ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2005Deutsches Gesundheitswesen im Vergleich: Umfassender, preiswerter und auch effizienter

POLITIK

Deutsches Gesundheitswesen im Vergleich: Umfassender, preiswerter und auch effizienter

Dtsch Arztebl 2005; 102(36): A-2356 / B-1990 / C-1884

Rieser, Sabine

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Schweden, Holland, Großbritannien – alle machen es besser als wir? Falsch, finden die Autoren der jüngsten igsf-Studie.

Prof. Dr. med. Fritz Beske ist ein alter Hase im Gesundheitswesen. 103 Bände wurden in seinem Institut für Gesundheits-System-Forschung (igsf) bereits veröffentlicht. Dennoch gab er bei der Präsentation des 104. Bandes* Ende August in Berlin zu, Herzklopfen zu haben. Denn das zweibändige Gutachten „Leistungskatalog des Gesundheitswesens im internationalen Vergleich“ sei eine Studie, „die anderes aussagt als alle anderen“. Was, ergänzte er umgehend: „Deutschland hat im internationalen Vergleich nachweislich ein umfassendes, ein preiswertes und damit ein überdurchschnittlich effizientes Gesundheitswesen.“ Oft würden einem andere Länder als Beispiel vorgehalten, sagte Beske. Doch häufig gehe es dabei um Einzelaspekte: „Die Gesamtschau und der Vergleich aller Kosten und Leistungen fehlen.“
Auf 479 Seiten analysieren Beske, Dr. sc. pol. Thomas Drabinski und Ute Golbach 14 führende Industrienationen. Deutschland habe das höchste Versorgungsniveau bei Gesundheitsleistungen, betonte Beske. Bei Geldleistungen sei ein überdurchschnittlich hohes Niveau zu verzeichnen. Unterdurchschnittlich fallen die Leistungen in diesem Bereich nur bei Mutterschaft und Mutterschaftsgeld aus.
Infolge einer hohen Hausarzt-, Facharzt- und Zahnarztdichte, vieler Krankenhäuser, freier Arztwahl und vergleichsweise geringer Zuzahlungen gebe es praktisch keine Zugangsbarrieren. „Dies führt zu einer hohen Patientenzufriedenheit, nicht zuletzt auch darum, weil Wartezeiten weltweit am geringsten sind“, erläuterte Beske. Der Leistungskatalog sei zudem überdurchschnittlich ausgestattet. Deutschland wendet dem Gutachten zufolge dennoch weniger Geld für sein Gesundheitswesen auf als der Durchschnitt vergleichbarer Länder (Tabelle). Von der Politik verlangte Beske Augenmaß: „Es ist zu hoffen, dass nicht durch Reformen oder durch das, was als Reform bezeichnet wird, unser patientenfreundliches, effizientes Gesundheitswesen Schaden leidet oder ganz zerstört wird.“
Ähnlich argumentierte Dr. Hans Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes: „Wir können zu Recht stolz sein auf das Erreichte.“ Allerdings berücksichtige Beske bei den Berechnungen zum Versorgungsniveau neben dem Leistungsumfang Strukturdaten wie Arztdichte oder Verweildauer im Krankenhaus, ohne zu problematisieren, ob diese Strukturen effizient seien. Bei der Effizienzberechnung würden nur noch Leistungsumfang und Pro-Kopf-Ausgaben verglichen, nicht jedoch bewertet, dass Deutschland nach den USA und der Schweiz den höchsten Anteil an Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt verzeichne. Eine weitere Kritik: Deutschland schneide beim Vergleich der Lebenserwartung von Männern und Frauen in den untersuchten Ländern nur unterdurchschnittlich ab.
Positiver äußerte sich der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Köhler. Das oft zitierte Urteil, Deutschland zahle im Gesundheitswesen Mercedes und fahre Golf, sei falsch: „Unser Gesundheitssystem ist überdurchschnittlich effizient.“ Köhler wies unter anderem darauf hin, dass der Anteil der Ausgaben für die ambulante Versorgung an den gesamten Gesundheitsausgaben in Deutschland am niedrigsten sei.
Dem Gutachten ist weiter zu entnehmen, dass Deutschland bei der Arztdichte im Durchschnitt an sechster Stelle liegt (3,3 Ärzte je 1 000 Einwohner). Am meisten Ärzte je 1 000 Einwohner praktizieren in Italien (4,4), am wenigsten in Japan (2,2). Bei der Facharztdichte liegt Deutschland allerdings an erster Stelle (2,3 Fachärzte je 1 000 Einwohner), die Niederlande an letzter (1 Facharzt je 1 000 Einwohner). Vergleicht man die Zahl der akutstationären Betten, ist Deutschland nach Japan das Land mit der höchsten Bettendichte (6,2 je 1 000 Einwohner). Auch die durchschnittliche Verweildauer ist die zweithöchste (8,6 Tage), nach der in der Schweiz.
Beske wies ergänzend darauf hin, dass die Gesundheitsberichterstattung in manchen Ländern sehr lückenhaft sei. Er vermutet, dass in Belgien, Italien, Kanada und Großbritannien mehr Geld für Gesundheit ausgegeben wird als offiziell angegeben. Sabine Rieser
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