ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2005Die Praxis der Zukunft: Vom Einzelkämpfer zum Mannschaftsspieler

POLITIK

Die Praxis der Zukunft: Vom Einzelkämpfer zum Mannschaftsspieler

Dtsch Arztebl 2005; 102(33): A-2210 / B-1868 / C-1768

Stüwe, Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Foto: FMH
Der gesellschaftliche Wandel erfordert neue Formen ärztlichen Handelns. Über das richtige Zukunftsmodell gehen die Meinungen in den deutschsprachigen Ländern auseinander.

Unsere Nachfolger werden sich wundern, worüber wir heute noch diskutiert haben.“ Diese deutbare Feststellung von Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, stand am Ende einer längeren Diskussion über den Wandel des ärztlichen Berufs. Sie bezog sich vordergründig auf die neuen Formen ärztlicher Zusammenarbeit, die auf der 51. Konsultativtagung deutschsprachiger Ärzteorganisationen Anfang Juli in St. Gallen ein Schwerpunktthema bildeten. Dabei wurden von den Teilnehmern unterschiedliche Akzente gesetzt. „Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei“, verkündete Dr. med. Olivier Kappeler, Mitglied des Zentralvorstands der gastgebenden Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH). „Medizinische Versorgung wird ein Mannschaftssport.“ Dabei habe die Ärzteschaft die Chance, eigene Vorstellungen zu verwirklichen. Konnte Kappeler bis hierhin noch mit breiter Zustimmung rechnen, sah mancher Zuhörer in dem Folgenden „den direkten Weg in ein kollektives System“ beschrieben. Kappeler schilderte das Managed-Care-Modell, wie es im Schweizer Kanton Thurgau, für 60 000 Patienten, ein Viertel der Bevölkerung, verwirklicht ist, als ein Instrument zur Verbesserung der Versorgungsqualität und der Kostensenkung. Im Kanton Thurgau haben sich vier Netzwerke mit Ärzten aller Versorgungsstufen in einer Betriebsgesellschaft zusammengeschlossen und mit mehreren Versicherern Verträge abgeschlossen. Die Patienten, denen eine zehn- bis fünfzehnprozentige Beitragssenkung winkt, schreiben sich bei ihrem Hausarzt ein und binden sich an ihn. Sie willigen in ein Fallmanagement und die Anwendung von Medikamentenlisten ein. Die teilnehmenden Ärzte übernehmen eine Budgetmitverantwortung. Von der Abweichung zwischen geschätzter und tatsächlicher Kostenentwicklung hängt es ab, ob der Arzt einen vertraglich festgelegten Bonus oder Malus erhält.
Wichtige Elemente sieht Kappeler in den Qualitätszirkeln und den besondere Auswertungen, die jeder Arzt erhält, beispielsweise zum Überweisungsverhalten und zu den Behandlungskosten. Wichtig sei, dass zwischen Ärzten und Versicherern „Datenparität“ herrsche, hob Kappeler hervor. Unter dem Strich seien keine Kosten gesenkt worden, „die Ausgaben sind langsamer gestiegen“. Die große Akzeptanz des Modells bei Versicherten, Ärzten und Politik sei auf die überschaubaren Verhältnisse im Kanton Thurgau und die nicht zu große Ärztedichte zurückzuführen, hieß es am Rande der Tagung. Den Einwand, dass in einem Dreiecks-Vertragsverhältnis von Ärzten, Patienten und Versicherern Letztere immer am längsten Hebel säßen, ließ Kappeler nicht gelten. Sobald ein Ärztenetzwerk Patienten den Wechsel zu einer anderen Versicherung empfehle, werde das betroffene Unternehmen sehr nervös. Zudem dürfe das Ärztenetzwerk nur Verträge abschließen, die von der Standesorganisation gebilligt worden seien. Als „Allheilmittel“ für alle Probleme mochte Kappeler das Modell nicht empfehlen, sein Vorstandskollege Dr. med. Max Giger sprach sogar von einer „Spielwiese“.
