ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2005Gesundheitssysteme Mittel- und Osteuropas (Teil 5) - Lettland: Kein Geld für Kosmetik

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Gesundheitssysteme Mittel- und Osteuropas (Teil 5) - Lettland: Kein Geld für Kosmetik

Dtsch Arztebl 2005; 102(30): A-2074 / B-1750 / C-1654

Merten, Martina

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Bildmontage: DÄ
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Geringe Verdienste lassen immer mehr Ärzte am Sinn ihrer Tätigkeit zweifeln. Die Folge: Dem System droht ein Nachwuchsmangel.

Seine Augen beginnen zu strahlen, als Dr. med. Agris Martinsons die Tür zum Operationssaal des Chirurgie-Trakts aufschiebt: Alles, was man hier sehe, sei erneuert worden, sagt der Direktor der Abteilung Wissenschaft und Ausbildung an der Paula-Stradinja-Universitätsklinik in Riga – von der Einrichtung über die technischen Geräte bis hin zum Waschbecken mit automatischer Wasserschranke. Martinsons lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. Wann der OP-Saal endlich zum Einsatz kommt, wisse er allerdings noch nicht. „Das Krankenhaus kann nichts planen, weil wir nicht wissen, wie viel Geld uns die Regierung bis zum Sommer zur Verfügung stellen wird.“
Paula Stradinja ist eine von zwei Universitätskliniken in Lettland; daneben verfügt der baltische Staat derzeit über 119 weitere Krankenhäuser. In die Universitätsklinik kommen überwiegend Patienten mit akuten Erkrankungen, denn die Akutversorgung, so will es die Regierung Lettlands, zählt zur ärztlichen Grundversorgung und ist kostenfrei. „Mittlerweile sind beinahe 60 Prozent aller Fälle akut, für Spezialbehandlungen bleiben weder Zeit noch Geld“, sagt Martinsons. Dem Arzt zufolge geht diese Entwicklung sogar so weit, dass Hausärzte auch bei weniger dringenden Fällen Patienten akut überweisen, weil die Behandlung dann schneller erfolgt und keine Kosten anfallen. Chronisch Kranke müssten dagegen oft mehr als ein halbes Jahr auf eine Behandlung warten, so lange, bis das knappe Budget des Krankenhauses für Spezialbehandlungen erneut aufgefüllt sei. Martinsons sieht nur eine Lösung aus der derzeitigen Sackgasse: Akut- und Chronikerversorgung müssten aus unterschiedlichen Töpfen finanziert werden.
Die Regierung will an der Situation jedoch nichts ändern. Im Gegenteil: Geplant ist, die Zahl der Krankenhäuser bis 2010 auf 52 zu verringern und das Krankenhaussystem zu zentralisieren. „Wir wollen die Versorgung chronisch Kranker aus Kostengründen so weit wie möglich aus den Krankenhäusern auslagern und dort überwiegend akute Fälle behandeln. Dafür müssen auch mehr Ärzte für die Akutversorgung fortgebildet werden“, erklärt Ainars Civics. Dem Direktor der Abteilung für das öffentliche Gesundheitswesen des Lettischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums zufolge sollen kleine Krankenhäuser zu ambulanten Tageskliniken werden und größere Kliniken wie die Paula Stradinja überwiegend Akutpatienten versorgen.
Wenngleich sich bei vielen lettischen Krankenhausärzten aufgrund der Geldknappheit im Gesundheitswesen Resignation eingeschlichen hat, gibt es zumindest seit dem 29. April einen Lichtblick: Das Ge­sund­heits­mi­nis­terium hat sich mit der Gewerkschaft der Mitarbeiter des Gesundheits- und Fürsorgewesens darauf geeinigt, das Gehalt der Ärzte bis Mitte 2006 zu erhöhen – von derzeit rund 330 Euro brutto monatlich auf etwa das Doppelte. Zudem soll der Durchschnittslohn des ärztlichen Personals an den allgemeinen Durchschnittslohn angepasst werden. „Für das wenige Geld, das die Ärzte derzeit bei uns verdienen, wollte keiner mehr arbeiten“, sagt Prof. Dr. med. Viesturs Boka, Präsident der Lettischen Ärztekammer in Riga. Die Regierungen hätten der Gesundheit seit dem Fall des Eisernen Vorhangs – wie in vielen anderen ehemals kommunistischen Staaten – zu wenig Beachtung geschenkt. !
Der drohende Ärztemangel dürfte tatsächlich einer der Hauptgründe des Ministeriums sein, die Gehälter der Ärzte anzuheben. Von den mehr als 7 000 lettischen Ärzten sind 32 Prozent älter als 55 Jahre, schätzungsweise 20 Prozent werden künftig ins Ausland abwandern. Statistisch gesehen benötigt Lettland in den nächsten zehn Jahren knapp 1 500 zusätzliche Ärzte, um die Versorgung sicherzustellen. Ähnlich wie in Deutschland verschärft sich die Situation vor allem in den ländlichen Gebieten, weil kaum Ärzte für das wenige Geld dorthin ziehen wollen. Möglichkeiten, privat hinzuzuverdienen, gibt es dort nur bedingt.
