ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2005Francisco Goya: Schlaf oder Traum?

KUNST + PSYCHE

Francisco Goya: Schlaf oder Traum?

PP 4, Ausgabe August 2005, Seite 384

Kraft, Hartmut

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Francisco Goya „Der Schlaf/Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Blatt 43 aus der 80 Grafiken umfassenden Folge der „Caprichos“. Radierung und Aquatinta, Plattengröße 18,3 cm × 12,1 cm, hier: 5. Ausgabe von 1881/1885, Harris 78 III.5 (von III.12), 1799. Foto: Eberhard Hahne
Francisco Goya „Der Schlaf/Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Blatt 43 aus der 80 Grafiken umfassenden Folge der „Caprichos“. Radierung und Aquatinta, Plattengröße 18,3 cm × 12,1 cm, hier: 5. Ausgabe von 1881/1885, Harris 78 III.5 (von III.12), 1799. Foto: Eberhard Hahne
Eulen, Fledermäuse, eine schwarze Katze und ein Luchs – die Tiere der Nacht umringen einen Mann, der sein Haupt auf seine Unterarme gebettet hat. Keine andere der zahlreichen Grafiken Goyas hat eine solche Popularität erreicht wie dieses Blatt. Entsprechend vielfältig sind die Versuche seiner Interpretation.
Nun könnte man annehmen, der Künstler habe für Klarheit gesorgt, indem er den Titel in das Bild selbst mit hineingenommen hat: „El sueño de la razón produce monstruos“. Wer nun „sueño de la razón“ mit „Schlaf der Vernunft“ übersetzt, kann zu der Auffassung gelangen, dass der schlafende Künstler aller rationalen Kontrolle verlustig gegangen sei und infolgedessen von den Monstern seiner Fantasien heimgesucht wird. In zeitgemäßer neurophysiologischer Formulierung könnte man sagen, dass die Herabstufung der rationalen, differenzierenden und planenden Leistungen der Großhirnrinde die affektgesättigten Inhalte des limbischen Systems voll zur Geltung kommen lasse. Aber trifft diese Deutung wirklich zu? Zweifel sind angebracht. Dem spanischen „sueño“ kommt nämlich auch die Bedeutung „Traum“ zu. Als „Wachtraum“ gehört er zu den mehr oder weniger bewusst eingesetzten Techniken kreativen Arbeitens. Indem die rationale Kontrolle durch eine „Regression im Dienste des Ich“, wie Ernst Kris es nannte, geschwächt wird, findet der Künstler Zugang zu den zunächst verborgenen, oft unbewussten Themen und gewinnt so auch die Möglichkeit zu ungewöhnlichen, überraschenden neuen Verknüpfungen. So gesehen enthielte die Radierung also keine Warnung vor einer Schwächung der Vernunft, sondern eine Anregung, mit deren Hilfe kreative Menschen wachträumend hinter kulturelle, gesellschaftliche wie auch individuelle Fassaden zu blicken imstande sind. Beide Sichtweisen können sich ergänzen: Was durch den „Schlaf der Vernunft“ an Monstern entsteht – und nur zu gern versteckt und verdrängt wird –, lässt sich wachträumend wiedergewinnen und einer rationalen Kontrolle zuführen. Hartmut Kraft

Biografie Francisco Goya
Geboren 1746 in Fuendetod/Provinz Saragossa, Spanien. Spanischer (Hof-)Maler, Radierer und Lithograph, dessen epochales Gesamtwerk besonders durch seine grafischen Zyklen (Caprichos 1799, Los Desastres de la Guerra 1814, Tauromaquia 1816) weltweit rezipiert wurde. Gestorben 1828 in Bordeaux/Frankreich.

Literatur
Gaertner A: „Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“ – Vom Traumbild zur Bildidee bei Goya. In: Schneider G (Hrsg.): Psychoanalyse und bildende Kunst. Edition diskord, Tübingen 1999.
Hofmann W, Helman E, Warnke M: Goya „Alle werden fallen“. Europäische Verlags-Anstalt, Frankfurt/Main 1981.
Hughes R: Goya. Der Künstler und seine Zeit. Blessing, München 2004.
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