Foto: Bernhard Noll
Die österreichische Ärzteschaft verfolge eher einen individualisierten Ansatz unter Wahrung der freien Arztwahl: „Ich hoffe, noch für längere Zeit“, sagte Dr. med. Artur Wechselberger, Präsidiumsmitglied der Österreichischen Ärztekammer. Mehr als 90 Prozent der Niedergelassenen arbeiten in Einzelpraxen. Die Gruppenpraxis in der Rechtsform einer offenen Erwerbsgesellschaft mit unbeschränkter Haftung jedes Partners ist zwar zulässig, aber noch die Ausnahme. So gibt es in Wien nur sieben Gruppenpraxen, drei sind in Gründung. Die Anstellung von Ärzten scheiterte bisher an den Verträgen mit den Krankenkassen, die die persönliche Leistungserbringung durch den Praxisinhaber verlangen. Ärzte, die zusammenarbeiten wollen, mussten bisher den Umweg über die Gründung einer „ambulanten Krankenanstalt“ gehen. Aber auch die österreichischen Ärzte wünschen sich neue Formen der Zusammenarbeit von Freiberuflern. Wechselberger: „Die Belastung in Einzelpraxen wird unzumutbar groß, viele Kleinpraxen sind unrentabel. “
Im Entwurf eines neuen Ärztegesetzes, das noch 2005 verabschiedet werden soll, sind wesentliche Forderungen der österreichischen Ärzte berücksichtigt: Niedergelassene Ärzte sollen eine Kapitalgesellschaft, eine GmbH, gründen können, weniger aus steuerlichen Gründen, sondern um Ärzte anstellen zu können. Je Gesellschafter soll ein Angestellter gestattet sein. In der Ärzteschaft sei dies nicht mehr umstritten, sagte Dr. med. Reiner Brettenthaler, der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, dem Deutschen Ärzteblatt. Nichtärzte als Gesellschafter müssten aber ausgeschlossen bleiben.
Das ist in Deutschland, wo spätestens mit der vom 107. Deutschen Ärztetag beschlossenen Novelle der (Muster-)Berufsordnung das Leitbild des in Einzelpraxis tätigen Arztes aufgegeben wurde, die Zulassung juristischer Personen zur Ausübung der Heilkunde von Land zu Land, Kammer zu Kammer aber unterschiedlich geregelt ist, nicht der Fall. In einer „Ärztegesellschaft“, beispielsweise in der Rechtsform einer GmbH, muss laut Berufsordnung die Mehrheit der Gesellschafter und der Geschäftsführer Ärzte sein. Für die Heilkunde-GmbH ist das nicht vorgeschrieben.
„Die Einzelpraxis ist sicher nicht das Modell für die Zukunft“, sagte Sanitätsrat Dr. med. Franz Gadomski, Präsident der Ärztekammer des Saarlandes, und Vorsitzender des Ausschusses „Ambulante Versorgung“ der Bundes­ärzte­kammer. Gemeinschaftspraxen würden künftig die Regel sein, zumal junge Kolleginnen und Kollegen mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legten. Dass der gesellschaftliche Wandel und die wachsende Zahl von Ärztinnen andere Formen der Berufsaus-übung erfordern, darüber waren sich die Repräsentanten der Ärzte aus sechs Ländern (neben Deutschland, der Schweiz und Österreich noch Luxemburg, Italien/Südtirol und Liechtenstein) einig. Die deutschen Ärzte informierten auf der Konsultativtagung beispielsweise über die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) durch Niedergelassene und Krankenhäuser.
Der Grundgedanke von MVZ und Integrierter Versorgung sei nicht schlecht, sagte Hoppe. Für höchst problematisch hält er aber, wenn sich solche Elemente zusätzlich zur „Angebotsverknappung durch Privatisierung“ und den Missbrauch von Leitlinien in ein Konzept der „gesteuerten Medizin“ einpassten, das nur einem Ziel diene: „Die Behandlung darf nicht mehr kosten, als finanzierbar ist.“ Heinz Stüwe
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige