ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2005Arztgeschichten: Nacht-Dialyse
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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Leserschaft.

Seit drei Tagen erst war ich Praktikant. „Der Student möchte bitte zum Chef kommen!“ [. . .] Das Herz fiel mir in die Hose. In Zimmer U101 werkelte jemand mit einem Schraubenschlüssel in der Hand. Er steckte in einem speckigen blauen Mantel. „Ich soll mich beim Chefarzt melden“, stotterte ich. „Okay. Kannst du Metall bohren?“ „Klar doch.“ Nie hatte ich so etwas getan. [. . .] Nach dem Abitur wartete ich auf den Bescheid der Zulassungsstelle, nutzte die Frist fürs Krankenpflegepraktikum.
„Dort an den Kreuzen.“ Der Mann drückte mir die Maschine in die Hand. Der Bohrer fraß sich vor wie in Butter. „Okay! Wenn du alle gebohrt hast, dann schraubst du die Vierkantrohre an. Wie in der Zeichnung.“ Er schob mir einen ölverschmierten Konstruktionsplan hin. Ich erkannte nur ein Gewirr aus blauen Linien. Aus dem Material, das sich in der winzigen Werkstatt stapelte, wurde ich nicht schlau: Gartenschläuche. Instrumente mit roten Zeigern, Kippschalter und anderes Elektromaterial. Der Plan verwirrte mich: „Hämodialyse-Gerät nach Dr. Streicher.“
Am frühen Abend hatte sich das Chaos zu zwei fertig montierten Geräten geordnet. Der Probelauf klappte. Der Mann im blauen Arbeitsmantel schenkte sich Cognac ein, ein Wasserglas voll. Liebevoll streichelte er das Gerät. [. . .]
Am dritten Tag meines Pflegepraktikum hatte es mich ins Untergeschoss des modernsten Krankenhauses der Region verschlagen – als Metallarbeiter. War das der erste Karriereschritt? Ich war später stolz darauf, ihm dabei geholfen zu haben, dem Mann im blauen Anton, meinem Chef.
Wie bestellt kam der Alarm. Zwei Hubschrauber waren im Anflug, mehrere Patienten mit Knollenblätterpilzvergiftung. „Leber- und Nierenversagen.“ Das musste genügen auf meine Frage, was an Pilzen so giftig wäre. Eine italienische Gastarbeiterfamilie war in die Pilze gegangen. Eine Stunde nach dem Abendessen wurde es allen übel. Ihr Zustand verschlimmerte sich rasch. Sie holten den Notarzt viel zu spät.
Man schob eine fünfköpfige Familie vor den Behandlungsraum. Der Vater kam zuerst dran. In rasender Geschwindigkeit implantierten die Ärzte winzige Kunststoffröhrchen in die Blutgefäße nahe dem Handgelenk, bei den kleinsten Kindern in die Region des Sprunggelenks. „Scribner-Shunt“, erfuhr ich. „Licht, ich seh nichts!“ Ein zähes Monstrum, so eine Operationslampe. Der Fokus ruckelte stets übers Ziel hinaus. Dann sollte ich gar mit einem Haken eine Wunde aufziehen. Blut und Wasser schwitzte ich dabei. Bloß nichts kaputtreißen.
Vater, Mutter und die drei Kinder lagen auf improvisierten Lagern verteilt. Ein Gewirr von Schläuchen pumpte ihr Blut zu unseren selbst gebastelten Geräten. [. . .] In den Edelstahltanks dümpelten mit Zellophanschläuchen bewickelte Spulen. „Dialysatoren“ erfuhr ich. Man hatte improvisiert. Statt einer Spule pro Bottich ließ man zwei, im anderen Gerät drei durchströmen. [. . .]
Gegen drei Uhr in der Nacht löste man die Schläuche vom Arm der Signora Petrucci. Der erste tote Mensch, den ich sah! Es wurde mir flau. Dann kam es noch schlimmer. Jemand hatte den Kindern rosa Pflasterstreifen mit Namen auf die Stirn geklebt. Man durfte in all der Hektik die Kinder nicht verwechseln. Bald nach seiner Mutter starb der 14-jährige Giovanni. Der Vater überlebte nur eine weitere Stunde. Dann trennte man die Blutleitungen von Guiseppe ab. An den Geräten lag es nicht. Eine so schwere Vergiftung war 1967 nicht beherrschbar.
Maria überlebte. Sie war vier Jahre alt. [. . .] Wahrscheinlich hatte sie nur Fettucini mit Soße gegessen, die Pilze herausgepickt und zur Seite geschoben.
Ich wurde Dialysearzt. Bin es bis heute.
Dr. med. Ulrich Knödler
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