ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2005Ein halbes Jahr danach: Die Spendenflut nach dem Tsunami

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Ein halbes Jahr danach: Die Spendenflut nach dem Tsunami

Dtsch Arztebl 2005; 102(27): A-1945 / B-1643 / C-1547

Hibbeler, Birgit

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Arbeit für Handwerker und Fischer durch den Bau von Booten: GTZ-Projekt in Aceh Foto: dpa
Arbeit für Handwerker und Fischer durch den Bau von Booten: GTZ-Projekt in Aceh Foto: dpa
Die große Spendenbereitschaft ermöglicht eine langfristige Wiederaufbauhilfe. Aber nicht alle Organisationen können ihre Gelder zweckgebunden einsetzen.

Schockierende Fernsehbilder aus Südostasien in den weihnachtlich geschmückten deutschen Wohnzimmern: Menschen, die auf Bäume klettern, um sich vor einer gewaltigen Flutwelle zu retten oder von ihr mitgerissen werden. Eine Mutter, die berichtet, als die Welle auf sie zugekommen sei, habe sie sich entscheiden müssen, welches ihrer beiden Kinder sie rettet.
Der Tsunami am 26. Dezember 2004 war eine Naturkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Die Anteilnahme war immens. Gewöhnlich ist das Spendenverhalten nach Heiligabend eher zurückhaltend. Vom 27. bis 31. Dezember 2004 aber wurden in Deutschland rund 124 Millionen Euro gespendet. Dieser Betrag aus fünf Tagen entspricht dem gesamten Spendenaufkommen im September des gleichen Jahres. Schätzungen gehen von 600 Millionen Euro Privatspenden aus. Die Bundesregierung sagte 500 Millionen Euro Hilfe zu. Unter anderem soll von dieser Summe ein Tsunami-Frühwarnsystem vor der indonesischen Küste installiert werden.
Tausende Kilometer Küstenstreifen hat der Tsunami in Südostasien verwüstet. Mehr als 280 000 Menschen kamen ums Leben. Da das Epizentrum des Bebens vor der Nordspitze der indonesischen Insel Sumatra lag, war hier die Zerstörung besonders groß. Zahlreiche Nachbeben ließen diese Region nicht zur Ruhe kommen. Ende März forderte ein schweres Beben vor Sumatras Küste etwa 1 300 Opfer.
Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe steht nach Abschluss der unmittelbaren Soforthilfe nun der Wiederaufbau im Vordergrund. Unterkünfte, Krankenhäuser und Schulen müssen neu errichtet werden. Das Maß an Normalität ist regional sehr unterschiedlich, da auch der Grad der Zerstörung stark variierte. Auch zum jetzigen Zeitpunkt leben noch immer Hunderttausende Menschen in der Katastrophenregion in Übergangsunterkünften, in Indonesien allein rund eine halbe Million. Grundstücksfragen sind ungeklärt. Die Fischerei stellte für viele Betroffene eine wesentliche Lebens- und Ernährungsgrundlage dar. Zahlreiche Fischer aber verloren durch die Flutwelle ihr Boot und können keiner Erwerbstätigkeit nachgehen.
„Jeder möchte mit seinem Geld am liebsten ein Menschenleben retten, aber wir können viel mehr tun“, sagt Johannes Freiherr Heereman von Zuydtwyck, Geschäftführer des Malteser Hilfsdienstes. Von den rund 29 Millionen Euro, die der Organisation für die Flutopfer zur Verfügung stehen, wurden für 2005 elf Millionen verplant, mit vier Millionen wurden bereits Projekte unterstützt. Heereman sieht durch die hohe Spendenbereitschaft die Chance, langfristige Entwicklungsprojekte zu finanzieren, und ist der Meinung: „Gute Hilfe braucht Zeit.“ In Indien unterstützen die Malteser beispielsweise die Einrichtung von Fischerkooperativen. Viele Fischer seien vor der Katastrophe ausgebeutet worden, so Heeremann. Im Mittelpunkt stehe außerdem die psychosoziale Betreuung der Opfer.
Großteil der Spenden noch nicht verplant
