ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2005Handbuch der Borderline-Störungen
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Borderline-Störungen
Keine einfachen Antworten
Otto F. Kernberg, Birger Dulz, Ulrich Sachsse (Hrsg.): Handbuch der Borderline-Störungen. Schattauer GmbH, Stuttgart, New York, 2004, XXIX, 945 Seiten, 16 Abbildungen, 52 Tabellen, kartoniert, 50 €
Zum Thema Borderline-Störungen hat das Dreiergespann Kernberg, Dulz und Sachsse 58 Beiträge zusammengestellt. Obwohl als Handbuch tituliert, ist es doch eher ein Sammelband: Die Beiträge spiegeln die unterschiedlichen Facetten der Borderline-Diskussion wider, und die ist eben auch kontrovers und insgesamt recht bunt.
Inhaltlicher Schwerpunkt des Buches ist die psychodynamisch-psychoanalytische Theoriebildung und hier noch einmal fokussiert auf die
objektbeziehungstheoretische Perspektive. Die verhaltenstherapeutischen, gesprächspsychotherapeutischen und familientherapeutischen Behandlungsansätze werden in separaten Beiträgen abgehandelt.
Die Öffnung zu einer integrativen und prozessorientierten Therapeutik führen anschaulich Reddemann und Sachsse in ihrem Beitrag zur traumazentrierten Psychotherapie vor – auch wenn man ihrer Argumentation zur Rolle des Traumas nicht folgen mag. Zum Traumakonzept nimmt Paris mit nüchterner Distanz Stellung – Anlass für Positionskämpfe dürfte es danach eigentlich nicht mehr geben.
Kernberg kommt in gleich fünf Beiträgen zu Wort, alles nicht sehr neu, aber differenziert in der Argumentation, eben jemand, der sein Konzept zu verteidigen weiß. Die übertragungsfokussierte, manualisierte psychodynamische Therapie der Borderline-Störung (TFP) wird ausführlich dargelegt. Ob dieses Verfahren den Anspruch einer „radikalen Alternative“ einlösen kann, wird sich noch erweisen müssen.
Eine ebenso informative wie ernüchternde Übersichtsarbeit zum Thema „Psychotherapieforschung und Borderline-Störung“ haben Dam-
mann, Clarkin und Kächele vorgelegt. Sie zeigen, dass es keine einfachen Antworten gibt und dass scheinbare Gegensätze, zum Beispiel Support und Klärungsarbeit, sich auflösen, wenn man sie dialektisch aufeinander bezieht. Makowski und Pachnicke stellen in ihrem Schulen vergleichenden Beitrag resümierend „gravierende Ähnlichkeiten“ zwischen den Schulen fest. Viel Bodenhaftung zeigt der Beitrag über antisoziales Verhalten von Rauchfleisch, der zu Bescheidenheit im therapeutischen Anspruch mahnt und mit einem unbedingt lesenswerten Zitat von Manfred Bleuler abschließt, das in prosaischer Weise zusammenfasst, was es an Wichtigem zu sagen gibt.
Obwohl fast alles bedient wird – zur Epidemiologie der Borderline-Störung hätte man sich einen Beitrag gewünscht, der über Stones „persönliche Eindrücke“ im Einleitungskapitel hinausgeht. Ein Blick auf die Versorgungsstrukturen mit ihren Reglementierungen und Selektionseffekten und ein Ausblick auf innovative Konzepte, wie zum Beispiel Netzwerkarbeit, hätte dem Band ebenfalls gut getan, wobei allerdings das Erscheinungsjahr 2000 zu berücksichtigen ist.
Fazit: Ein Buch, das dem, der Orientierung sucht, vielleicht etwas viel an Inkonsistenz zumutet, was demjenigen aber recht sein mag, der zum Nachdenken angeregt werden möchte. Gerd Möhlenkamp
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