THEMEN DER ZEIT

Telematik: Versorgung à la carte

Dtsch Arztebl 2005; 102(31-32): A-2156 / B-1816 / C-1720

Krüger-Brand, Heike E.

Gesundheitskarte und Heilberufsausweis werden schon bald zum Alltag in Arztpraxen und Krankenhäusern gehören. Der Paradigmenwechsel hin zu einem patientenzentrierten vernetzten Gesundheitswesen hat begonnen.
Es gibt Projekte, die sind wirklich groß. Dazu gehört ohne Zweifel auch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte.“ So eröffnete der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler, kürzlich in Berlin seinen Vortrag zur Gesundheitstelematik. Auch bei einem Regierungswechsel durch vorgezogene Neuwahlen – darin sind sich Politik und Selbstverwaltung ausnahmsweise einig – steht fest: Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) kommt. Das Vorhaben werde sicher nicht gestoppt, erklärte Köhler. „Dieses Projekt wird im politischen Raum als eines der Schlüsselprojekte für die Modernisierung des Gesundheitswesens und darüber hinaus gesehen“, betonte Dr. rer. pol. Klaus-Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (BMGS), bei einer Telematiktagung Mitte Juli in Berlin. Er sieht deshalb den Zeitplan der eGK-Einführung durch mögliche Neuwahlen nicht gefährdet und gibt sich optimistisch: „Der praktische Start des Systems erfolgt noch in diesem Jahr.“ Auch der Chef des AOK-Bundesverbandes, Dr. jur. Hans Jürgen Ahrens, hält die Einführung der Gesundheitskarte für „unumkehrbar“ und schließt Verzögerungen aus.
Die eGK soll schrittweise die bisherige Krankenversichertenkarte (KVK) der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten ersetzen und auch an die rund zehn Millionen Privatversicherten ausgegeben werden. Doch damit ist es nicht getan: Rund 180 000 niedergelassene Ärzte und Zahnärzte, 22 000 Apotheken, 2 200 Krankenhäuser und 260 Krankenkassen werden parallel dazu miteinander vernetzt. Der Aufbau einer flächendeckenden, sektorübergreifenden sicheren Kommunikationsinfrastruktur für das Gesundheitswesen ist überfällig, deren Nutzen unbestritten. Unklar sind allerdings – knapp ein halbes Jahr vor der geplanten schrittweisen Einführung der eGK ab 2006 – immer noch wesentliche Details, wie der genaue Zeitplan, die Testregionen sowie viele technische Spezifikationen. Bis Mitte September sollen weitgehende Festlegungen hierzu getroffen werden. Immerhin hat sich die Selbstverwaltung in einem Ende Juli veröffentlichten Grundlagenpapier* darauf verständigt, dass „die sichere Anbindung der Anwender an die Telematikinfrastruktur in den einzelnen Sektoren durch die jeweilige Spitzenorganisation verantwortet“ wird. Danach übernehmen die Kassenärztlichen Vereinigungen eigenverantwortlich das Management der Verordnungsdaten und -server, wohingegen die Krankenkassen die Abrechnungsdaten der Rezepte speichern und verwalten – diese Aufgabenverteilung war lange Zeit heftig umstritten.
Von der Modernisierung der Kommunikationsstrukturen erwartet man vor allem eine Verbesserung der Versorgungsqualität, mehr Wirtschaftlichkeit und Leistungstransparenz, valide gesundheitsstatistische Informationen, die Optimierung von Arbeitsprozessen und – langfristig – auch Kosteneinsparungen. Täglich werden beispielsweise zwei Millionen Rezepte auf Papier ausgestellt und nachträglich elektronisch erfasst. Arztbriefe werden per Post verschickt, Röntgenbilder per Boten zugestellt. Werden diese Abläufe durch die elektronische Vernetzung effizienter gestaltet, nutzt das Ärzten und Patienten. Mehr und bessere Daten sind darüber hinaus dringend erforderlich für die Steuerung des Gesundheitssystems. Nur wenn valide Daten beispielsweise zur Morbidität der Bevölkerung oder zur Wirksamkeit von Therapien vorliegen, lässt sich die Versorgung optimieren. „Dies kommt allen zugute: den Patienten, weil sie eine optimale Behandlung bekommen werden, den Versicherten, weil ihre Versicherungsbeiträge so effizient wie möglich eingesetzt werden, den Krankenkassen, weil sie wirtschaftlich handeln können, und den Leistungserbringern, weil das knappe Geld gerecht und zielgenau verteilt wird“, meint Köhler.
