ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2005Psychosoziale Aspekte bei Diabetes mellitus: Versorgungsbedarf stark unterschätzt

WISSENSCHAFT

Psychosoziale Aspekte bei Diabetes mellitus: Versorgungsbedarf stark unterschätzt

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LNSLNS Ergebnisse der DAWN-Studie, der ersten weltweiten Studie zu den psychosozialen Aspekten von Diabetes mellitus

Diabetes mellitus ist mit erheblichen Belastungen verbunden: Sie schränken nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen ein, sondern sind auch als eine Ursache anzusehen, warum die Diabetestherapie bei vielen Patienten nicht so effektiv ist, wie sie sein könnte. Dies ergab die so genannte DAWN-Studie („Diabetes – Ansichten, Wünsche und Nöte“), die erste weltweite, repräsentative Studie zu den psychosozialen Aspekten von Diabetes. Weltweit wurden in 13 Ländern bisher 5 400 Erwachsene mit Diabetes mellitus und 3 850 niedergelassene Ärzte und auf Diabetes spezialisierte Ärzte sowie Krankenschwestern und Patientenberaterinnen interviewt. Initiator dieser Studie ist Novo-Nordisk A/S in Kooperation mit der International Diabetes Federation (IDF) und einem internationalen wissenschaftlichen Advisory Board.
Ängste, Depressivität, Ärger
Die Ergebnisse für Deutschland wurden auf der 40. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) in Berlin vorgestellt. An der Befragung hatten 500 zufällig ausgewählte Patienten (Typ-1-Diabetiker, Typ-2-Diabetiker), 200 Allgemeinmediziner, 50 auf Diabetes spezialisierte Ärzte (Diabetologen, Endokrinologen, Internisten), 50 Krankenschwestern und 50 Patientenberater/-assistenten teilgenommen.
Die Belastungen werden an einigen Beispielen verdeutlicht:
- Reaktion auf die Diagnose Diabetes: Mehr als 80 Prozent der befragten Diabetiker geben an, dass die Diagnose Diabetes sie sehr besorgt hat. Für die meisten der Befragten war die Diagnose mit negativen Emotionen – wie Ärger und Depressivität – verbunden.
- Diabetesbezogene Ängste: Für die zumeist übergewichtigen Typ-2-Diabetiker steht die Besorgnis über die Gewichtsentwicklung im Vordergrund. Darüber hinaus sorgen sie sich über den weiteren Verlauf der Erkrankung. Hiermit sind Befürchtungen über das Auftreten von diabetesbedingten Folge- und Begleiterkrankungen, wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Nierenversagen, Amputation, Augenerkrankungen und Erektionsstörungen, aber auch Akutkomplikationen gemeint, die vor allem in Form von stark erhöhten und relativ niedrigen Blutzuckerwerten (Hyper-, Hypoglykämien) auftreten können. Jeder vierte Diabetiker fühlt sich durch seinen Diabetes gestresst.
- Ängste und Sorgen vor der Insulintherapie: Für einen Typ-2-Diabetiker, der noch kein Insulin spritzt, stellt die Vorstellung, Insulin spritzen zu müssen, eine große Belastung dar. Nur 20 Patienten haben der Insulintherapie gegenüber eine positive Einstellung und stimmen der Aussage zu, dass Insulin für sie eine wichtige Hilfe darstellen könnte, den eigenen Diabetes besser zu behandeln. Zahlreiche Patienten empfinden die drohende Insulinspritze als eine Art Bestrafung für
ein Nichtbefolgen der bisherigen Therapieempfehlungen.
- Wohlbefinden und Depressivität: Auf die Frage, ob sie ihr Leben in den letzten zwei Wochen als ausgefüllt erlebt haben, antwortet rund jeder Fünfte mit „nie“ oder „nur manchmal“. Rund die Hälfte der Befragten gibt an, sich in den letzten Wochen nicht erfrischt und ausgeruht gefühlt zu haben.
Befragt nach den persönlichen Fähigkeiten, mit den psychosozialen Problemen ihrer Diabetespatienten umzugehen, gaben 60 Prozent der Ärzte an, nicht genügend Fähigkeiten zu haben, um psychosoziale Probleme gemeinsam mit dem Patienten zu besprechen und Lösungsperspektiven zu entwickeln. Allerdings sahen nur 15 Prozent der Ärzte hier einen Fortbildungsbedarf. Auch gab nur etwa jeder zehnte Arzt an, öfter seine Patienten zu Fachpersonen mit besonderen Kenntnissen zur Behandlung psychosozialer Probleme zu überweisen. Der Anteil der Patienten, die von den Ärzten auch tatsächlich zum Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiater geschickt wurde, ist noch geringer: 1,2 Prozent der Allgemeinärzte und zwei Prozent der Spezialisten überweisen einen Patienten mit Typ-1-Diabetes, 1,3 Prozent der Allgemeinärzte und 1,6 Prozent der Spezialisten überweisen einen Patienten mit Typ-2-Diabetes.
Professionelle Hilfe selten
Die Zahlen belegen, dass die meisten Patienten trotz diabetesbezogener psychosozialer Belastungen nur selten professionelle Hilfe durch Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiater erhalten. Die Autoren der Studie fordern daher eine bessere Integration psychosozialer Konzepte in die Diabetestherapie, um den Wünschen und Nöten der betroffenen Menschen mit Diabetes besser gerecht werden zu
können. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Ansprechpartner:
Priv.-Doz. Dr. phil. Norbert Hermanns, Dr. phil. Bernhard Kulzer, Diabetes-Zentrum Mergentheim, Internet: www.
diabetes-zentrum.de, E-Mail: hermanns@diabetes-zen trum.de/kulzer@diabetes-zentrum.de
Prof. Dr. med. Rüdiger Landgraf, Diabeteszentrum im Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, Internet: www.klinikum.uni-muenchen.de, E-Mail: Ruediger. Landgraf@med.uni-muenchen.de

Informationen zur DAWN-Studie: www. diabetes.de, www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de
Eine evidenzbasierte Leitlinie Psychosoziales und Diabetes, die von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft und dem Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin entwickelt wurde, unter: www.diabetes-psycho logie.de
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