VARIA: Bildung und Erziehung

Internatsberatung: „Ich rate auch schon mal ab“

Dtsch Arztebl 2005; 102(25): A-1836 / B-1552

Bühring, Petra

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Peter Giersiepen: „Ich will wissen, was aus den Menschen wird.“ Foto: Petra Bühring
Peter Giersiepen: „Ich will wissen, was aus den Menschen wird.“ Foto: Petra Bühring
Der evangelische Pfarrer und Familientherapeut Peter Giersiepen will vornehmlich nicht das passende Internat suchen, sondern versteht sich als Coach für diese wichtige Entscheidung.

INTERVIEW
DÄ: Sie treffen sich mit den Eltern und dem Kind zusammen. Nach welchen Kriterien gehen Sie vor, um das Kind und das passende Internat zusammenzubringen?
Giersiepen: Es wäre einfach, wenn es nur darum ginge, für das Kind das passende Internat zu suchen. Häufig stellen die Eltern immer auch latent die Frage: Passt mein Kind überhaupt ins Internat? Oft wird diese Frage vorher nicht gründlich geklärt.

DÄ: Können Sie ein Beispiel nennen?
Giersiepen: Nehmen wir das Beispiel Scheidung. Manche Eltern sehen es als Akt der Fürsorge an, das Kind in einer solchen schwierigen Situation in ein Internat zu schicken. Im besten Fall ist das Kind froh, aus dem ganzen Zirkus herauszukönnen. Es gibt aber auch Kinder, die erleben das als ein Abschieben. Das kann sehr grausam sein. Dann gibt es die noch häufigere Situation, dass Eltern ihr Kind in ein Internat schicken wollen, weil es zum Renommee der Familie gehört, beispielsweise auf ein teures Schloss-Internat zu gehen. Für die Eltern ist das eine Projektion. Das Kind wird in etwas reingeschoben, was „nur zu seinem Besten“ ist – in ein goldenes Schloss. Wenn das Kind nicht in ein Internat will, wird ihm damit Gewalt angetan. Solche Kinder werden dann disziplinarisch auffällig und machen so lange Rabatz, bis sie rausfliegen.

DÄ: Woher erhalten Sie die Informationen über die Internate? Reisen Sie die Schulen der Reihe nach ab?
Giersiepen: Ich habe ein anderes Verfahren, denn ich will bei Besuchen nicht irgendwas vorgespielt bekommen. Ich sammle die Rückmeldungen der Eltern, das ist viel interessanter. Das ist zwar ein sehr subjektives Verfahren, aber der Umgang mit Internaten ist eine höchst subjektive, individuelle Angelegenheit. Ich sammle die Rückmeldungen der Eltern, zu denen ich auch Kontakt halte.

DÄ: Welche Kriterien spielen bei der Auswahl eine Rolle?
Giersiepen: Ich gebe den Eltern einen Überblick über die Internatstypen, die es in Deutschland gibt: katholische und evangelische Internate, es gibt die Landerziehungsheime, die klassischen Sport-internate, Internate von Privatfamilien mit Tradition, dann die Fürstenschulen und die waldorfpädagogischen Häuser. Dann stellt sich die Frage, was es kosten darf, wie weit das Internat von zu Hause weg sein darf. So wählen wir zusammen aus und zum Schluss kommen fünf oder sechs Internate infrage.

DÄ: Diese sollte die Familie dann aufsuchen?
Giersiepen: Ja, zwei bis drei Internate sollte man sich anschauen, früh genug, ohne Zeitdruck. Zusätzlich gebe ich ein paar Kriterien als Insider zu den Internatsbesuchen – ich habe selbst acht Jahre ein Internat geleitet –, worauf die Eltern achten sollten, unabhängig von den Hochglanzbroschüren.

DÄ: Inwieweit nützen Ihnen Ihre Erfahrungen als evangelischer Pfarrer, Familientherapeut und Lehrer?
Giersiepen: Die Mischung macht es für mich interessant, aus den drei Bereichen schöpfen zu können. Die familientherapeutische Ausbildung ist ein wichtiges Instrument, ein Werkzeug zur Beurteilung der Familiendynamik. Ich berate auch gerne über den Internatsentscheid hinaus, weil ich wissen will, was aus den Menschen wird, ob es ihnen gut geht – das ist die seelsorgerische Seite.

DÄ: Ein Beispiel dafür, wann die Familiendynamik eine Rolle spielt?
Giersiepen: Wenn ich merke, dass bei den Gesprächen nur die Eltern antworten, dann sage ich deutlich: „Moment, jetzt wollen wir einmal hören, was der Sohn oder die Tochter dazu meint.“ Man spürt dann den Druck, den manche Eltern haben, dass ich auch einen guten Eindruck bekomme. Oder es kommt vor, dass das Kind mir oder der Familie signalisiert, gar nicht auf ein Internat zu wollen. Vielleicht ist das Treffen die einzige Situation, in der das Kind auch mal „nein“ sagen kann. Ich rate dann auch schon einmal ab, ich bin nicht von einer Provision abhängig.

DÄ: Sind die Eltern dann nicht überrascht?
Giersiepen: Es gibt Eltern, die überrascht sind. Manchmal kommen in solchen Situationen auch die Konflikte richtig hoch. Aber ich kann es mir leisten, den Eltern auch zu widersprechen. Wenn das so ein bisschen hakelt zwischen Eltern und Kind, was auch sein darf, dann kann ich auch sagen: „Wollen wir einmal hören, was die Tante denkt, oder die Freundin
oder vielleicht der neue Partner?“ Die haben auch die Chance als Außenstehende etwas beizutragen, und doch nicht so ganz außenstehend wie ich. Das sind die Methoden der Familientherapie.
DÄ-Fragen: Petra Bühring

Kontakt:
Peter Giersiepen, Unabhängige Internatsberatung, Im Baumgarten 11,
78343 Hemmenhofen/Bodensee, Telefon: 0 77 35/93 81 20, Fax: 0 77 35/
44 02 50, E-Mail: kontakt@unabhaengi
ge-internatsberatung.de, Internet: www.unabhaengige-internatsberatung.de


Weitere Internatsberatungen (Auswahl):
Euro-Internatsberatung, Grillparzerstraße 46, 81675 München, Telefon: 0 89/45 55 55-0, Fax: 0 89/45 55 55-44, E-Mail: info@internatsberatung.com, Internet: www.gledon.de

Dr. Hartmut Ferenschild, LEH-Internatsberatung, Boskoop 8, 88699 Frickingen, Telefon: 0 75 53/9 19-3 33, Fax: 0 75 53/9 19-3 80, E-Mail: info@internate.de, Internet: www.internate.de

SIB Schul- und Internats-Beratung, Dachauer Straße 37, 80335 München, Telefon: 0 89/54 55 81 14, Fax: 0 89/55 74 43, E-Mail: info@schule-internate.de, Internet: www.schule-internate.de

Töchter und Söhne, Dr. Detlef Kulessa GmbH, Abeggstraße 1, 65193 Wiesbaden, Telefon: 06 11/1 80 58 80, Fax: 06 11/1 80 58 88, E-Mail: info@internate.org, Internet: www.internate.org, http://toechterundsoehne.de

VDP-Service-GmbH, Heusteigstraße 21, 70182 Stuttgart, Telefon: 07 11/
2 48 47-0 08, Fax: 07 11/2 48 65 18, E-Mail: info@internate-vdp.de, Internet: www.internate-vdp.de
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