Gesetz gegen Korruption im Gesundheitswesen geplant
Noch immer an derselben Stelle: das Haus der lettischen Ärztekammer um 1908/1910 Fotos: Latvian Medical Association
Noch immer an derselben Stelle: das Haus der lettischen Ärztekammer um 1908/1910 Fotos: Latvian Medical Association
Ein weiteres Motiv der Regierung für die Anhebung der Arztgehälter: Sie will die Schwarzgeldzahlungen eindämmen. „Wir wissen sehr wohl, dass es dieses Problem gibt“, räumt Ministeriumsvertreter Civics ein. Geplant sei außerdem ein Gesetz gegen Korruption im Gesundheitswesen. Ärzten, die dann noch Schwarzgeldzahlungen annehmen, drohen Geldstrafen. Ob ein solches Gesetz die gängige Praxis eindämmen kann, ist allerdings fraglich. Denn selbst seriöse Ärzte wie Martinsons erklären: „Gibt ein Patient freiwillig zusätzliches Geld direkt an die Krankenhausverwaltung, lehnt man dies nicht ab.“ Dabei wüssten die Ärzte genau, dass sie von Gesetzes wegen nicht selber danach fragen dürften.
Strenger als mit sich selbst ist man da schon mit den Patienten. Der Allgemeinarzt Dr. Guntis Kilkuts beispielsweise glaubt, dass einige Patienten ein wenig zu laut jammern. „Wir leben eben nicht mehr in den alten Zeiten, in denen man für Gesundheitsleistungen nichts bezahlen musste.“ Er betreibt gemeinsam mit der Präsidentin der lettischen Familienärzte, S. Veide, eine ansehnliche Gemeinschaftspraxis im Zentrum von Riga. Ebenso wie Civics und Boka findet Kilkuts die derzeitige Höhe der Zuzahlungen, die Patienten zu leisten haben, angemessen. Für unangemessen hält er jedoch deren Anspruchsmentalität. „Der Arzt ist kein Kellner, den man nach Belieben zu sich nach Hause bestellen kann“, kritisiert Kilkuts. Eine Eigenbeteiligung von mindestens 2,50 Euro für einen Hausbesuch hielte er für angemessen. Fällig werden derzeit 70 Cent. Im Krankenhaus zahlen die Patienten sieben Euro als Aufnahmegebühr, danach 2,20 Euro je Tag. Unabhängig von der Länge des Kranken­haus­auf­enthalts werden 40 Euro für Kost und Logis berechnet. Der Eigenanteil der Patienten an den gesamten Gesundheitsausgaben beläuft sich auf schätzungsweise 20 Prozent, das sind rund 18 Millionen Euro jährlich.
Ärztekammerpräsident Boka: „Für das wenige Geld will keiner arbeiten.“
Ärztekammerpräsident Boka: „Für das wenige Geld will keiner arbeiten.“
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Während Ärzte- und Regierungsvertreter die Patienten durchaus in der Lage sehen, „diese kleinen Beträge zu bezahlen“, gehen außen stehende Beobachter des lettischen Gesundheitswesen davon aus, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung wegen der hohen Zuzahlungen auf Arztbesuche verzichtet.
Für Dr. med. Maris Andersons ist Gesundheit eine Frage der persönlichen Prioritätensetzung. Wer Andersons Privatklinik „Ars“ aufsucht, hat die Priorität zweifellos auf seine Gesundheit gelegt – nicht auf materielle Dinge, wie der adrett gekleidete Ars-Präsident schmunzelnd hinzufügt. 170 Ärzte aller Fachrichtungen arbeiten in der größten ambulanten Privatklinik Lettlands, der Patientenstamm umfasst 250 000 Personen. 1 200 Patienten werden hier täglich behandelt, mehr als 90 Prozent sind privat versichert oder zahlen die Leistungen aus eigener Tasche. Ärzte wie Martinsons praktizieren hier nach Dienstschluss bis in die Nacht hinein, um ihr Gehalt um etwa 500 bis 1 000 Euro netto monatlich aufzubessern. 16 Prozent privater ambulanter Arztpraxen gibt es in Lettland, doch die meisten liefen „weniger erfolgreich“, berichtet der Ars-Chef. Viele verfügten über zu wenig Betten und hätten nicht die Kundschaft, die sich eine Privatbehandlung leisten kann. „Es ist eben eine Kunst, im lettischen Medizinbetrieb zu überleben.“ Gleiches gilt wohl auch für die Patienten. Martina Merten


Die bislang in der Serie „Gesundheitssysteme Osteuropas“ erschienenen Beiträge (Polen, Ungarn, Slowakische Republik, Tschechische Republik) sind im Internet abrufbar unter www.aerzteblatt.de/ osteuropa.

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