ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2005Demographischer Wandel: Keine Lösung in Sicht

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Demographischer Wandel: Keine Lösung in Sicht

Dtsch Arztebl 2005; 102(30): A-2078 / B-1752 / C-1656

Spielberg, Petra

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LNSLNS EU-Kommission sucht nach Ansätzen, um den Bevölkerungsrückgang zu stoppen.

Angesichts der Zahlen wirken die Bemühungen auf nationaler und europäischer Ebene, den Herausforderungen des demographischen Wandels zu begegnen, fast ein wenig hilflos. In spätestens sechs Jahren, so das offizielle Szenario der Europäischen Union (EU), geht es mit der Zahl der erwerbstätigen Menschen zwischen 15 und 65 Jahren in Europa steil bergab. Bis 2030 stehen nach Berechnungen der Europäischen Kommission europaweit 21 Millionen Menschen weniger in Lohn und Brot als heute.
Hinzu kommt, dass der Baby-Boom schon lange vorüber ist. In vielen Mitgliedstaaten liegt die Geburtenrate bei durchschnittlich 1,5 Kindern pro Frau. Wenigstens zwei Sprösslinge pro Familie wären aber nötig, um den Bevölkerungsrückgang zu stoppen.
In einem eindringlichen, fast schon verzweifelten Appell wandte sich EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla daher an Politiker, gesellschaftliche Interessengruppen sowie Vertreter von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen: „Wir müssen alle Register ziehen, um hier gegenzusteuern. Entweder packen alle mit an, oder wir schaffen es nicht.“ Die Register, auf die Spidla anspielt, sind vor allem eine Steigerung der Geburtenraten, eine Förderung des beruflichen (Wieder-)Einstiegs von Frauen sowie eine bessere soziale und medizinische Betreuung der älteren Bevölkerung. Anderenfalls droht der EU der wirtschaftliche Kollaps. Bis 2015 könnte das potenzielle Wachstum von derzeit zwei Prozent auf 1,5 Prozent schrumpfen, wenn es den Regierungen nicht gelingt, das Ruder in der Sozial-, Familien- und Beschäftigungspolitik herumzureißen.
Einen Königsweg zur Lösung des Problems gibt es allerdings bislang nicht. Das wurde auf einer von der EU-Kommission organisierten internationalen Konferenz in Brüssel deutlich. Vereinzelt erfolgreiche Modelle auf nationaler Ebene, wie in den nordischen Staaten und Frankreich mit hohen Beschäftigungs- und Geburtenraten und einer ebenso hohen gesellschaftlichen Akzeptanz berufstätiger Mütter lassen sich nicht zwingend auf alle europäischen Staaten übertragen.
Zwei wesentliche Aspekte, an denen die Regierungen und die EU ansetzen müssen, lassen sich trotzdem ausmachen: Einerseits muss es gelingen, den Menschen den Stellenwert von Prävention und von Lebensqualität, auch im Alter, vor dem Hintergrund einer zunehmend höheren Lebenserwartung klar zu machen. „Es ist eine der vorrangigsten Aufgaben der Politik, darauf hinzuwirken, dass schon junge Menschen auf ihre Gesundheit achten“, erklärte Prof. Alan Walker von der Universität Sheffield. Denn der Grundstein für chronische Leiden, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, werde oft bereits in der Kindheit gelegt und durch sozioökonomische Einflüsse weiter gefördert. Ziel müsse es jedoch sein, möglichst viele Menschen möglichst lange gesund und aktiv zu erhalten, auch mit Blick auf eine Ausdehnung des Erwerbslebens über die derzeitigen Altersgrenzen hinaus.
Mangelhafte Datenlage
Andererseits müsse auch die Steigerung der Geburtenrate zu einer öffentlichen Angelegenheit werden, so Prof. Wolfgang Lutz vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalysen in Laxenburg, Österreich. Hier seien nicht nur die Sozial- und Familienpolitik gefordert, sondern alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Stichworte seien flexible Arbeitzeitmodelle, bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder außerhalb der Familie und eine Abkehr von der Stigmatisierung berufstätiger Mütter oder zu Hause bleibender Väter als „Rabenmütter“ oder „Softies“, wie sie leider in einigen Staaten immer noch existiere. Gleichzeitig bedauerte Lutz, dass es noch viel zu wenige Daten darüber gebe, wie sich politische Eingriffe auf die Fertilitätsraten auswirken. Diese Lücke gelte es schnell zu schließen. Petra Spielberg
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