ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Arzneimittel: Verschwendung streng nach Vorschrift

POLITIK

Arzneimittel: Verschwendung streng nach Vorschrift

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2521 / B-2131 / C-2013

Hibbeler, Birgit

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Die meisten Hospizbewohner sind Tumorpatienten, viele erhalten Opioide. Foto: laif
Die meisten Hospizbewohner sind Tumorpatienten, viele erhalten Opioide. Foto: laif
Hospize sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Betäubungsmittel verstorbener Patienten zu vernichten. Arzneimittel im Wert von zwei Millionen Euro wandern jedes Jahr in den Müll.

Es ist allgemein bekannt, dass bei den Arzneimittelausgaben gespart werden muss. Beim Umgang mit Betäubungsmitteln in Hospizen wäre dies möglich – wenn es nicht verboten wäre. Die Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV) besagt, dass ambulant verschriebene Arzneimittel, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, personen- und zweckgebunden eingesetzt werden müssen. Nach dem Tod eines Patienten sind die für ihn verschriebenen Betäubungsmittel an einen Apotheker abzugeben, der sie dann vernichtet. Andernfalls macht sich der behandelnde Arzt strafbar. Anders als in Krankenhäusern darf in Hospizen kein Medikamentenpool angelegt werden, denn die Betäubungsmittel werden patientenbezogen gelagert. Diese Regelung hat ihren Preis: Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz (BAG Hospiz) entsteht so jährlich ein Schaden von mehr als zwei Millionen Euro.
Absurder Zustand
„Das ist ein absurder Zustand“, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), Dr. med. Thomas Schindler, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Die Problematik gilt auch für Pflegeheime. Gerade aber Hospize verbrauchen große Mengen an Betäubungsmitteln, denn viele Palliativpatienten erhalten Opioide. Wann die Patienten sterben, ist oft nicht vorhersehbar. Folge: Es wird viel verbraucht, aber auch viel weggeworfen.
Ein weiterer Gesichtspunkt: Wenn Betäubungsmittel nur für den Patienten eingesetzt werden dürfen, für den sie verschrieben wurden, kann es zu Versorgungsengpässen kommen. Für neu aufgenommene Patienten oder in Akutsituationen stehen dringend benötigte Opioide nicht immer unverzüglich zur Verfügung. Die geltende Regelung ist nach Ansicht der Kritiker also nicht nur unwirtschaftlich, sondern widerspricht auch dem Patienteninteresse. Eine Umfrage aus dem Jahr 2004 belegt, dass 87 Prozent der stationären Hospize die gesetzlichen Vorschriften zum Teil durch „inoffizielle Regelungen“ umgehen.*
Die BAG Hospiz fordert deshalb, das geltende Recht an die Bedürfnisse von Hospizen anzupassen. „Sinnvoll wäre es, in Hospizen Betäubungsmitteldepots anzulegen und den tatsächlichen Verbrauch zu dokumentieren, so wie im Krankenhaus“, erläutert Barbara Schubert, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Sachsen. Auch
die Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ hat
die Problematik erkannt. In dem Zwischenbericht „Palliativmedizin und Hospizarbeit“ vom Juli 2005 empfiehlt das Gremium eine Änderung der
BtMVV. Im Rahmen von stationärer und ambulanter Palliativversorgung solle es möglich sein, unverbrauchte und unangebrochene Betäubungsmittel verstorbener Patienten unter ärztlicher Kontrolle an andere Bewohner abzugeben.
Gesetzesänderung nötig
Neben DGP und BAG Hospiz begrüßt auch die Bundesopiumstelle den Vorschlag der Enquete-Kommission. „Wenn man die Versorgung dadurch verbessern kann, sind wir dafür“, erklärt Dr. rer. nat. Gerhard Lauktien, Fachgebietsleiter für Betäubungsmittelangelegenheiten für Apotheker und Ärzte. Kein Verständnis hat Lauktien jedoch für die Auslegung des geltenden Rechts in Nordrhein-Westfalen. In einem Erlass des dortigen Ministeriums für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie vom 22. Januar 2004 heißt es, die arzneimittelrechtlichen Bestimmungen ließen es im Interesse einer optimalen und kostengünstigen Patientenversorgung zu, dass ein Arzt ein ihm zum unmittelbaren Verbrauch überlassenes, nicht verbrauchtes Betäubungsmittel eines Verstorbenen bei einem anderen Patienten einsetze. DGP und BAG Hospiz unterstützen diese Interpretation. Die Bundesopiumstelle dagegen ist äußerst skeptisch. „Was wir nicht wollen, sind vagabundierende Betäubungsmittel“, unterstreicht Lauktien. Die Verantwortlichkeiten müssen seiner Ansicht nach gesetzlich klar geregelt sein.
Dass die gültige BtMVV an der Realität von Hospizen vorbeigeht, ist den Akteuren seit langem bekannt. Nun aber hofft Dr. med. Hans-Jürgen Flender von der Fachgruppe Betäubungsmittel der BAG Hospiz, dass sich der Druck auf den Gesetzgeber endlich auszahlt: „Da ist man am Ball. Es wurde eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingerichtet. Wir hoffen auf eine praxisnahe Lösung.“ Dr. med. Birgit Hibbeler
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