Die Schäden, die dem Gesundheitswesen überdies durch Diebstahl und Missbrauch der alten KVK entstehen und die von einigen Experten auf bis zu zwei Milliarden Euro jährlich geschätzt werden, soll die neue Karte vermeiden oder zumindest erheblich verringern. So trägt die eGK künftig ein Lichtbild des Versicherten. Außerdem wird beim Einlesen der Karte der aktuelle Versichertenstatus online abgeglichen, sodass Gültigkeit der Karte und Zuzahlungsbefreiung geprüft werden können.
Nicht zuletzt erhält der Patient mit der eGK eine zentrale Rolle im Behandlungsprozess. Seine Eigenverantwortung und Mitwirkungsbereitschaft sollen vor allem durch die Möglichkeiten, die der freiwillige medizinische Teil der Karte enthält, gestärkt werden. Ein Beispiel hierfür ist der Notfalldatensatz, der mit Einverständnis des Patienten auf der Karte gespeichert werden kann und der wichtige Basisinformationen, etwa über Grunderkrankungen, Blutgruppe, Allergien, Implantate und Kontaktdaten, enthalten wird. Auch von der freiwilligen Arzneimitteldokumentation auf der Karte wird der Patient profitieren. Bei Neuverordnungen ermöglicht sie dem Arzt, gefährliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu erkennen und zu vermeiden. „Diese elektronisch verfügbaren Hinweise können im Einzelfall Leben retten“, betonte Dr. med. Leonhard Hansen, Vorsitzender der KV Nordrhein. Der Zugang zu diesen sensiblen Patientendaten ist detailliert geregelt und auf dem neuesten Stand der Technik umgesetzt (Kasten eGK). Auch erhält der Versicherte künftig leichter Zugang zu seinen Behandlungsdaten. So soll er auf die Daten seiner eGK an öffentlichen Terminals (eKioske) in geschützten Umgebungen wie Arztpraxen und Apotheken zugreifen können. Als Option für die Zukunft ist sogar der Zugang vom PC zu Hause aus denkbar, wobei für dieses Szenario noch spezielle sicherheitstechnische Probleme zu lösen sind.
Qualität vor Schnelligkeit = Schneckentempo?
Den Rahmen für die Umsetzung dieser Ziele hat der Gesetzgeber mit dem am 1. Januar 2004 in Kraft getretenen GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) geschaffen. Es sieht die Festlegung einer Telematikrahmenarchitektur und Sicherheitsinfrastruktur durch die Selbstverwaltungspartner vor, beginnend mit der Einführung der eGK und des elektronischen Heilberufsausweises (eHBA). Nach den ursprünglichen Plänen des BMGS sollten bereits Anfang 2005 größere Pilottests mit rund 10 000 Versicherten beginnen, um Anfang 2006 mit dem bundesweiten „Roll-out“ zu beginnen, doch davon ist man zurzeit noch weit entfernt. Abgesehen davon, dass viele Akteure den durch die Politik vorgegebenen knappen Zeitplan von vornherein als unrealistisch kritisierten, lagen die Gründe für die Verzögerungen vor allem in den schwierigen Verhandlungen der Selbstverwaltungspartner über Grundsatzfragen des Projektes, wie Finanzierung sowie technische und organisatorische Konzeption der Infrastruktur. Einig waren sich alle Beteiligten nur darin, dass bei einer Entwicklung von dieser Bedeutung „Qualität vor Schnelligkeit“ gehen müsse.
