ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1997Deutscher Orthopädenkongreß 1996: Hüftdysplasie und Wirbelsäulenprobleme als Kerngebiete der Orthopädie

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Deutscher Orthopädenkongreß 1996: Hüftdysplasie und Wirbelsäulenprobleme als Kerngebiete der Orthopädie

Grifka, Joachim

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LNSLNS Vom 17. bis 20. Oktober 1996 fand der Deutsche Orthopädenkongreß in Wiesbaden statt. Dieser Kongreß, der gemeinsam von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie als wissenschaftlicher Gesellschaft und dem Berufsverband der Ärzte für Orthopädie als Fachvertretung durchgeführt wurde, hat mit den beiden Hauptthemen "Hüftdysplasie" und "Wirbelsäule und Statik" 3 246 Teilnehmer des orthopädischen Fachbereiches sowie benachbarter Disziplinen in Wiesbaden versammelt. Um der wissenschaftlichen Information und Diskussion genügend Raum zu bieten, waren für die vier Kongreßtage auch bei steten Parallelveranstaltungen lediglich 280 Vorträge zugelassen worden. Dies sicherte eine Konzentrierung auf wichtige Aspekte der beiden Themenbereiche und eine ausführliche Darstellung und Bewertung des wissenschaftlichen Fortschrittes und der praktischen Relevanz.


Probleme der Hüftdysplasie
Schon die Eröffnungsveranstaltung am 17. Oktober stand im Zeichen zweier besonderer Ehrungen. Prof. Dr. R. Graf, Ärztlicher Direktor des Landeskrankenhauses Stolzalpe, Österreich, wurde für seine Verdienste um die Sonographie der Säuglingshüfte mit der Pauwels-Gedächtnismedaille ausgezeichnet. Damit wurde der Pionier der Hüftsonographie für seine weltbewegende Arbeit zur Entwicklung der Hüftsonographie, der wissenschaftlichen Ausarbeitung der Typologie und der Initiierung des Screenings geehrt. Diesem Orthopäden verdanken wir die Früherkennung mit den darauf fußenden frühzeitigen Behandlungsmöglichkeiten, die Begrenzung der Radiologie auf Sonderfälle und den Einsatz nach dem ersten Lebensjahr sowie die Verhinderung der Manifestation einer Hüftdysplasie in annähernd allen Fällen einer frühzeitigen Erkennung und Behandlung. Unter Fachleuten ist das Erfordernis eines lückenlosen Hüftscreenings absolut unumstritten, um das Leid einer schwerwiegenden, das ganze Leben beeinflussenden Hüfterkrankung zu vermeiden. Das wissenschaftliche Werk von Herrn Graf findet vielerorts in Qualitätsstandards Niederschlag.
Für sein Lebenswerk in der Behandlung der manifesten Hüftdysplasie wurde Prof. Dr. D. Tönnis, ehemaliger Direktor der Orthopädischen Klinik der Städtischen Kliniken Dortmund, zum Ehrenmitglied der DGOT ernannt. Sein Verdienst ist es, daß er zur Verhinderung einer Dysplasie-Coxarthrose bei manifester Hüftdysplasie eine Dreifach-Osteotomie im Kindes- und Jugendalter entwickelte und etablierte und als Wegbereiter dieser Behandlungsmethode die biomechanischen Grundlagen und Ergebnisse akribisch analysierte.
Auf dem Deutschen Orthopädenkongreß haben sich mehrere Sitzungen mit Fragen der Hüftreifungsstörungen, der Intervention bei Hüftdysplasien im Kindes- und Jugendalter sowie mit Dysplasie-Coxarthrose befaßt, die heute noch das Patientenspektrum der Orthopädie prägt. Bei diesen komplizierten endoprothetischen Versorgungen des Hüftgelenkes sind die Orthopäden in besonderem Maße gefragt. Für die endoprothetische Versorgung bedarf es in Fällen schwerer Dysplasie-Coxarthrosen stets erweiterter Eingriffe im Pfannenbereich, die besondere Fertigkeiten verlangen, einen erhöhten operativen Aufwand darstellen und daher neben besonderer Erfahrung in der Behandlung dieser Fälle auch kostenintensiv sind.
Daten wissenschaftlicher Arbeiten belegen, daß Titan heute als Standard für die zementfreien Hüftendoprothesenimplantationen anzusehen ist. Hinsichtlich der Vorteile der Keramik- oder Metallgleitpaarungen zeigen sich deutliche Tendenzen, jedoch ist die Diskussion hier noch nicht zu einem breiten Konsens gekommen.


Wirbelsäule und Statik
Diese Thematik erstreckt sich vom Kindes- bis zum fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Auf ausgeprägte Haltungsschwächen werden wir oft bei Schulkindern aufmerksam, die bei mangelnder körperlicher Aktivität bereits in frühem Alter Zivilisationsschäden am Stütz- und Bewegungsapparat entwickeln. Hier sind alle Behandler und ebenso die Familienmitglieder aufgerufen, durch adäquate Verhaltensmaßnahmen zur muskulären Ertüchtigung beizutragen. Wichtig ist, einen physiologischen Ausgleich zu steter Sitzbelastung und verminderter Beanspruchung der Muskeln zu schaffen. In Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen haben Orthopäden mit der Rückenschule Trainingsprogramme entwickelt, die weit über den deutschsprachigen Raum hinaus als beispielhaft angesehen werden können. Unter der Leitung von Prof. Dr. C. Nentwig, Bochum, war ein europäisches englischsprachiges Symposium "backschool" in den Deutschen Orthopädenkongreß integriert.
In der konservativen wie operativen Behandlung der Skoliose sowie bei Instabilitäten der Wirbelsäule sind von orthopädischer Seite Richtlinien erstellt worden. Ein weiteres Thema waren die seit dem 1. Januar 1993 in der Berufskrankheitenverordnung verankerten Wirbelsäulenschäden als Berufskrankheit. Hierzu wurde von Prof. Dr. M. Weber, Freiburg, und Prof. Dr. H. Valentin, Erlangen, ein interdisziplinäres orthopädisch-arbeitsmedizinisches Symposium geleitet.


Neue Entwicklungen
Hinsichtlich besonderer Fortschritte der Orthopädie außerhalb der Hauptthemen sei auf zwei Entwicklungen hingewiesen. Die aus der Urologie weiterentwickelte extrakorporale Stoßwellenbehandlung zeigt richtungsgebende Behandlungsansätze bei Knochen- und Weichteilerkrankungen, die in Klinik wie Praxis auf Interesse für den Einsatz dieser Methode stoßen. Auf dem Feld der Osteoinduktion wird der Einsatz von nativem wie rekombinantem BMP wissenschaftlich mit hoffnungsvollen Ergebnissen untersucht. Nach beeindruckenden Tierversuchen gibt es nun erste Berichte über den klinischen Einsatz am Menschen, die ermutigende Perspektiven für die Behandlung von Pseudoarthrosen und Knochendefekten bis hin zu Implantatlockerungen bei Endoprothesen aufzeigen. Hier werden die nächsten Jahre zeigen müssen, ob und wie diese Verfahren in unsere Routinebehandlung eingegliedert werden können.


Anschrift des Verfassers:
Priv.-Doz. Dr. med. Joachim Grifka
Leiter der Wissenschaftlichen
Organisation der DGOT
St. Josef-Hospital Bochum
Orthopädische Universitätsklinik
Gudrunstraße 56
44791 Bochum

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