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Arzneimittelverordnungen: Hase und Igel

Dtsch Arztebl 2005; 102(25): A-1773 / B-1497 / C-1413

Rieser, Sabine

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Drei Milliarden Euro werden für Medikamente ausgegeben, die den Patienten nicht besser helfen als preisgünstige.“ So rüffelte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) jüngst Ärztinnen und Ärzte. Das Zitat gibt Prof. em. Dr. Gisela C. Fischer Recht, Allgemeinärztin und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Sie verglich Mitte Juni auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes Managed Care Ärztinnen und Ärzte mit dem gehetzten Hasen aus dem Märchen vom Hasen und vom Igel. So sehr sich die Ärzte bemühten, ihren Patienten Medikamente sachgerecht und wirtschaftlich zu verordnen, stets heiße es: Das reicht noch nicht!
Dabei hat der Sachverständigenrat die Arzneimittelausgaben in seinem jüngsten Gutachten als „unauffällig“ im internationalen Vergleich bewertet. Fischer lobte zudem, dass sich die Qualität der Versorgung in den letzten Jahren objektiv verbessert hat, und erwähnte Pharmakotherapiezirkel sowie dezentral erstellte Leitlinien. Sie verlangt aber vor allem von der Expertenschar, sich bei der Bewertung von Verordnungen nicht an statistischen Idealwerten zu orientieren, sondern an der realen, oft komplexen Entscheidungssituation vor Ort.
Wenn Krankheit A, dann Medikament B – so simpel geht es nur auf Vortragsfolien zu. In Wirklichkeit, erinnerte Fischer, müssten gerade Hausärzte häufig entscheiden, welche von mehreren Krankheiten eines Patienten vordringlich behandelt werden sollen oder mit welchen Medikamenten ein Patient überhaupt zurechtkommen werde. „Studien, die für alte, multimorbide Menschen den Nutzen von bestimmten Medikamenten nachweisen, gibt es nicht“, betonte sie. So bleibt eben oft nur die Entscheidung im Einzelfall.
Für falsch hält es Fischer weiterhin, sich grundsätzlich für einen gemeinsamen Entscheidungsprozess von Arzt und Patient einzusetzen, dann aber das pragmatische Ergebnis als schlechte Arzneimitteltherapie zu beschimpfen. Und sie verlangte, das intensive Gespräch auf der Suche nach der optimalen Therapie angemessen zu honorieren. Die Information Demenzkranker beispielsweise sei im Rahmen des normalen Sprechstundenablaufs nicht zu bewältigen.
Die Sachverständige fordert von ihren Kollegen allerdings auch einiges. Angesichts der nach wie vor schlechten Compliance hält sie es für vertretbar, Ärzte nicht nur für eine sachgerechte Medikation in die Pflicht zu nehmen, sondern auch für eine sachgerechte Einnahme durch ihre Patienten. Dazu müssten sie allerdings noch viel intensiver mit ihren Patienten reden und bereit sein, ihnen gegenüber geschlossener aufzutreten. Doch daran hapert es. Dass Ärzte nämlich als gleichwertige Partner agieren, hält Fischer eher für Theorie. Es gebe in Wirklichkeit immer noch ein stark empfundenes Bedeutungsgefälle. Sabine Rieser
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