Mit der am 11. Januar 2005 von den Partnern der Selbstverwaltung gegründeten Betreibergesellschaft gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte gGmbH) soll sich das Tempo ändern. Die gematik ist im Unterschied zur Vorgängerorganisation protego.net nicht mehr gesetzlich dem Einstimmigkeitsprinzip verpflichtet, sondern kann Entscheidungen auf Basis einer qualifizierten Mehrheit von mindestens 67 Prozent treffen. Rechtliche Grundlage hierfür ist das im April 2005 von Bundestag und Bundesrat beschlossene „Gesetz zur Organisationsstruktur der Telematik im Gesundheitswesen“. Gesellschafter der gematik, die inzwischen 30 Mitarbeiter beschäftigt, sind 15 Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens. Dem Beirat gehören neben Vertretern der Bundesländer auch Wissenschaftler und Industrieverbände, Patientenvertreter, der Bundesdatenschutzbeauftragte und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie an.
Aufgabe der gematik ist es, Rahmenrichtlinien für die Telematikinfrastruktur zu erstellen und eine Testplattform zu erarbeiten, auf der alle Komponenten hinsichtlich Datenschutz, Datensicherheit und Interoperabilität geprüft werden. Grundlage ist die im März 2005 von mehreren Fraunhofer-Instituten vorgelegte Lösungsarchitektur der eGK, die diese im Auftrag des BMGS entwickelt hatten. Vordringlich gehe es zurzeit darum, so der Geschäftsführer der gematik, Harald Flex, daraus in enger Zusammenarbeit mit der Industrie die erforderlichen Spezifikationen für die Komponenten der eGK, darunter die Lesegeräte, die Schnittstellen für die Praxis-EDV und die Kartenmanagementsysteme, festzulegen, damit die Unternehmen in die Produktion gehen können. „Außerdem müssen wir eine saubere Migrationsstrategie ausarbeiten, um einen möglichst nahtlosen Übergang von der alten auf die neue Technologie zu gewährleisten“, sagt Flex gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. So muss während der Einführungsphase neben der eGK und dem elektronischen Rezept als Pflichtanwendung das derzeitige System mit KVK und Papierrezept parallel weiter bestehen, damit auch vor dem Hintergrund einer mobilen Bevölkerung Probleme bei der Patientenversorgung ausgeschlossen sind. Noch bis Ende 2005 soll außerdem eine umfassende Bedrohungsanalyse der Hochsicherheitsarchitektur fertig gestellt werden, um den bestmöglichen Schutz der Gesundheitsdaten zu gewährleisten.
Als übergeordnete Stelle koordiniert die Betreibergesellschaft auch die Aktivitäten, die in den einzelnen Sektoren zur eGK stattfinden. Die Krankenkassen beispielsweise haben bereits mit Projekten zur Erzeugung einer eindeutigen Krankenversichertennummer auf Basis der Rentenversicherungsnummer, zur Beschaffung der Versichertenfotos und zum Kartenmanagement begonnen. Hier sollen Ende Oktober erste Praxistests zum Versichertenmanagement starten.
Heilberufsausweis: Schlüssel zu den Patientendaten
Weit fortgeschritten sind inzwischen auch die Arbeiten am elektronischen Heilberufsausweis (eHBA). Neben der eGK ist er ein zentraler Bestandteil des Sicherheitskonzeptes, denn nur mit ihm erhalten Angehörige eines Heilberufs sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich künftig Zugriff auf die sensiblen medizinischen Daten der eGK (2-Schlüssel-Prinzip, Kasten eHBA). Mitte 2004 hatten die Ärztekammern (ÄK) entschieden, den eHBA in Eigenregie herauszugeben, um den Einfluss auf diese Prozesse zu sichern und dafür zu sorgen, dass auch Risiken der Gesundheitstelematik bedacht werden. Das bei der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in Berlin angesiedelte „Projektbüro Elektronischer Arztausweis“ hat bereits Konzepte zur Herausgabe des eHBA erarbeitet, die zurzeit mit den
Landesärztekammern abgestimmt werden. Letztere müssen, wenn nicht bereits geschehen, unter anderem ihre Heilberufs- und Kammergesetze für diese Aufgabe anpassen. „Wir gehen davon aus, dass noch in diesem Jahr Heilberufsausweise zur Erprobung zur Verfügung stehen werden“, meint Prof. Dr. med. Ingo Flenker, Telematikbeauftragter der BÄK und Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe.
