ArchivDeutsches Ärzteblatt4/1997Paracelsus-Ausstellung: Unsteter Mediziner

VARIA: Medizingeschichte

Paracelsus-Ausstellung: Unsteter Mediziner

Dtsch Arztebl 1997; 94(4): A-181 / B-155 / C-150

Wilp, Rita

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LNSLNS Seine Kollegen, die gelehrten Ärzte, bezeichnete er als "Hundemetzger, Lügner, Hornochsen, Bescheisser und Mörder". Als Stadtarzt von Basel und Hochschullehrer in Amt und Würden provozierte er die akademische Welt, indem er seine Vorlesungen statt in Latein in Deutsch hielt. Der Mann, der solchermaßen seine Umwelt vor den Kopf stieß, lebte von 1493 bis 1541 und hieß Philippus Aureolus Bombastus Theophrastus von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus. Sein Leben, sein Wirken als Mediziner, seine Lehren und die Heilmethoden seiner Zeit zeigt jetzt das Kulturhistorische Museum in Magdeburg. Medizinische und pharmazeutische Originalgeräte, zeitgenössische Stadtansichten, Bildtafeln und Texte veranschaulichen außerdem die Zeit des ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Die Wanderausstellung hatte eine Schweizer Projektgemeinschaft 1993 zum 500. Geburtstag des Mediziners konzipiert. Magdeburg ist die vorerst letzte Station in Deutschand.
1493 in Egg an der Sihl bei Einsiedeln (Schweiz) geboren, übersiedelte Paracelsus 1502 mit dem Vater nach Villach in Kärnten (Österreich). Nach der Schulzeit studierte er an verschiedenen Universitäten und wurde "Doctor beyder Arzneien, der Chirurgie und der inneren Medizin". 1516 begann seine Wanderschaft durch Europa, die ein Leben lang dauern sollte. Auf der ständigen Suche nach der Wahrheit beschäftigte sich Paracelsus gleichermaßen mit Alchemie, Magie, Philosophie, Theologie und Volksheilkunde. Dabei geriet der Querdenker immer wieder in Konflikt mit den Mächtigen seiner Zeit. "Er entlarvte Korruption, Scharlatanerie und schadete sich damit selbst", so Sabina Zschaeck-Korner, die die Ausstellung mit organisiert hat. In Basel verbrannte Paracelsus 1527 öffentlich Lehrbücher der damals verehrten Medizinpäpste Hippokrates, Galenus und Avicenna und provozierte dadurch einen Streit mit dem Magistrat.


Alchemie
Das medizinische Weltbild von Paracelsus besteht aus vier Säulen: Philosophie, Astronomie, Alchemie und ärztliche Ethik. Er lehnte das reine Bücherwissen als Spekulation ab und glaubte, daß nur der Umgang mit der Natur dem Arzt Weisheit bringe. Die medizinischen Autoritäten bezeichnete er als "Phantasten, die in Unkenntnis der Verhältnisse Lügen verbreiten", heißt es im Ausstellungskatalog. Er bekämpfte die antike "Vier-Säfte-Lehre", wonach der Körper aus Blut, Schleim, roter und schwarzer Galle besteht. Der Überfluß eines Saftes verursachte nach damaliger herrschender Meinung ganz allgemein Krankheiten. Die Heilmethoden beschränkten sich deshalb in der Schul- und Volksmedizin meist auf Aderlaß, Roßkuren wie Klistiere, Schwitzbäder und Schröpfköpfe. Die überflüssigen und verdorbenen Säfte des Körpers sollten dadurch abfließen und der so gereinigte Körper genesen.
Auch die "Harnschau" war zu damaliger Zeit ein beliebtes Mittel der Ärzte, Diagnosen zu stellen. Paracelsus verspottete diese nach seiner Ansicht einseitige Methode, bei der die Mediziner nur an der Farbe des Urins eine Krankheit erkennen wollten. Paracelsus hingegen setzte sich für Heilmethoden ein, die gezielt auf Krankheiten und auf den Patienten abgestimmt sein sollten. Bei seinen umfassenden Untersuchungen berücksichtigte er auch die Gemütslage und die soziale Umgebung der Patienten.
Für Paracelsus war die gängige Medikamentenherstellung Lug und Betrug: "Wie groß muß die Narrheit der Doktoren sein, die in diesem Sauladen die Bauern herumführen, sie bescheissen und ihnen Extrakte, Sirupe, Pillen und Salben geben." Er betrieb statt dessen die Alchemie, die nützliche von unnützen Wirkstoffen trennen und so eine reine Arznei hervorbringen sollte. Und für "einen Arzt ist nichts anderes von Bedeutung, als wie das Gift hinweggenommen werden kann. Das muß durch alchemistisches Scheiden geschehen."
Für den unsteten Mediziner stellte außerdem der Kosmos die Grundlage allen Wissens und der Heilkunst dar. Der Mensch mit seinem "materiellen Körper" sei als Mikrokosmos darin integriert.
Zwischen allen Elementen von Himmel, Erde und Menschen bestehe die engste Übereinstimmung, denn "so wie es außen aussieht, so ist es im Menschen auch . . .". Deshalb studierte er auch die Gestirne, weil er glaubte, daß ihre Konstellation an der Entstehung von Krankheiten beteiligt sein könnte.
Die Ausstellung "Paracelsus – Werk und Zeit. Medizin, Alchemie und Astronomie um 1500" ist noch bis Ende Januar 1997 im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg zu sehen; anschließend geht sie in die Schweiz zurück. Rita Wilp

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