ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2005Internetrecherche zu sexuellen Funktionsstörungen: Wenig Ressourcen zu frauenspezifischen Themen

WISSENSCHAFT

Internetrecherche zu sexuellen Funktionsstörungen: Wenig Ressourcen zu frauenspezifischen Themen

Eichenberg, Christiane

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Überblick über empfehlenswerte Seiten zu nichtorganischen Störungen der Sexualität

Die Einteilung der nichtorgani-
schen sexuellen Funktionsstörungen nach ICD-10 (F 52) erfolgt in Anlehnung an den zeitlichen Ablauf des Geschlechtsverkehrs. Sexuelle Funktionsstörungen umfassen die Appetenzstörungen (zum Beispiel Frigidität, gesteigertes sexuelles Verlangen), Exzitationsstörungen (zum Beispiel Erektions- und Lubrikationsstörung), Schmerzstörungen (zum Beispiel Vaginismus) sowie die Orgasmus-, Ejakulations- und Satifikationsstörungen (3,4). Dass die Sexualstörungen bei Männern mehr im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen und die medizinische Wissenschaft erst langsam beginnt, sich ebenso intensiv mit den sexuellen Funktionsstörungen bei Frauen zu befassen, spiegelt sich auch in der Internetrecherche zum Thema wider: Webinformationen zu frauenspezifischen sexuellen Funktionsstörungen sind weitaus schwieriger zu recherchieren als Material zu männerspezifischen Pro-
blemen. Bei den spezifischen Funkti-
onsstörungen des Mannes überwiegen internetbasierte Ressourcen zu Erektionsstörungen, was nicht überrascht, wenn 52 Prozent der befragten 1 290 Männer zwischen 40 und 70 Jahren in der „Massachusetts Male Aging Study“ zumindest leichtgradige Störungen der Erektionsfähigkeit aufwiesen (2).
Informationen für Fachkreise
Einen allgemeinen Überblick zur Sexualforschung und -medizin bieten die Internetpräsenzen von Fachgesellschaften, im internationalen Raum zum Beispiel die Webseiten der International Society for Sexual Medicine (ISSM) (www.issm.info) und der Sexual Medicine Society of North America, Inc. (www.smsna.org). Im deutschsprachigen Raum ist die einschlägige Fachgesellschaft die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) (www.dgfs.in fo). 1950 auf Initiative von Hans Giese in Frankfurt/Main von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen gegründet, ist sie die älteste und größte der deutschen Fachgesellschaften für Sexualwissenschaft und -forschung. Heute gehören ihr rund 250 Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten, Psychoanalytiker, Soziologen, Juristen und Kulturwissenschaftler an. Auf der Homepage werden unter anderem Fort- und Weiterbildungsangebote vorgestellt und auf ihr Organ, die Zeitschrift zur Sexualforschung (www.thieme.de/fz/sexualfor schung), verlinkt. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung e.V. (DGSS) stellt ihre Aktivitäten unter www.sexologie.org vor, berichtet über ihre 16 veranstalteten sexualwissenschaftlichen Kongresse und stellt eine Liste von Publikationen ihrer Forschungsergebnisse online.
Für wissenschaftliche Ressourcen von universitärer Seite sind die Web-präsenzen der vier sexualmedizinischen Institute an deutschen medizinischen Fakultäten mit den Standorten Frankfurt/Main (www.klinik.uni-frankfurt.de/zpg/sexualwissenschaft), Kiel (www.uni-kiel.de/sexmed), Hamburg (www.uke.uni-hamburg. de/institute/sexualforschung/ index.php) und Berlin (www. charite.de/ch/swsm) gute Anlaufstellen. Alle Institute unterhalten Ambulanzen, die Patienten mit sexuellen Funktionsstörungen behandeln und über ihre Forschungsprojekte informieren, so zum Beispiel das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Humboldt-Universität Berlin über ihre Studie „Sexualität und Partnerschaft bei Erektionsstörungen (Berliner Männer-Studie BMS)“ (www.sexualmedizin.charite. de/forschung/forschung_bms.php).
Das Kinsey Institut (www.indiana.edu/~kinsey) der Universität Indiana informiert weltweit über interdisziplinäre Forschungsprojekte. Ebenso empfehlenswert ist das Magnus-Hirschfeld-Archiv für Sexualwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin (www2. hu-berlin.de/sexology). Es hat die Förderung und den Schutz der sexuellen Gesundheit durch Forschung und durch die Sammlung, kritische Sichtung und Verbreitung wissenschaftlicher Informationen aus anderen Quellen in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt. Es bietet E-Learning-Kurse an, stellt eine virtuelle Bibliothek zur Verfügung und listet die umfangreichste Sammlung von sexualwissenschaftlichen Internetadressen auf. Zudem steht das Handbuch „Die Sexualität des Menschen“ von Erwin J. Haeberle vollständig zum Abruf bere
www.impodoc.de/sexuelle-funktionsstoerung/fr_funktionsstoerungen.php
www.impodoc.de/sexuelle-funktionsstoerung/fr_funktionsstoerungen.php
it – das Buch thematisiert auch sexuelle Funktionsstörungen aus geschlechtsspezifischer Sicht.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) (www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/069-001.htm) publiziert die Leitlinien „Diagnostik und Therapie von sexuellen Störungen“ der Akademie für Sexualmedizin e.V., in denen neben einer