Den neuen Ausweis, der auch bei einem Kammerwechsel weiter gültig bleibt, erhalten alle approbierten Ärzte auf persönlichen Antrag. Die regionalen Ärztekammern sind dabei Herausgeber im Hinblick auf seine Funktion als personenbezogener Sichtausweis. Darüber hinaus ist der eHBA jedoch auch eine besondere Signaturkarte im Sinne des Signaturgesetzes (SigG). Er enthält ein qualifiziertes Zertifikat zur Identitätsbestätigung (= Koppelung eines öffentlichen Schlüssels an eine natürliche Person) unter Einbeziehung des Berufsgruppenattributes „Arzt“. Dieses Zertifikat muss nach dem SigG ein so genannter Zertifizierungsdiensteanbieter (ZDA) erstellen. Das mit den Ländern noch abzustimmende Modell der Ärztekammern sieht vor, dass hiermit bereits am Markt tätige Anbieter beauftragt werden, die bestimmte Kriterien erfüllen. Für die Ärzte ergibt sich bei mehreren Wettbewerbern vor allem der Vorteil, dass die Preise für die elektronischen Signaturzertifikate schneller sinken könnten. Nach bisherigen Schätzungen der BÄK liegen die Kosten für eine Signaturkarte bei 70 bis 100 Euro im ersten Jahr und bei 40 bis 60 Euro Betriebskosten (unter anderem für die Pflege der Verzeichnisdienste) jährlich in den Folgejahren.
Wenn der Arzt bei seiner Ärztekammer einen elektronischen Heilberufsausweis beantragt, muss er daher gleichzeitig einen – von der BÄK zugelassenen – ZDA für die Erstellung des qualifizierten Signaturzertifikates auswählen. Das Ausfüllen der Formulare soll eine webgestützte Anwendung unterstützen. Die Ärztekammer prüft den Antrag, bestätigt die berufsbezogene Eigenschaft „Arzt“ und beauftragt den vom Arzt ausgewählten ZDA mit der Herstellung und Ausgabe des Ausweises. Die Teilnehmerregistrierung übernimmt entweder die ÄK selbst oder ein externer Dienstleister (zum Beispiel über das PostIdent-Verfahren).
Der Prozess von der Antragstellung und Registrierung des Arztes über die technische Produktion des eHBA bis zur Auslieferung des Ausweises und (getrennt davon) der PIN werde zwischen elf und maximal 20 Arbeitstagen dauern, sagt Philipp Stachwitz, BÄK. Dabei beansprucht die gesicherte Auslieferung des Ausweises, die vom Empfänger quittiert werden muss, mit bis zu zehn Tagen voraussichtlich den größten Zeitblock.
Kosten und Nutzen
Die Kosten für die Einführung der Gesundheitskarte werden auf 1,4 bis 1,7 Milliarden Euro geschätzt. Das darin enthaltene Investitionsvolumen soll – je nach Kartenpreis – zwischen 1,0 und 1,4 Milliarden Euro liegen. Hinzu kommen die Betriebskosten, die im ersten Jahr auf rund 150 Millionen Euro veranschlagt werden. Allein von der elektronischen Abwicklung der rund 700 Millionen Papierrezepte im Wert von 20 Milliarden Euro jährlich erhofft man sich jedoch so große Einsparungen, dass sich die Investitionskosten in wenigen Jahren amortisieren. Daher zählt das eRezept zu den gesetzlich verankerten Pflichtanwendungen der eGK, das den Weg für die freiwilligen medizinischen Anwendungen, wie die Arzneimitteldokumentation, den elektronischen Arztbrief oder die elektronische Patientenakte, ebnen soll. Im Unterschied zu den medizinischen Applikationen, die weitaus komplexer und deshalb schwieriger umzusetzen sind, ist die elektronische Verordnung außerdem eine inhaltlich klar umgrenzte Anwendung, die relativ einfach auf telematische Prozesse übertragbar ist.
