ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2005Fallpauschalensystem: Problem Schwerstkranke

POLITIK

Fallpauschalensystem: Problem Schwerstkranke

Dtsch Arztebl 2005; 102(33): A-2214 / B-1871 / C-1771

Billing, Arend

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Auch im Fallpauschalenkatalog 2005 bleibt die Behandlung komplexer Krankheitsbilder defizitär.

Behandlungskosten und -erlöse im diagnosebasierten Fallpauschalensystem (DRGs) werden zunehmend transparent. Der Fallpauschalenkatalog 2004 stellte eine erhebliche Bedrohung für die Maximalversorgung dar. Er hätte zu einer Umverteilung von etwa 20 Prozent der Erlöse der Maximalversorger hin zu kleineren Kliniken geführt. Der Fallpauschalenkatalog 2005 sollte dieses Problem angehen, das Fallpauschalenänderungsgesetz die Wirkungen abmildern. Der Erfolg dieser Maßnahmen wird jetzt durch den Vergleich der realen Behandlungskosten mit dem DRG-Erlös messbar.
Der enorme ökonomische Druck zwingt die Krankenhäuser zu einer raschen Analyse ihrer Kosten-Erlös-Situation. Das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus gGmbH (InEK), Siegburg, betreibt eine zunehmend präzise Kostenanalyse. Die an der Kalkulation teilnehmenden Krankenhäuser erhalten auf der Grundlage dieser Systematik die Daten für eine ziemlich valide Kostenträgeranalyse. Auf dieser Basis lässt sich der Grad der Kostendeckung für einzelne DRGs, aber auch einzelne Patienten ermitteln. Die aktuell verfügbaren Kostendaten beziehen sich auf die Patienten des Jahres 2004. Werden diese Patienten nach DRG-Kriterien 2005 eingruppiert, so lässt sich eine zugehörige aktuelle Erlösprognose abgeben. Über die landeseinheitlichen Basisfallwerte besteht zwischenzeitlich weitgehend Klarheit. Eine Multiplikation des Case Mix mit den (nicht geminderten) Landesbasisfallwerten erlaubt somit einen Ausblick auf die am Ende der Konvergenzphase zu erwartende Erlössituation.
Eine Neugruppierung aller stationären Behandlungsfälle des Jahres 2004 (80 634 Patienten) des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München erfolgte mit dem Grouper 3M G-DRG 2004/2005. Die Kostendaten entsprachen dem an das InEK im Mai 2005 gelieferten Datensatz. Zusatzentgelte konnten auf der Erlösseite noch nicht kalkuliert werden, weil die Verhandlungen dazu noch ausstehen. Die Zusatzentgelte werden auf etwa 13 bis 15 Millionen Euro geschätzt.
Die Hochrechnung (ohne Berücksichtigung der Erlöse aus Zusatzentgelten) ergab ein zu erwartendes jährliches Defizit in Höhe von 60 Millionen Euro am Ende der Konvergenzphase. Das entspräche einer Kostendeckung von 83 Prozent. Nach Berücksichtigung der Zusatzentgelte und der Ausgliederungen für besondere Einrichtungen verbleibt im besten Fall für das Klinikum ein Defizit in Höhe von 23 Millionen Euro. Für die Problemgruppe der Langlieger hatte sich in der Kalkulation 2004 eine Kostendeckung von lediglich 50 Prozent ergeben. Die diesjährige Kalkulation ergab eine Kostendeckung von 58 Prozent. Damit wäre die kleine Gruppe der Langlieger (5,7 Prozent der Patienten) immer noch für 57 Prozent des Gesamtdefizites verantwortlich. Für die übrigen Patienten ergäbe sich dagegen eine Kostendeckung von 91 Prozent.
Langzeitbeatmung defizitär
Ein weiterer defizitärer Bereich ergab sich im Bereich der Langzeitbeatmung. Eine Kostendeckung von nur 75 Prozent würde hier zu einem Defizit von elf Millionen Euro führen. In dieser Untergruppe spielt das Kriterium „Langlieger“ eine untergeordnete Rolle.
Der Trend bestätigt sich bei der Auswertung nach Hauptdiagnosegruppen. Die „A-DRGs“ (vor allem Langzeitbeatmung und Transplantation) verursachen ein Defizit in Höhe von 16 Millionen Euro, gefolgt von den „F-DRGs“ (Herz-Kreislauf-Erkrankungen) mit einem Defizit von 8,3 Millionen Euro und den „I-DRGs“ (Traumatologie/Orthopädie) mit 6,9 Millionen Euro. Wählt man als Auswertungsgrundlage das Kriterium Defizit pro Fall, so zeigen sich als Spitzenreiter die Patienten der Hauptdiagnosegruppe W (Polytrauma) mit einer Unterdeckung von durchschnittlich 4 400 Euro je Patient.
Die gute Verfügbarkeit zunehmend hochwertiger Kostendaten ermöglicht, Ursachen potenzieller zukünftiger und gegenwärtiger Defizite zunehmend präzise zu analysieren. Die Analysen des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigen, dass besonders die relativ kleine Gruppe der Patienten, die einen ungewöhnlich langen Klinikaufenthalt erfordern, durch das aktuelle DRG-System unzureichend vergütet wird und damit potenziell gefährdet ist. Sehr ähnliche Daten werden zwischenzeitlich aus vielen Zentren der Maximalversorgung berichtet. Sowohl aus der Universitätsklinik Tübingen wie auch aus der Universitätsklinik Heidelberg wird angegeben, dass etwa fünf Prozent der Patienten 50 Prozent der Schwierigkeiten bereiten.
Solidarisch und sozial
Für die Akzeptanz des DRG-Systems könnte die Lösung dieses Problems zum kritischen Kriterium werden. Gelingt es nicht, die Behandlung der Schwerstkranken nach solidarischen und sozialen Kriterien zu gewährleisten, dann ist ein entscheidendes Zielkriterium nicht erfüllt. Die Gruppe der Schwerstkranken hat aufgrund von Verdrängungsmechanismen eine denkbar schlechte Lobby. Die Behandlung dieser Patienten erfordert in einem stark ökonomisch ausgerichteten Gesundheitswesen besondere Aufmerksamkeit. Den Trägern der Selbstverwaltung und dem von dieser mit der Fortentwicklung des DRG-Systems 2006 beauftragten Institut (InEK) obliegt es, dieser Gruppe der „Kostenausreißer“ durch angemessene Regelungen gerecht zu werden. Die Systemveränderungen von 2004 auf 2005 waren diesbezüglich lediglich ein Tropfen auf einen sehr heißen Stein. Prof. Dr. med. Arend Billing
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige