ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Eine ungewöhnlich bittere Pille

VARIA: Post scriptum

Eine ungewöhnlich bittere Pille

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): [64]

Wauner, U.

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In vielen deutschen Krankenhäusern erhalten Patienten nach einer Cholezystektomie ihre Steine „zurück“ – quasi als Präsent (und gleichzeitig als Beweis für die Notwendigkeit der Operation).
In Pathologie-, Präparatetöpfchen, Urinbechern oder in kleinen Zellophantütchen werden sie auf dem Nachtschrank präsentiert, bis der Operierte ihren weiteren Verbleib bestimmt. Der Entscheidungsspielraum ist groß – vom angeekelten Abwenden und Entsorgen bis zur Präsentation zu Hause ist alles möglich.
Ein älterer Herr aus Sachsen, der sich wegen einer akuten Cholezystitis bei Solitärstein der Gallenblase der Operation unterziehen musste, trennte sich von seinem walnussgroßen Pigmentstein auf ungewöhnliche Weise: Herr S. war ein sehr korrekter und ordentlicher Mann. Er schien auf fast militärische Weise beflissen, alle pflegerischen und ärztlichen Anordnungen zu beachten und umzusetzen. Auf seinem Nachtschrank lagen ein exakt gefaltetes und sauberes Herrentaschentuch, sein Hörgerät und das Tablettenschälchen für den Tag. Von der Operation hatte er sich schon am nächsten Tag gut erholt, unsere Frage, ob er sich wohl fühle, bejahte er. Nur über etwas Durchfall müsse er klagen, dieser habe nach der Einnahme der großen schwarzen Tablette eingesetzt, die man ihm zusätzlich auf den Nachtschrank gestellt habe. Er hätte dieses feste Ding auch nur mit großer Mühe zerbeißen können – wofür das denn gewesen wäre? Wir sahen in die Kurve, dort war nichts vermerkt. Wir schauten die Schwester fragend an, die zunächst die Schultern zuckte. Dann fiel ihr Blick auf ein kleines, leeres Urintöpfchen auf dem Nachtschrank von Herrn S., und sie erstarrte. Wir folgten ihr mit unseren Augen und begriffen. Nach einer wortlosen Verständigung und der Mutmaßung, dass ein zerkauter, verschluckter und potenziell bakterienbesiedelter Gallenstein spätestens durch die Magensäure unschädlich gemacht werden würde, murmelten wir zu Herrn S. etwas von Abführmaßnahmen und beendeten die Visite bei ihm recht schnell.
Geschadet hat ihm sein erneut einverleibter Gallenstein nicht. Am sechsten postoperativen Tag verließ er beschwerdefrei und zum Abschied höflich mit seinem Pepitahütchen grüßend die Klinik. Dr. med. U. Wauner
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