ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996HIV-infizierte Ärzte: Ein ethisches Dilemma

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HIV-infizierte Ärzte: Ein ethisches Dilemma

Burkart, Günter

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LNSLNS Die gute Nachricht zuerst: HIV-Übertragungen zwischen Ärzten sowie Angehörigen anderer Heilberufe und Patienten durch die berufliche Tätigkeit der ersteren scheinen extrem selten zu sein. Nach einer Darstellung des Newsletter der American Medical Association wurden den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) von 1981 bis 1994 mehr als 300 000 AIDS-Fälle gemeldet; davon entfielen 4,8 Prozent auf Gesundheitsberufe (die im ganzen 5,7 Prozent aller Beschäftigten in den USA stellen). In nur 46 Fällen (davon 6 Ärzte) ist eine HIV-Infektion "on the job" dokumentiert worden, in weiteren 97 Fällen (davon 14 Ärzte) erscheint sie möglich, meistens wegen des Umgangs mit Blut. Dies wären zusammen gerade ein Prozent aller AIDSkrank gemeldeten Gesundheitsberufe (n = 14 591).
Umgekehrt haben die CDC bis Ende 1994 etwa 22 000 Patienten untersucht, die von 51 HIV-infizierten Angehörigen der Gesundheitsberufe behandelt wurden. Dabei wurde nur ein einziger Fall einer beruflich bedingten HIV-Übertragung entdeckt (ein Zahnarzt und sechs seiner Patienten).
Auf Grund dieses Falles haben die CDC Richtlinien erarbeitet, nach denen Gesundheitsberufe, die HIVinfiziert sind, sich solcher Tätigkeiten enthalten sollen, die ein besonderes Übertragungsrisiko haben; wobei allerdings keine Einigkeit darüber erzielt wurde, wie derartige Tätigkeiten zu definieren seien. Die American Medical Association erklärt – in Übereinstimmung mit anderen Gremien –, für solche Definitionen gebe es keine wissenschaftliche Grundlage.
So weit, so gut, aber nun wird es unbequem. Der amerikanische Kongreß verlangte nämlich, die Angehörigen von Gesundheitsberufen sollten ihre Patienten informieren, falls sie selbst HIV-positiv sind. 49 der amerikanischen Bundesstaaten haben inzwischen solche Regelungen eingeführt, und dagegen wenden sich jetzt sowohl wissenschaftliche Gesellschaften wie auch Organisationen von Homosexuellen. Denn: wenn es Patienten erfahren, dann erfahren es auch die Arbeitgeber, und dann kommt es zu Diskriminierungen gegen HIV-Infizierte. Die Folge davon ist notwendigerweise, daß HIV-Infektionen verschwiegen werden (was dann auch alle Statistiken in Frage stellt).
Die ganze Problematik sollte auch bei uns diskutiert werden, denn hier liegt ein kaum lösbares ethisches Problem. Zweifellos hat ein HIV-infizierter Arzt seinem Patienten gegenüber eine besondere Pflicht zur Sorgfalt. Aber: kann man ihn zwingen, seinem Patienten die eigene Infektion zu offenbaren – während der Patient gleichzeitig das Recht hat, seine HIV-Infektion dem Arzt gegenüber zu verschweigen? Muß das nicht geradezu zu der Versuchung führen, daß HIV-Tests ohne Wissen des Patienten durchgeführt werden?
Die Medico-Juristen mögen sich dieser Thematik widmen; sie zeigt, in welches Dilemma uns auch heute noch eine Seuche führen kann, die nicht heilbar ist. gb
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