somatischen und psychosozialen Diagnostik bei sexuellen Störungen auch die Diagnostik und Therapie bei substanzinduzierten sexuellen Funktionsstörungen erläutert und mit Schaubildern unterstützt dargestellt werden.
Neben Universitäten und Fachgemeinschaften engagieren sich auch Einzelpersonen im Internet – so der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse Karl C. Mayer, der auf seiner Homepage Begriffe der Sexualmedizin erörtert und Beispiele für sexuelle Funktionsstörungen und ihre psychogenen und organischen Ursachen zusammenstellt. Eine Linkliste zu weiteren themenrelevanten Internetressourcen ergänzen das Angebot (www.neu ro24.de/sexuelle_dysfunktionen.htm).
Informationen für Betroffene
Einen Überblick über sexuelle Funktionsstörungen für Betroffene offeriert zum Beispiel der österreichische Arbeitskreis Verhaltenstherapie in seinem online gestellten Patientenratgeber (www.verhaltenstherapie.at/Ratgeber/SexuelleStoerungenBeschreibung.htm). Neben Erklärungsansätzen wird die Sexualtherapie in ihren Grundzügen definiert und Empfehlungen für Selbsthilfe-Literatur ausgesprochen. Ebenso geeignet sind die Patientenbroschüren (zum Beispiel „Sexualstörungen bei Frauen“, „Erektile Dysfunktion“) des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit e.V. (www.isg-info.de).
Wer sich wohnortnah beraten lassen will, kann auf den Seiten von pro familia (www.profamilia.de), der Deutschen Gesellschaft für Fami-
lienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e.V., eine systematische, deutschlandweite Suche nach Beratungsstellen durchführen. Zudem verfügt der Verein über eine Online-Beratung und ein Diskussionsforum.
Über männliche sexuelle Funktionsstörungen liefert „impodoc“ (www.impodoc.de), ein Informationsangebot über Impotenz und andere sexuelle Funktionsstörungen, einen Überblick und erleichtert mit Hinweisen den Erstkontakt zum Arzt. Themenschwerpunkte sind „Luststörung“, „Potenzstörung“ und „Orgasmusstörung“. Ein Zugriff auf sämtliche Informationen kostet 1,99 Euro, bei der zusätzlichen Nutzung der interaktiven Kommunikationsangebote erhebt der Betreiber und Moderator der Seiten, Dr. M. Müller, Urologe und Sexualmediziner, den Betrag von 9,99 Euro.
Auch Betroffene nutzen das Internet zur Vernetzung. Die Selbsthilfegruppe „Erektile Dysfunktion“ (http://selbst
hilfe-forum.de/impotenz), Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Münchner Gesundheitsinitiativen (AGMG) e.V., berichtet über aktuelle Informationssendungen im Fernsehen, nennt weitere Internetquellen zum Thema und verlinkt zu Anbietern von gebräuchlichen Therapien und Hilfsmitteln.
Ein Forum zum Austausch mit derzeit 381 registrierten Mitgliedern steht Männern unter www.erektion.de zur Verfügung. Nach der Anmeldung können sich Betroffene in Unterforen wie Impotenz – Erektionsprobleme („Psychologische Ursachen“, „Krankheitsbedingte Ursachen“) oder Impotenz – Erektionshilfen („Viagra, Cialis, Levitra & Co.“, „rezeptfreie Potenzmittel“) austauschen. Das Selbstbeobachtungsinventar „Kölner Erfassungsbogen der Erektilen Dysfunktion (KEED)“ (www.andrologie.de/um frage.html), entwickelt und validiert an der Klinik und Poliklinik für Urologie der Universität zu Köln, ist auf den Seiten des Urologen Dr. Heribert Schorn einsehbar. Der Fragenbogen gibt Patienten die Möglichkeit, einen ersten Hinweis auf behandlungsbedürftige Erektionsstörungen zu erhalten.
Über Sexualstörungen der Frau klären die Gesundheitsportale Medicine-Worldwide (www.medicine-world
wide.de/sexualitaet_fortpflanzung/lexi
kon/frigiditaet.html) und NetDoktor (www.netdoktor.de/sex_partnerschaft/
fakta/sexuelle_probleme_frau.htm) auf. Zum Vaginismus stellt eine Betroffene auf ihrer privaten Homepage (www.
vaginismus-info.de) Hinweise zusammen und hat eine Mailingliste für Leidensgenossinnen eingerichtet.
Weitere Informations-, Beratungs- und Selbsthilfemöglichkeiten im Internet für Betroffene von jeglichen sexualbezogenen Problemen finden sich bei Eichenberg (2001).

Literatur
1. Eichenberg C: Umgang mit sexuellen Problemen im Internet: Informations-, Beratungs- und Selbsthilfemöglichkeiten für Betroffene. Psychotherapie im Dialog 2001; 2, 3: 367–374.
2. Feldmann HA, Goldstein I, Hatzichristou DG, Krane RJ, McKinlay JB: Impotence and its medical and psychosocial correlates: Results of the Massachusetts Male aging Study. The Journal of Urology 1994; 151: 54–61.
3. Richter-Appelt H: Sexuelle Funktionsstörungen, Paraphilien und Störungen der Geschlechtsidentität. In: Hiller W, Leibing E, Leichsenring F, Serge S (Hrsg.): Das große Lehrbuch der Psychotherapie, Bd. 2: Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie. München: CIP-Medien 2003: 201–212.
4. Sigusch V: Symptomatologie, Klassifikation und Epidemiologie sexueller Störungen. In: Sigusch V (Hrsg.): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (3. Aufl.); Stuttgart: Thieme 2001: 190–223.

Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg
Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität zu Köln, E-Mail: eichenberg@uni-koeln.de, Internet: www.christianeeichenberg.de
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