THEMEN DER ZEIT

Psychiater im Nationalsozialismus: Herren über Leben und Tod

Dtsch Arztebl 2005; 102(36): A-2374 / B-2002 / C-1895

Tammen, Antke

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Gedenkstunde vor der Ruine der Aegidienkirche in Hannover Foto: Andreas Spengler
Gedenkstunde vor der Ruine der Aegidienkirche in Hannover Foto: Andreas Spengler
Gedenkstunde zur NS-Psychiatrie im Rahmen des Deutschen Evangelischen Kirchentages

Über die rund 200 000 Opfer von Tötungsaktionen in der Psychiatrie des Nationalsozialismus und über rund 350 000 Opfer von Zwangssterilisierungen öffentlich zu sprechen ist noch immer nicht selbstverständlich. Auch der Fachwelt sind Gedenkstätten, Mahnmale und Buchpublikationen oft nicht präsent. Der Deutsche Evangelische Kirchentag Hannover hat nun nach Jahren des Gedenkens an den Holocaust auch für die ermordeten psychisch Kranken und geistig Behinderten das Thema in das Bewusstsein der Kirche gerückt und breite Öffentlichkeit hergestellt. Unter dem Titel „Herr über Leben und Tod“ fand in der Ruine der Aegidienkirche in Hannover eine ernste und bewegende, liturgisch und musikalisch getragene Gedenkstunde statt.* Kirchentagspräsident Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel betonte: „Heute erinnern wir zum ersten Mal an die Opfer einer medizinischen Verirrung, einer Perversion der Psychiatrie . . . Alle Hybris des Menschen gegen den Menschen, alle Ignoranz der angeblichen Normalität gegen das Unbekannte, alle Blindheit des Unaufmerksamen wird in den Verbrechen deutlich.“
Das Landeskrankenhaus Wunstorf diente durch seinen lokalen Bezug als Beispiel. Prof. Dr. Andreas Spengler berichtete über Selektion und Abtransport von 370 Kranken, darunter 158 jüdische Patienten aus ganz Norddeutschland, in Tötungsanstalten nach Brandenburg und Hadamar. Die Abläufe hatte Asmus Finzen (1) in einer erschreckenden bürokratischen Perfektion beschrieben. 1920 hatten Binding/Hoche (2) propagiert, „Ballastexistenzen“ unter volkswirtschaftlichem Vorzeichen zur Vernichtung freizugeben. Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Hamburg, wies darauf hin, dass „von der Zwangssterilisation nicht nur fast alle Mediziner, sondern auch Kirchen und Ausland begeistert waren . . . So machten die meisten Ärzte bei dem Euthanasieprogramm – auch bei persönlichen Bedenken – mit, hielt doch selbst der weltweit anerkannte Psychiater aus der Schweiz, Eugen Bleuler, damals Euthanasie für Unheilbare für denkbar.“ Bei der Euthanasie-Kommandozentrale in Berlin wirkten bekannte Universitätspsychiater freiwillig mit.
Der todbringende Fanatismus der Psychiater sei weniger politisch begründet, als vielmehr im Glauben an die Wissenschaft, an die Erlösung der Gesellschaft von Leiden entstanden. Aus einem Urteil über Lebensqualität erwuchs die Anmaßung eines Urteils über Leben und Tod. Dies führte zu der Forderung, vermeintlich unheilbare Personen von unterstelltem Leiden zu erlösen. Der NS-Staat organisierte systematische Vernichtungsaktionen gegen seine psychisch kranken Bürger. Dörner: „Für die Zeit nach dem Krieg hatten die Professoren schon ein Sterbehilfegesetz in der Schublade, das jedem Menschen rechtsstaatlich sein Recht auf den Tod garantieren sollte – nicht unähnlich den heutigen Gesetzen in den Niederlanden oder in Belgien.“
Schüler einer zehnten Klasse des Wunstorfer Hölty-Gymnasiums fragten die Referenten nach dem Widerstand gegen die Tötungsaktionen. Dörner: „Die wenigen, die nach unserem bisherigen Wissen nicht als Legendenbildung der jeweiligen Anstalt, sondern nachprüfbar wirklich kompromisslose Widerständler waren, handelten vor allem aus zwei Beweggründen: Sie waren entweder fast fundamentalistisch religiös, am besten katholisch, oder sie waren im Umgang schwierige, bis zur Prinzipienstarre unbeugsame Persönlichkeiten.“ Spengler erwähnte den halbherzigen Widerstand der Bürokratie und seltene Fälle individueller Hilfe, bei der Menschen rechtzeitig entlassen, versteckt oder von Transporten zurückgeholt worden sind.
Von der Veranstaltung blieben nicht nur Trauer und Gedenken, sondern die Botschaft, kein Urteil über lebensunwertes Leben zuzulassen und Ärzten keine Befugnisse zur aktiven Tötung Kranker zu geben. Spengler stellte heraus, dass es eine Sozialethik, die kollektive Interessen über den Schutz Einzelner stellt, ebenso wenig geben dürfe wie eine ärztliche Berufsethik, die sich anmaßt, Menschen von Leiden aktiv zu erlösen und lebensunwertes Leben zu definieren – auch nicht unter dem Vorzeichen vermeintlicher individueller Freiheit.

Literatur
1. Finzen A: Auf dem Dienstweg. Rehburg-Loccum: Psychiatrie-Verlag 1984.
2. zu Binding/Hoche, 1920, vgl. Deutsches Ärzteblatt: Medizingeschichte(n). Euthanasie „Ballastexistenzen“. Heft 12/2005, A 833.

Antke Tammen
Niedersächsisches Landeskrankenhaus Wunstorf
31515 Wunstorf, www.nlkhwunstorf.niedersachsen.de
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