ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2005Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Bestandssicherung für das DDR-Gesundheitswesen

THEMEN DER ZEIT

Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Bestandssicherung für das DDR-Gesundheitswesen

Dtsch Arztebl 2005; 102(28-29): A-2011 / B-1698 / C-1602

Hilsmann, Anna

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Ärzte mit Ausreisewunsch wurden häufig „Zielobjekte“ inoffizieller Mitarbeiter. (Titel DÄ 48/2004)
Ärzte mit Ausreisewunsch wurden häufig „Zielobjekte“ inoffizieller Mitarbeiter. (Titel DÄ 48/2004)
Die Zahl an Übersiedlungsersuchen von Ärzten war hoch. Ausreisewillige wurden „vorbeugend“ durch das Ministerium für Staatssicherheit überwacht.

Ein Gesundheitswesen kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn hoch qualifizierte Ärzte ins Ausland abwandern. Ausland – das war in diesem
Fall nicht Großbritannien und Schweden, sondern die Bundesrepublik Deutschland (BRD). Für viele Ärzte in der Deut-schen Demokratischen Republik (DDR) war sie ein attraktives Ziel. Die DDR-Führung sah die zahlreichen Übersiedlungsersuche (ÜSE) von Ärzten mit Sorge und wertete sie als Gefahr für das sozialistische Gesundheitswesen. Schon vorbeugend überprüften daher inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Ärzte auf ihre Ausreisewilligkeit.
Keine ehrliche Ursachenforschung
Eine ehrliche Ursachenforschung fiel den Verantwortlichen offenbar schwer. Ärzte und anderes medizinisches Personal seien „einer starken ideologischen Einflussnahme ehemaliger DDR-Bürger (Ärzte) ausgesetzt“. So lautete ein Erklärungsversuch von Hauptmann Weber*, Kreisdienststelle Rostock. Neben der Ablehnung des sozialistischen Systems gab es jedoch ganz pragmatische Gründe für den Wunsch nach einer Ausreise. Die schlechten Arbeitsbedingungen standen an erster Stelle: Dienste rund um die Uhr, wenig Urlaub und ein überholter medizinischer Standard, der deutlich hinter der BRD zurücklag. Weitere Motive für ÜSE oder Anträge auf ständige Ausreise (AstA) waren die höhere finanzielle Vergütung, mit denen die BRD „lockte“, außerdem die besseren Lebensbedingungen.
Das MfS ergriff Maßnahmen, um der Entwicklung entgegenzuwirken. Die „Hauptwaffe des Ministeriums“ war dabei der Einsatz von IM.
Auf welche menschenverachtende Weise das MfS gegen ausreisewillige Ärzte und anderes medizinisches Personal vorging, verdeutlicht die Diplomarbeit von Hauptmann Weber zum Thema „Erfahrungen und Erlebnisse im zielgerichteten Einsatz von IM zur Erkennung und vorbeugenden Verhinderung von Absichten zur Stellung von Anträgen auf ständige Ausreise nach dem nicht sozialistischen Ausland (NSA) und zur Begehung von Straftaten des ungesetzlichen Grenzübertritts durch Angehörige der medizinischen Intelligenz und des mittleren medizinischen Personals“. Die Arbeit wurde 1989 fertig gestellt.
Ein konkretes Fallbeispiel findet sich in den Anlagen der Arbeit: Ein abschließender IM-Bericht aus dem Jahr 1986 über die Arbeitsschritte der Operativen Personenkontrolle (OPK) „Dr. Ferdinand“. IM „Klaus“ war für diese verantwortlich. Der seit 1983 für das MfS tätige IM war darauf spezialisiert, Ärzte auf ihren Ausreisewillen zu überprüfen und gegebenenfalls Antragstellungen zu verhindern.
Dr. Ferdinand, ein Rostocker Facharzt für Allgemeinmedizin, beabsichtigte für sich und seine Familie ein Über-siedlungsersuch zu stellen. Er begründete dies damit, dass sein behindertes Kind in der BRD weitaus bessere För-derungs- und Betreuungsmöglichkeiten hätte. Zwischen IM „Klaus“ und Ferdinand bestand „ein loser persönlicher Kontakt“, den es nun seitens des IM auszubauen galt, um genauere Informationen über den Allgemeinmediziner zu erhalten. An diese persönlichen Informationen gelangten IM, indem sie sich das Vertrauen der Zielpersonen erschlichen, oft sogar eine Scheinfreundschaft aufbauten.
So ging auch IM „Klaus“ vor. Es entwickelte sich ein enges Vertrauensverhältnis zwischen ihm und Ferdinand. IM „Klaus“ gelangte zu der Einschätzung, dass das gesundheitliche Leiden des Kindes nur ein vorgeschobener Grund für den Antrag auf Ausreise war. In Wahrheit sei die politisch negative Grundeinstellung des Arztes ausschlaggebend für das Ausreiseersuchen. Mit solchen oder ähnlich fadenscheinigen Begründungen übergingen die IM in ihren Berichten häufig die wirklichen Gründe der Antragsteller und stellten sie gezielt in ein falsches Licht.