Nachteilig im Hinblick auf die Akzeptanz der eGK dürfte allerdings sein, dass Ärzte und Patienten, anders als bei Notfalldatensatz und Arzneimitteldokumentation, unmittelbar zunächst nur wenig Nutzen vom eRezept haben. Hinzu kommt: Das Gros der künftigen Einsparungen liegt bei den Krankenkassen, wohingegen die Investitionen zunächst vor allem von den Leistungserbringern zu tragen sind. Für die Vertragsärzte und -zahnärzte werden die Investitionskosten auf rund 320 Millionen Euro geschätzt. Bezogen auf die einzelne Arztpraxis, rechnet die KBV mit Investitionskosten von durchschnittlich 2 000 bis 3 000 Euro. Nach den Eckpunkten einer Finanzierungsvereinbarung zwischen Leistungserbringern und Krankenkassen sollen diese Telematikkosten einschließlich der Dauerbetriebskosten bei den Leistungserbringern durch extrabudgetäre Zuschläge finanziert werden. So erhält der Arzt beispielsweise für Telematikanwendungen wie das eRezept oder den Versand eines elektronischen Arztbriefes eine Transaktionsvergütung.
Arztpraxen, die noch mit sehr alten Systemen arbeiten, müssen allerdings mit deutlich höheren Investitionskosten bis zu 10 000 Euro und darüber rechnen, denn es werden nur die mit der Einführung der eGK entstehenden Kosten refinanziert, nicht jedoch die Neuanschaffung eines EDV-Systems. Diese Regelung wurde getroffen, um diejenigen Ärzte nicht zu benachteiligen, die bereits über einen guten EDV-Standard verfügen. Nach Angaben der KBV werden bis zu 45 000 Vertragsarztpraxen eine neue EDV anschaffen müssen.
Problematisch ist die Refinanzierung über Transaktionsgebühren jedoch für Praxen, die wenig elektronische Informationen versenden müssen. Darüber hinaus spielt das eRezept im Krankenhaus keine Rolle und entfällt dort als Refinanzierungsmöglichkeit. Detaillierte Vereinbarungen über Zuschläge müssen daher „bilateral“ zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern erst noch ausgehandelt werden. Weil die Verteilung von Kosten und Nutzen bei der Einführung und beim Betrieb der eGK noch weitgehend unklar und für jeden Anwendungsbereich und jede Nutzergruppe separat zu prüfen ist, hat die Selbstverwaltung ein externes Gutachten ausgeschrieben, das im Herbst vorliegen soll.
Für die niedergelassenen Ärzte entstehen in erster Linie Aufwendungen:
- für die Anpassung der Praxisverwaltungssysteme,
- für neue multifunktionale Chipkarten-Terminals, die eHBA- und eGK-tauglich sind,
- für den so genannten Konnektor, eine Hard- und/oder Softwarelösung, die die Arztsoftware mit der sicheren Telematikplattform verbindet und die die Grundfunktionalitäten Verschlüsselung, Authentifizierung und elektronische Signatur unterstützt,
- für die VPN(Virtual Private Network)-Box, die die sichere Einwahl in das geschützte Telematiknetz gewährleistet,
- für monatliche Gebühren für Wartung und Online-Dienste.
Hinzu kommen Kosten für die Anschaffung des elektronischen Heilberufs- und des Institutionsausweises, für die organisatorische Umstellung der Arbeitsabläufe und für Schulungen des Personals etwa im Hinblick auf neue Datensicherheitskonzepte. So erfordert die informationstechnische Vernetzung vom Arzt ein neues Bewusstsein im Umgang mit den Patientendaten. Innerhalb seiner Praxis ist er für den Datenschutz und die Sicherheit der gespeicherten Daten verantwortlich. Neben organisatorischen Aspekten gehört dazu auch die Professionalisierung des IT-Einsatzes, eine umfassende „Sicherheits-Policy“. Zusätzlicher Aufwand entsteht außerdem – zumindest in der Einführungsphase – für die Aufklärung der Patienten. Vor allem diese „weichen“ Kostenfaktoren sind bislang nur schwer einschätzbar.
