ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2005Arztgeschichten: Im Schatten der Angst

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Arztgeschichten: Im Schatten der Angst

Lüth, Reinhard

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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Leserschaft.

Matt lag sie in dem Krankenbett. Ihre fahle Gesichtshaut ließ kleine Falten erkennen, die nicht wie sonst übergeschminkt waren. Als sie zögerlich ihre Augen öffnete, erblickte sie den kahlen Hinterkopf ihres Mannes. Ein erleichterndes Lächeln zog über ihre Mundwinkel. Wird es bald zu Ende sein, dachte sie, dieses lange kurze Leben?
Die Angst, ihr Herz könnte aufhören zu schlagen
Ihr Mann, der auf einem Stuhl zwischen Bett und Fenster saß, sah in den herbstlichen Park des Krankenhauses herab. Zwischen den Beinen hielt er seinen Gehstock. Seine Hände, die er über den Griff gelegt hatte, ließen ein feines Zittern erkennen. Oft hatte er seine Frau zu den Ärzten begleitet. Jeder Notarzt kannte ihre Adresse. Die Angst, ihr Herz könnte eines guten Tages aufgeben, begleitete sie ein Leben lang.
Als er spürte, dass sie wach war, brummte er, ohne sie anzuschauen: „Wann kommt der Professor?“ „Er wollte schon hier sein.“ Sie spürte, dass es diesmal anders war: Nicht ihr Herz flatterte, sondern ihr ganzer Körper fühlte sich geschwächt. Der Schlaf hüllte sie auch tagsüber in ein trübes Tuch. Nichts schmeckte ihr, selbst das Trinken wurde zur Last.
„Wie geht es Ihnen?“ Sie schreckte auf. Es war ihr unangenehm, den Arzt nicht bemerkt zu haben. „Ich war oft krank in meinem Leben“, sagte sie, „aber jetzt ist es anders.“ „Wer hat Sie früher behandelt?“ Sie sah zu ihrem Mann, der für sie antworten sollte. „Weißt du noch damals? Wie war noch der Name des Professors?“ „Dich haben viele Professoren gesehen.“ Mit scharfen Augen blickte sie ihren Mann an: „Du weißt schon, wen ich meine: den Professor aus der Charité.“ „Die Charité?“ fragte der junge Professor. Das berühmte Krankenhaus in Berlin schien ihn zu interessieren. „Mein Mann hat es schon vergessen, aber für mich ist es so, als sei es gestern gewesen.“ „Erzähl es nicht schon wieder.“ Ihr Mann drehte seine Augen zur Decke und blickte wieder aus dem Fenster.
„Ich war eine seiner Vorzeigepatientinnen. Als ich noch keine 18 Jahre alt war, diagnostizierte er eine paroxysmale Tachykardie. Ich verstand nicht, was es bedeutete, erlebte aber Todesangst, wenn mein Herz im Anfall raste. Es trat sporadisch auf, meistens gerade dann, wenn ich aufgehört hatte, daran zu denken. Das Herz schlug um sich, wie ein loses Segel im Sturm. Ich war unfähig, auch nur ein Blatt zu halten. Man legte mir Eis auf die Halsschlagadern, was etwas Linderung versprach. Es endete stets genauso abrupt, wie es begonnen hatte.“
„Im Alter wird es Schwierigkeiten geben“
„Das ist lange her“, warf der Arzt ein. Zwischen seinen Händen ließ er einen silbernen Laserpointer wandern. „Es wurde alles noch viel schlimmer“, brummte ihr Mann. „Der Professor stellte mich jedes Semester erneut seinen Studenten vor“, erzählte sie weiter. „Er war eine imponierende Gestalt. Wenn er den großen Hörsaal betrat, bündelte sich die Aufmerksamkeit aller auf ihn. Er dozierte wie ein Gott. Von Jahr zu Jahr erfuhr ich mehr über meine Krankheit. In seinen Händen fühlte ich mich sicher. Trotz meiner gelegentlichen Anfälle war ich ein fröhlicher Mensch. Die Männer stellten mir nach, und ich liebte das Leben.“
„Das will der Arzt nicht wissen!“ Ihr Mann stampfte mit seinem Stock auf den Boden. „Wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges“, fuhr sie fort, ohne ihren Mann zu beachten, „kam ich das letzte Mal in seine Vorlesung. Der Professor zeigte EKGs und demonstrierte meinen Fall. Ich war im fünften Monat schwanger. Zuletzt, wie üblich, stellten die Studenten ihre Fragen. ,Welche Prognose hat die Rhythmusstörung?‘ fragte einer aus der letzten Reihe. Der Professor, der in früheren Vorlesungen darauf mit unverständlichen Fachbegriffen geantwortet hatte, erklärte: ,Sie kommt damit gut zurecht. Aber im Alter‘, fügte er hinzu, ,wird es Schwierigkeiten geben‘.“
„Das war ein schicksalhafter Fehler!“ warf der Alte ein, „eine irreführende Vorhersage.“ Er blickte hoch zu dem jungen Mann in dem weißen Kittel. „Sie haben ein hohes Lebensalter erreicht“, warf der Arzt ein und sah zu seiner Patientin. „Ja, ja. Ich beachtete auch anfangs die-
se Worte nicht. Ich war jung, hübsch und unbeschwert. Aber mit den Jahren klangen die Worte immer deutlicher in meinen Ohren. Es wuchs die Angst! Mich holt der Tod früher, dachte ich. Wann fängt das Alter an? Mit 40 Jahren wagte ich mich kaum noch aus dem Haus.“ Der Laserpointer warf einen roten Punkt an die Wand. „Trotz guter Ärzte und neuer Medikamente befürchtete ich ständig den Herztod. Ich lebte im Schatten der Angst.“
Es klopfte an der Tür des Krankenzimmers. Eine junge Schwester öffnete sie, blieb im Türrahmen stehen und lächelte ihnen zu. Sie ließ den frischen Duft der Jugend ins Zimmer wehen. „Die nächste Op. ist vorbereitet, Herr Professor. Die Anästhesisten könnten die Narkose einleiten.“ „Ja, ich komme gleich. Sagen Sie ihnen, sie sollen anfangen.“ Er wandte sich wieder seiner Patientin zu: „Es ist nicht Ihr Herz.“ „Ihr Herz ist alles. Es hat unser Leben bestimmt.“ Wieder stampfte der Gehstock auf den Boden.
Sie wollte keine Prognosen mehr hören
„Wir haben einen Tumor gefunden in Ihrem Bauch. Er wächst von der Bauchspeicheldrüse aus.“ „Dann holen Sie ihn raus“, sagte sie entschieden, „mir ist alles recht.“ Der Chirurg erklärte ihr, wie es um sie stand. Die Prognose war keine gute. „In der nächsten Vorlesung möchte ich Ihren Fall meinen Studenten vorstellen. Dafür benötige ich Ihr Einverständnis.“
Die Frau blickte ihren Mann stumm an. Der schwieg. Sie wollte schon lange keine Prognosen mehr hören und keine Fragen von Studenten. Einen einsamen Gedanken lang überlegte sie. Wortlos nickte sie, willigte ein, bevor der junge Professor zügig entschwand.
Dr. med. Reinhard Lüth
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