie nicht heilen, aber man kann lernen, sie zu kontrollieren, sodass sie niemanden gefährdet“, sagt Studienleiter Beier. Deshalb sollten die Patienten in Einzel- und Gruppensitzungen dazu gebracht werden, ihre Veranlagung zu akzeptieren. Weil sie damit leben müssten, lernten die Probanden in einem nächsten Schritt, mit diesen Gefühlen umzugehen. „Das ist richtiges Training“, meint Beier. Zur Unterstützung könnten alle Teilnehmer Medikamente zur Dämpfung sexueller Impulse einnehmen.
Nach Ansicht Beiers sind solche Angebote dringend nötig. Denn an Pädophilie litten ungefähr so viele Menschen wie an Schizophrenie, etwa ein Prozent der Bevölkerung. Gleichzeitig handele es sich um Patienten, die potenziell fremdgefährdend seien, was bei Schizophrenie selten sei. Doch während es für psychotische Symptome Therapiemöglichkeiten gebe, bleibe die Patientengruppe der Pädophilen vollkommen unterversorgt.
Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Beiratsmitglied des Forschungsprojektes begrüßt die Initiative der Charité. „Wir Erwachsenen haben die Pflicht, unsere Kinder so weit wie möglich vor sexuellen Übergriffen zu schützen.“ Jedoch bedürfe die Diagnostik und Therapie sexueller Präferenz- und Verhaltensstörungen spezieller Kenntnisse, die bisher nicht Bestandteil von Facharzt- oder Fachtherapeutenausbildung seien, so Jonitz. „Auch sind Präventionsangebote nicht Leistungsgegenstand der Krankenkassen“, ergänzt Diplom-Psychologe Christoph Joseph Ahlers vom Sexualwissenschaftlichen Institut der Charité: „Was keiner lernt und keiner bezahlt bekommt, das bietet auch keiner an.“
Dabei sei die Nachfrage groß, sagt Sexualforscher Beier. „Seit Jahren stellen sich bei uns Männer vor, die sagen, dass sie sexuelle Fantasien mit Kindern haben, und bitten um Hilfe.“ Schon vor dem Start der PR-Aktion hätten sich mehr als 50 Männer gemeldet. Dies bereitet Beier aber auch Sorgen: „Sollten wir nach der viermonatigen Medienkampagne mehr Teilnahmewillige haben, als wir behandeln können, haben wir ein Problem.“ Samir Rabbata
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