Modellversuche
Bereits am eRezept muss sich die Praktikabilität der neuen Technik erweisen, andernfalls wird sie nicht akzeptiert. Allein für die Realisierung dieser Anwendung sind die Anforderungen an die Infrastruktur jedoch hoch: Für die Abwicklung der 688 Millionen eRezepte, die in den Arztpraxen jährlich ausgegeben werden, muss das Netz nach Berechnungen der KBV rund 1,48 Milliarden Abfragen von Versichertenstammdaten ermöglichen. Darüber hinaus müssen diese Dienste ständig (ausfallsicher) zur Verfügung stehen und sicher sein. Auch die Technik in der Arztpraxis, das heißt das Zusammenspiel von eGK, HBA, digitaler Signatur, Konnektoren und VPN-Boxen, muss reibungslos funktionieren, damit der gut eingespielte Ablauf des Papierrezepts auch elektronisch ohne Verzögerung stattfinden kann. So werden etwa Verfahren geprüft, die eine Stapelsignatur ermöglichen, sodass der Arzt nicht bei jedem Unterschriftsvorgang eine sechsstellige PIN eingeben muss. Diese Abläufe müssen in den Piloten ausgiebig und – wie der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar fordert – „ergebnisoffen“ getestet werden. Erste Tests des eRezepts sind für Dezember 2005 geplant.
Zuvor müssen jedoch noch die offiziellen Testregionen festgelegt werden. Aus Sicht der gematik sollen zwar möglichst alle Modellregionen, die die Rahmenbedingungen erfüllen, eingebunden werden. Allerdings werde nur in zwei Testregionen, den „Ländern mit Goldstatus“, eine wissenschaftliche Begleitung möglich sein, sagt Flex. Die neuen Karten sollen sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum erprobt werden, um Besonderheiten frühzeitig erkennen und bei der Flächeneinführung berücksichtigen zu können. Außerdem müssen die Regionen eine ausreichend große Zahl von Leistungserbringern, Patienten und Leistungsträgern einbinden. „Wir gehen von rund 100 000 Versicherten, 150 Ärzten, 25 Apotheken und einigen Kliniken aus“, meint Köhler. Was die Testphase kosten wird, hängt von der Zahl der Testregionen und den erprobten Anwendungen ab und ist daher ebenfalls noch unklar.
Ärzten in den Testregionen sollen keine zusätzlichen Kosten entstehen. Um ihnen einen Anreiz für die Teilnahme an den Tests zu bieten, erhalten sie die erforderlichen technischen Komponenten kostenfrei und sollen diese auch nach Beendigung der Testphase behalten können. Über eine zusätzliche Vergütung in der Testphase wird noch verhandelt. Heike E. Krüger-Brand

Grundlagenpapier der gematik und Linkliste zu Gesundheitstelematik: im Internet: www.aerzteblatt.de/plus3105


*gematik: „Grundsatzpositionen und -entscheidungen zu Telematikanwendungen der Gesundheitskarte“, im Internet: www.aerzteblatt.de/plus3105



Das leistet die elektronische Gesundheitskarte
Die eGK, eine mit einem Mikroprozessor ausgestattete Smartcard, ist funktionell zweigeteilt:
- Der online updatefähige Pflichtteil enthält – analog zur alten Krankenversichertenkarte – die administrativen Daten des Versicherten, wie Name, Anschrift, Krankenkasse, Geburtsdatum, Geschlecht. Die Karte gibt außerdem Auskunft über den Versicherten- und den Zuzahlungsstatus bei Medikamenten-, Heil- und Hilfsmittelverordnungen. Auf der Kartenrückseite ist die Europäische Krankenversichertenkarte (EHIC) als Sichtausweis untergebracht. Sie ersetzt den europäischen Auslandskrankenschein (Formular E-111). Zusätzlich sind die EHIC-Daten auch im Chip gespeichert. Darüber hinaus enthält die Karte ein Passbild (ab 16. Lebensjahr), um den Kartenmissbrauch zu erschweren. Pflichtanwendung der eGK ist das elektronische Rezept. Für dieses ist keine PIN-Eingabe durch den Patienten erforderlich.