Die „Aktion Deutschland hilft“, ein Zusammenschluss von zehn Hilfsorganisationen, meldete im April das Spenden-Rekordergebnis von 125 Millionen Euro. Allein die ZDF-Gala erbrachte den Betrag von 40,6 Millionen. Bis Ende 2005 sollen 60 Millionen Euro ausgegeben werden. Bleiben 65 Millionen. Sprecherin Janina Niemietz betont, die „Aktion Deuschland hilft“ könne sämtliche Gelder zweckgebunden einsetzen. Die Organisationen planten, drei bis fünf Jahre vor Ort zu bleiben. Die „Aktion Deutschland hilft“ ist zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) Spitzenreiter an Spendeneinnahmen. 126 Millionen Euro wurden an das DRK gespendet. 15 Millionen Euro wurden für die Soforthilfe ausgegeben. Weitere 24 Millionen Euro sind bislang für den Wiederaufbau von Krankenhäusern und Brunnensanierung verplant. Was mit dem restlichen Geld geschehen soll, steht noch nicht fest.
„Ärzte ohne Grenzen“ forderte schon kurz nach dem Tsunami dazu auf, nicht zweckgebunden für die Flutopfer zu spenden. Bis Ende März hatte allein die deutsche Sektion der Hilfsorganisation rund 50 Millionen Euro an Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe erhalten. Das internationale Netzwerk verfügte sogar über 100 Millionen Euro. Die Hilfsorganisation unterstützt nach der unmittelbaren medizinischen Nothilfe nun die Entwicklung lokaler Gesundheitsstrukturen. Für die Programme werden aber voraussichtlich nur 25 Millionen Euro benötigt. „Wir können nicht alle Spenden zweckgebunden einsetzen“, räumte Christiane Löll, Sprecherin von „Ärzte ohne Grenzen“ ein. Die Hilfsorganisation kontaktiert nun die Spender und bittet um die Freistellung der Mittel. Die Resonanz sei überwiegend zustimmend, so Löll. Zum Vergleich: 100 Millionen Euro entsprechen dem Gesamtbudget im Jahr 2003 von „Ärzte ohne Grenzen“ für die Länder Angola, Afghanistan, Demokratische Republik Kongo, Liberia, Sudan und Äthiopien.
„Es waren viel zu viele Spenden. Der Schock war so groß, dass alle helfen wollten“, erklärt Wolfgang Garatwa, Projektkoordinator für den Wiederaufbau in Sri Lanka von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Garatwa ist der Meinung, dass zu viele Hilfsorganisationen vor Ort waren und sind. Aus seiner Sicht wird der Wiederaufbau dadurch nicht beschleunigt. „Es gibt einfach nicht mehr Material und Arbeitskräfte“, so Garatwa. Unter den Hilfsorganisationen sei eine Konkurrenzsituation entstanden, die zum Teil schon Materialpreise in die Höhe treibe.
Bürokratische Hindernisse
Vielfach gibt es bürokratische Hindernisse, die den Einsatz der Gelder verzögern. So gestattet die Regierung von Sri Lanka die Wiederansiedlung nur mit einem Abstand von 100 Metern zur Küste. „Die Probleme der damit verbundenen Landfragen sind riesig“, meint Garatwa. Er plädiert dafür, Hilfsprojekte immer auch kritisch zu überdenken. „Durch zu viel Hilfe von außen geht die Selbsthilfekapazität zurück“, betont er. Gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht.
Der Phuket Tourist Association schwebt eine andere Art der Hilfe vor. „Nehmen Sie am Wiederaufbau teil, indem Sie Ferien machen“, heißt es im Internetauftritt der Vereinigung. Auch Sibylle Zeuch, Pressesprecherin des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes, teilt diese Ansicht: „Das ist die beste Unterstützung für die Menschen vor Ort.“ Die Kunden sehen das zurzeit noch etwas anders. Kein Wunder, denn über 500 deutsche Touristen kamen bei der Flutkatastrophe ums Leben. „Im Bereich der betroffenen Gebiete gibt es noch deutliche Einbrüche bei den Buchungen“, sagt Bettina Kraemer, stellvertretende Marketingchefin des Verkehrsamtes Thailand, Frankfurt. Auf Phuket seien inzwischen alle Hotels wieder in Betrieb, in Kao Lack etwa die Hälfte.
Die große Spendenbereitschaft ist möglicherweise für die Katastrophenregion eine Chance zum langfristigen Aufbau besserer Strukturen. Allerdings hätten auch die ganz alltäglichen, „chronischen“ Katastrophen mehr Beachtung verdient. An Aids sterben weltweit mittlerweile genauso viele Menschen, wie der Tsunami-Katastrophe zum Opfer fielen – und zwar jeden Monat. Dr. med. Birgit Hibbeler
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