ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Künstliche Leber in Erprobung: Feines Netzwerk von Hepatozyten

SPEKTRUM: Akut

Künstliche Leber in Erprobung: Feines Netzwerk von Hepatozyten

Koch, Klaus

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LNSLNS Für Patienten mit fulminantem Leberversagen bedeutet bislang eine schnelle Transplantation meist die einzige Überlebenschance. Professor Peter Neuhaus, Chirurg an der Virchow-Klinik in Berlin, will "in den nächsten Tagen" eine andere Alternative an dem ersten Patienten testen: eine "Kunstleber". Neuhaus hofft, daß das an seiner Klinik in den letzten zehn Jahren entwickelte "Hybrid-System" für ein bis drei Wochen zumindest teilweise die Entgiftungs-, Synthese- und Regulationsfunktionen der menschlichen Leber übernehmen kann und so Zeit für die Suche nach einem Spenderorgan gibt. Überprüft werden soll aber auch, ob die künstliche Leber Patienten mit akutem Leberschaden auch Zeit zur Abheilung verschaffen kann – und so eine Transplantation erübrigt.


Das Herz der Maschine ist ein Bioreaktor, der etwa 300 Gramm "echte" Hepatozyten enthält. Sie müssen aus einer frischen Schweineleber isoliert werden. In den letzten Jahrzehnten hat es immer wieder Versuche mit Kunstlebern gegeben, die allerdings alle enttäuschten. Die Berliner Ärzte setzten ihre Hoffnungen auf ein Netz haarfeiner Hohlfasern, welche die Leberzellen versorgen und am Leben erhalten sollen. Die Schweinezellen werden auf der Oberfläche dieser Kapillaren angesiedelt. Durch winzige Poren haben sie Kontakt zu den Flüssigkeiten, die durch das Innere der Fasern gepumpt werden. Insgesamt drei getrennte Kapillarnetze sind zu einem dreidimensionalen Geflecht verwoben. Durch eines der Netze fließt das von Zellen befreite Blutplasma des Patienten, das die Leberzellen reinigen sollen. Durch die beiden anderen werden sie mit Nährlösung und Sauerstoff versorgt.


Erste Tests hat das System nach Neuhaus’ Auskunft an "leberlosen" Schweinen bestanden. Ohne das Organ sterben die Tiere innerhalb von zwölf Stunden, die künstliche Leber hatte sie über 50 Stunden am Leben erhalten, dann habe man den Versuch beendet. Auf weitere Tests an einer anderen Spezies, etwa Menschenaffen, habe man aus ethischen Gründen verzichtet. Einen Angriff des menschlichen Immunsystems gegen die Tierzellen befürchtet Neuhaus ohnehin nicht: Die Poren, durch die die Schweinezellen in Verbindung mit dem menschlichen Plasma stehen, seien zu klein, um Abwehrproteine durchzulassen. Die Ankündigung fällt in eine Zeit, in der zwei Biotechnikunternehmen in den USA und England intakte Lebern von transgenen Schweinelebern für dieselben Ziele erproben wollen. Sofern erste Versuche am Menschen mit solchen Tierorganen erfolgreich verliefen, kündigt Neuhaus ihre Erprobung auch in seiner Klinik an. Klaus Koch

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