ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Diabetes mellitus: Erhebliche Fortschritte bei der Versorgung

POLITIK

Diabetes mellitus: Erhebliche Fortschritte bei der Versorgung

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2526 / B-2136 / C-2017

Clade, Harald

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LNSLNS Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung attestiert dichteres Versorgungsnetz und verbesserte Ergebnisqualität.

Auf dem Gebiet der Versorgung von Erkrankten mit Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 konnten in Deutschland in den letzten 15 Jahren seit der Verkündung der Forderungen der Deklaration der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) von St. Vincent (Oktober 1998) wesentliche Fortschritte erzielt, das Versorgungsnetz dichter geknüpft und die Struktur und die Prozessabläufe wesentlich verbessert werden. Dies gilt sowohl für die Strukturqualität als auch für die Prozess- und Ergebnisqualität. Zu diesem Ergebnis kommt eine Bestandsaufnahme und Analyse aller relevanten Daten und epidemiologischen Erkenntnisse, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Berlin, jetzt abgeschlossen hat.
Die Analyse des Zentralinstituts widerlegt zugleich Äußerungen von Repräsentanten der Deutschen Diabetes-Union e.V. und von Sachverständigen, die den Eindruck erwecken, als sei Deutschland bei der Versorgung von an Diabetes Erkrankten noch weithin mangelhaft und ein gesundheitspolitisches „Entwicklungsland“.
Das Zentralinstitut kommt in der Untersuchung „Die ambulante Versorgung von Diabetikern in Deutschland“* zu folgenden Ergebnissen:
c Sämtliche Kassenärztlichen Vereinigungen und die Ärztekammern haben inzwischen regionale Diabetes-Kommissionen und Sachverständigen-Gremien eingerichtet, die auf die Einhaltung und Umsetzung der WHO-Ziele achten. Zugleich hat die Ärzteschaft
bei der Umsetzung der zum 1. Juli 2003 gestarteten Disease-Management-Programme (DMP) für Diabetiker mitgewirkt, sich in die Entwicklung und Anwendung evidenzbasierter Leitlinien eingeschaltet und die Aufklärungskampagnen aktiv mitgestaltet. Seit Jahren intensivierter Schwerpunkt der Tätigkeit des Zentralinstituts ist die Einschaltung in Fortbildungsmaßnahmen von Ärzten und Praxisassistenten auf breiter Basis.
In Deutschland sind zurzeit folgende epidemiologische Grunddaten für die Beurteilung von Diabetes relevant: Rund sieben Prozent der Bevölkerung sind von Diabetes mellitus betroffen; dies entspricht 5,7 Millionen Personen. Schätzungsweise zwei bis drei Millionen an Diabetes Erkrankten sind noch nicht „entdeckt“ und noch nicht in ärztlicher Behandlung. In der Altersgruppe zwischen 40 und 60 Jahren leiden zwischen vier und zehn Prozent der Frauen und Männer an Diabetes. Bei einem Alter von 60 Jahren und darüber liegt der Anteil der Erkrankten zwischen 18 und 28 Prozent.
Zu den Diabetikern Typ 2 (früher auch als „Altersdiabetiker“ bezeichnet) zählen heute immer mehr jüngere Al-tersgruppen. Der Bewegungsmangel, die Fehl- und Überernährung von Kindern und Jugendlichen begünstigen das Entstehen dieser zivilisatorischen Erkrankung (bereits in jungen Jahren). Der Erkrankungsgipfel bei Typ-1-Diabetes liegt zwischen zehn und 15 Jahren. Experten gehen davon aus, dass rund 50 Prozent aller Typ-2-Diabetiker ohne medikamentöse Therapie ausreichend behandelt werden könnten, falls sie alle medizinisch indizierten Regeln der Diätetik, des Gesundheitssports und der regelmäßigen ärztlichen Überwachung beachten.
1 100 Schwerpunktpraxen
Der Schwerpunkt der ärztlichen Versorgung liegt in Deutschland sowohl bei den rund 1 100 Schwerpunktpraxen zur Behandlung von Diabetes als auch in der hausärztlichen Versorgung (Allgemeinärzte; Internisten) sowie bei Fachärzten, vor allem zur Behandlung von Folgeerkrankungen (Augenärzte, Nephrologen und andere). Eingeschaltet in die Diabetikerversorgung sind 45 000 Allgemeinärzte und 11 000 hausärztlich tätige Internisten.
