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LNSLNS Lebensgeschichten von Patienten haben mich in meiner drei Jahrzehnte währenden Berufserfahrung immer wieder berührt, eine von den unvergessenen möchte ich hier weitergeben.
Als leitender Arzt einer Fachklinik für Onkologie wurde mir zur Visite eine jüngere Patientin mit Brustkrebs vorgestellt, die apathisch, fahl und zerfurcht im Gesicht, grau und kein bisschen weiblich, misstrauisch auf Distanz bedacht, in ihrem Zimmer saß. So wirkte sie um Jahre gealtert, dennoch unreif, und aus den Daten der Vorstellung voreilig geschlossen, musste sie die Großstadt-Drogenszene, vielleicht sogar „die Gosse“ durchlebt haben. Da war das Vorurteil und sie damit in „der Schublade“ gelandet.
In ihrer Niedergestimmtheit scheute sie den Umgang mit anderen Patienten, vielleicht hatten die sie aber auch „abgestempelt“ und mochten sie meiden, und die Wege zu den Mahlzeiten ins Restaurant fielen ihr schwer. So hatte das Team eine Aufgabe, hier galt es „Wiederherstellung“ zu leisten. Schrittweise schmolz die Distanz, und je öfter und länger ich in dieses lebens-gezeichnete Gesicht schauen konnte, umso jünger und reifer wurde es.
Sie öffnete sich, und es reizte mich, mit ihr zu arbeiten. Farbe kam auf ihre Person und in ihren Raum. Mosaiksteinchen gleich vertraute sie mir aus ihrem Leben an. So entstand das Bild einer ganz schlichten, doch sehr differenzierten und lebenserfahrenen Frau. Sie kam aus ihrer Isolation heraus, die Schritte ins Restaurant wurden immer größer. Sie lebte mit Krebs.
Übers Jahr kam sie wie-der, wir freuten uns beide.
Sie schien mir „gewachsen“, das Vertrautsein wuchs. Sie hatte angefangen zu malen und zu schreiben, Märchen. Ich fand diese beeindruckend, machte ihr Mut, die Märchen den Mitpatienten vorzulesen. Nachdem ich das Erste vorgetragen hatte, vermochte sie „Märchenstunde“ zu halten und ihre Mitpatienten zu erreichen, die begegneten ihr seither mit Achtung. [. . .]
Früh in ihrem Leben war der Mangel an Halt erkennbar, die Suche nach Lebensinhalten. Für die zwei geborenen Kinder, mit denen sie allein blieb, gab es Väter. Der Sohn, mehrfach behindert, beanspruchte ihre ganze Kraft. Dennoch hatte sie Liebe für die Tochter, und die ging ihren Weg mit hoher sozialer Kompetenz.
Ihre Brustkrebserkrankung schritt fort, Behandlungen und Kranken­haus­auf­enthalte, die ihr zu schaffen machten, waren notwendig. Sie hatte noch stundenweise gearbeitet; es fiel ihr schwer, vom „Sozialfall zum Rentenempfänger“ zu werden. Wir konnten darüber sprechen, dass sie sterben müsse, aber natürlich hoffte sie und verfasste Märchen und malte. Im Eigenverlag erschienen handgeschriebene und illustrierte Märchenbücher, jedes ein Unikat, ich konnte ihren Wert ermessen. Hätte sie doch einen Verlag finden können. Sie schenkte mir ihre Urschrift. Inzwischen hatte ich ausscheiden müssen, die angesehene, unternehmerische Ökonomie hatte über Moral und Menschlichkeit gesiegt, sie hielt an mir als Mensch fest.
Ich hatte erfahren dürfen: Die Furchen in ihrem Gesicht waren Narben, Missbrauch in der Jugend, Unrecht und Abbrüche in ihrer Entwicklung hatten sie geformt; nach Jahren der Sorgen war der Sohn dennoch gestorben. Je vollkommener mein Bild von ihr, desto größer wurde mein Respekt, umso mehr schämte ich mich meiner ersten Einschätzung. Über viele Kilometer hinweg blieben wir verbunden, ich bestärkte sie in einem Sterben zu Hause – liebe Menschen haben es ihr ermöglicht. Die Familie rief mich an ihr Bett. Ihr gelber Körper lag ohne jegliche Regung in großem Frieden. Ich küsste ihre kaltschweißige Stirn und nahm in Ehrfurcht Abschied. Ich bin sicher, sie hat es gespürt. Ausgezehrt verstarb sie. Mehr als ihr Märchenbuch lebt fort. Dr. med. Klaus Günzel
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