Des Weiteren erfuhr IM „Klaus“, dass Ferdinands Kind, aufgrund von „Förderungsunfähigkeit“, aus der Kindereinrichtung Lichtenhagen in eine Pflegemaßnahme verlegt werden sollte. Um diesen Umstand als Ursache für eine Antragstellung auszuschließen, wies
das MfS die Leitung der Förder- und Pflegeheime in Rostock an, das Kind weiterhin in Lichtenhagen zu belassen. Neben der „inoffiziellen Einflussnahme“ durch IM „Klaus“ hatte das MfS damit auch eine „offizielle“ Maßnahme angewandt. Durch gezielte Manipulation von bürokratischen, das Umfeld der Zielperson betreffenden, Entscheidungen übte das MfS eine enorme Kontrolle aus. Erreicht werden sollte die „endgültige Abstandnahme von Übersiedlungsersuchen“. Auch am Arbeitsplatz nahm das Ministerium Einfluss: Ferdinands Vorgesetzte bat ihn zu Gesprächen, die seine „beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten“ betrafen. Im Rahmen dieser Gespräche erhoffte man sich eine Äußerung Ferdinands bezüglich seines Übersiedlungsantrags.
Gezielte bürokratische Manipulationen
Der Arzt hielt trotz aller Maßnahmen an seinem Vorhaben fest und begann sich über seine Perspektiven in der BRD zu informieren. IM „Klaus“ erfuhr als „engster Vertrauter“ vom Kontakt zu einer westdeutschen Klinik. Er war auch der Erste, dem Ferdinand das angefertigte ÜSE sowie ein Schreiben an das Ministerium für Gesundheitswesen zeigte. In Letzterem bat Ferdinand, seinem Antrag stattzugeben, um eine bessere Behandlung und Betreuung seines Kindes in der BRD zu gewährleisten.
Der Antrag wurde allerdings plötzlich „aufgrund territorialer Zuständigkeit“ in den Aufgabenbereich der Rostocker Abteilung für Gesundheits- und Sozialwesen verwiesen und schließlich abgelehnt. Ein Fall von bürokratischer Manipulation.
Ferdinand gab nicht auf. Er wandte sich an IM „Klaus“ und bat diesen, seine vermeintlichen Beziehungen in die BRD zu nutzen und sich nach einem Betreuungsplatz für sein Kind und einem Arbeitsplatz für ihn umzuhören. MfS und der IM schufen daraufhin die Legende eines Bekannten (real existent) von „Klaus“, der sich um Ferdinands Angelegenheiten kümmern sollte. Dafür sei jedoch der Einblick in Ferdinands gesamten Schriftverkehr notwendig. Vertrauensvoll übergab der Arzt seine Unterlagen an IM „Klaus“, der damit dem MfS den „Nachweis seiner ehrlichen Berichterstattung in Bezug auf
die schriftlich vorgefertigten ÜSE“ erbrachte. IM waren zu allen Zeiten ihres Handelns Rechenschaft schuldig und unterlagen einer ständigen Kontrolle. Bei unzureichenden Ergebnissen hatten sie Auseinandersetzungen mit Führungsoffizieren und persönliche Schulungen zu befürchten. Bei wiederholter Unzuverlässigkeit beendete das MfS die Zusammenarbeit.
Im weiteren Vorgehen wurde Ferdinand mit dem vermeintlichen Bekannten zusammengeführt. In einem Gespräch sollte dieser ihn von der Sinnlosigkeit des Unterfangens überzeugen. Der Allgemeinmediziner sah den Bekannten als eine Art „Sachverständigen“ für die Perspektiven in der BRD. Er ließ sich von ihm überzeugen und brachte zum Ausdruck, „endgültig von seinem Vorhaben Abstand genommen zu haben“. Laut MfS war es gelungen, den Ausreisewilligen in und mit der DDR zufrieden zu stellen.
Dennoch ließ man Ferdinand auch in den folgenden Jahren nicht aus den Augen. IM „Klaus“ war ihm stets ein treuer Begleiter und meldete dem MfS jede noch so kleine Information. Zu erneutem aktiven „operativen Einfluss“ kam es 1986. Ferdinand sollte zum Reservistendienst eingezogen werden und weigerte sich. Ein „Rückfall“ war eben nicht auszuschließen.
Der Fall „Ferdinand“ zeigt die menschenverachtenden Methoden, die den Verbleib von ausreisewilligen Ärzten in der DDR sichern sollten. Nicht immer jedoch führten die Maßnahmen zum gewünschten Ziel. Hauptmann Weber zufolge gab es zeitgleich „keine weiteren ähnlich erfolgreichen Ergebnisse“. Anna Hilsmann
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