ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2005Arztgeschichten: Geburtshilfe und Apparate-Medizin

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Arztgeschichten: Geburtshilfe und Apparate-Medizin

Sprenger, Klaus

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LNSLNS Es ist noch gar nicht so lange her . . . aber mehr als 30 Jahre sind’s schon! Mit dem freudigen Engagement eines frisch approbierten Arztes hatte ich meine Tätigkeit als Assistenzarzt in der neu errichteten Frauenklinik einer südwestdeutschen Großstadt aufgenommen. Klinik neu, Chefarzt neu und jung, kurzum: das ganze ärztliche Team war neu und jung – keiner über 40!
Ein Drittel meiner Medizinalassistentenzeit hatte ich an einer Universitätsfrauenklinik verbracht, sodass mir Amnioskopie, Cardiotokographie, Ultraschalldiagnostik, Mikroblutuntersuchung (MBU) durchaus schon vertraut waren. Unser Chef betraute mich mit der ehrenvollen Aufgabe, die MBU zu etablieren. Wie gesagt, neue moderne Klinik, junges Ärzteteam – da hatte man neben der Freude am Beruf auch noch so etwas wie Pioniergeist entwickelt. Also, mit Lust wurde die Gerätschaft installiert und demonstriert. Und es konnte regelmäßig viel gezeigt werden, denn erfreulicherweise hatte die Klinik eine hohe Zahl an Geburten. Entsprechend gut war die geburtshilfliche Abteilung mit Hebammen besetzt. Deren Altersstruktur war anders als die der Ärzte: sozusagen alle Generationen waren vertreten. Die eben examinierten Hebammen waren selbstverständlich den Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Die älteren Jahrgänge sahen das moderne ärztliche Tun naturgemäß skeptisch. Sie wollten sich lieber allein auf die Erfahrung verlassen, die sie zweifellos hatten, von der die jungen Assistenten ja auch profitierten.
In einem Nachtdienst funktionierte es in einem Fall einfach nicht mit der MBU – was nichts bedeutete, denn der Geburtsverlauf war normal, das Kind schrie sofort. Aber mir ging es um die Demonstration gerade gegenüber der ältesten Hebamme. Nicht dass ich mich aufspielen wollte! Schwester Gertrud und ich verstanden uns ausgezeichnet, obwohl sie aus Sachsen und ich aus Preußens Kemland stamme. Auch der Generationsunterschied schadete keineswegs der guten Zusammenarbeit – im Gegenteil.
Unvergessen bleibt mir Schwester Gertruds Kommentar in langsam gesprochenem, gedehnten Sächsisch angesichts meiner frustranen Bemühungen mit der MBU in jener Nacht: „Mein lieber Herr Doktor Sprenger, es grenzt doch geradezu an ein Wunder, dass es Sie überhaupt gibt – damals so ganz ohne Apparate.“
Dr. med. Klaus Sprenger
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