- Der freiwillige medizinische Teil muss über eine persönliche Identifikationsnummer (PIN) vom Versicherten freigeschaltet werden. Erst dann kann der Inhaber eines elektronischen Heilberufsausweises auf die medizinischen Daten zugreifen. Zu möglichen Inhalten gehören die Notfalldaten, wie Blutgruppe, Grunderkrankungen, Allergien et cetera. Diese werden direkt auf der Karte gespeichert und sind auch ohne Netzverbindung zugänglich. Weitere Inhalte sind zum Beispiel die Arzneimitteldokumentation, der elektronische Arztbrief, Befunde, Diagnosen, Patientenquittung und Patientenfach (zum Beispiel für den Hinweis auf eine vorliegende Patientenverfügung). Ziel ist die Einführung der einrichtungsübergreifenden elektronischen Patientenakte. Weil die Speicherkapazität der Gesundheitskarte begrenzt ist (32 oder 64 Kilobyte), werden umfangreiche medizinische Datensätze nicht auf der Karte selbst, sondern auf verteilten Serverstrukturen abgelegt, auf die die eGK mittels Schlüssel- oder Pointerfunktionen verweist. Medizinische Daten werden für Transport und Speicherung grundsätzlich verschlüsselt.
Datenhoheit: Der Patient kann die Funktionalitäten seiner eGK schrittweise erweitern und freischalten. Er allein entscheidet darüber, welche Gesundheitsdaten gespeichert beziehungsweise welche gelöscht werden sollen. Ebenso kann er bei jedem Zugriff neu entscheiden, ob und welche Gesundheitsdaten er wem zugänglich macht. Sämtliche Zugriffe auf die medizinischen Daten werden protokolliert und die letzten 50 Zugriffe gespeichert.


Das leistet der elektronische Heilberufsausweis (eHBA)
Der eHBA ist ein personenbezogener Sichtausweis im Scheckkartenformat, auf den die Arztnummer, die Gültigkeitsdauer und ein Passfoto aufgebracht sind. Zusätzlich ist die Karte mit einem Mikroprozessor ausgestattet, der folgende, durch PINs geschützte Dienste ermöglicht:
- Authentifikation (elektronische Identitätsprüfung): Der Arzt kann sich mit dem HBA gegenüber Computersystemen und gegenüber der eGK als Person und in seiner Funktion als Arzt ausweisen und auf Daten der eGK zugreifen.
- Verschlüsselung: Er kann mit der Karte elektronische Dokumente für den Datentransport sicher ver- und entschlüsseln.
- Digitale Signatur: Er kann mit dem eHBA elektronische Dokumente, wie zum Beispiel Arztbriefe, eRezepte und Befunde, rechtsgültig signieren, sodass diese rechtlich einem handschriftlich unterzeichneten Dokument gleichgestellt sind (qualifizierte elektronische Signatur).
Ärzte und Apotheker haben sich auf die HPC(Health Professional Card)-Spezifikation Version 2.0 als Voraussetzung für einen einheitlichen Heilberufsausweis verständigt. Rund 400 000 Ärzte und Apotheker sollen mit einem eHBA ausgestattet werden. Später werden rund 1 790 000 HBA für nicht verkammerte Berufsgruppen, wie zum Beispiel Hebammen und Krankengymnasten, mit abgestuften Zugriffsrechten hinzukommen. Als funktionelle Ergänzung zum HBA sind außerdem Institutionenkarten (Security Module Cards) vorgesehen. Diese sind nicht einer Person, sondern einer bestimmten Einrichtung zugeordnet und im Unterschied zum HBA delegationsfähig und übertragbar. Damit können zum Beispiel Mitarbeiter einer Apotheke oder einer Krankenhausabteilung bestimmte Tätigkeiten wie Bestellungen ausführen, für die keine höchstpersönliche Aktivierung der Sicherheitsleistung erforderlich ist.
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