c Schwerpunktpraxen versorgen zehn bis 20 Prozent aller Diabetiker permanent oder vorübergehend ambulant. Eine Schwerpunktpraxis versorgt durchschnittlich rund 600 Diabetiker (Spannweite: 400 bis 1 000). Auf 100 000 Einwohner entfallen durchschnittlich 6 000 bis 8 000 Diabetiker, davon 1 500 auf Patienten mit Insulinpflicht-Therapie. Im Durchschnitt kommen rund 50 000 bis 100 000 Einwohner auf eine Schwerpunktpraxis. Dies entspricht rund 1 100 Schwerpunktpraxen – bei einer Bevölkerung von mehr als 82 Millionen.
c Zur Behandlung der Retinopathie, bedingt infolge des erhöhten Erkrankungsrisikos bei Diabetikern, stehen 5 400 spezialisierte Augenärzte zur Verfügung. In diese Arztgruppe fällt als größte Patientengruppe die Behandlung von Typ-2-Diabetes mit 3,8 Prozent aller Patienten.
c Ende 2002 versorgten 1 176 Einrichtungen aller Fachrichtungen Patienten mit Nierenersatztherapie. Von sämtlichen Patienten mit Beginn einer Nierenersatztherapie entfiel mit
32 Prozent der größte Anteil
auf Typ-2-Diabetiker (2002).
c Immer stärker werden zertifizierte Fortbildungsangebote der Deutschen Diabetes-Gesellschaft e.V. (DDG) von den Ärzten angenommen. Seit 1995 haben sich 2 936 Ärzte zu Diabetologen fortgebildet. Bis Mitte 2004 wurden 1 579 Diabetes-Beraterinnen nach den Vorschriften der DDG ausgebildet.
c Wesentliche Fortschritte erzielten auch die Qualitätssicherungsprogramme. Bundesweit erfolgreich eingesetzte Schulungsprogramme werden von der Diabetes-Akademie e.V., Bad Mer-gentheim, und vom Institut für Evidenzbasierte Medizin, Köln, fortlaufend weiterentwickelt. Gegenwärtig stehen in Deutschland sieben Therapie- und Schulungsprogramme zur Verfügung: Diabetes Typ 2 ohne Insulinabgabe, konventionelle Insulintherapie, Normalinsulin (präprandiale Insulintherapie), Diabetes-Typ-1-intensivierte Insulintherapie, Hypertonie, Medias 2 und Hypertonie-Behandlungs- und Schulungsprogramm.
Patientenschulung funktioniert
Zurzeit sind etwa 26 000 Hausarztpraxen für die ambulante Schulung von Patienten mit Diabetes Typ 2 „lizenziert“, davon rund 13 000 ebenfalls für die Schulung von Patienten, die insulin-pflichtig sind. Voraussetzung zur Abrechnung der Diabetiker-Schulung im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung ist die Teilnahme des Arztes und des Praxispersonals an einem ganztägigen, strukturierten Fortbildungsseminar (Marktführer ist das Zentralinstitut, Berlin).
- Neue qualitätskontrollierte Versorgungskonzepte, die ständig überprüft werden, sind medizinische Leitlinien und die Umsetzung von DMP Diabetes mellitus. Bereits seit 1997 – also vor der flächendeckenden Einführung der Programme Mitte 2003 – wurden Diabetes-Vereinbarungen in Strukturverträgen nach Maßgabe des SGB V geschlossen.
- Am DMP für Diabetiker Typ 2 nehmen inzwischen rund 1,5 Millionen Patienten teil und folgen einer strukturierten, gesetzlich vorgegebenen Behandlung; dies entspricht einer Quote von 25 Prozent aller bekannten Typ-2-Diabetiker in Deutschland.
- Von 2004 bis 2005 wurden die Teilnehmerzahlen an diesem Programm um 50 Prozent gesteigert. Die übrigen Diabetes-Patienten werden außerhalb der Programme in Praxen mit hausärztlichem Angebot betreut. Die Teilnahme an diesen Programmen ist freiwillig. Die Teilnahmeraten variieren, je nach KV-Zuständigkeitsbereich. In Südbaden beispielsweise sind dies 1,1 Prozent und in Sachsen 4,6 Prozent der gesetzlich Versicherten.
- Immer mehr behandlungsbedürftige Diabetiker schreiben sich bei den Kassenärzten ein: Im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein sind dies bereits mehr als 230 000 Patienten in 3 400 Arztpraxen. Die häufigste Co-Morbidität ist der erhöhte Blutdruck. Davon waren 44,7 Prozent der Patienten jünger als
65 Jahre, 51,1 Prozent älter als 65 Jahre betroffen. Bei 30,9 Prozent beziehungsweise 27,7 Prozent wurde ein erhöhter Langzeitwert des Diabetikers festgestellt. Dr. rer. pol. Harald Clade

*Quelle: Ingbert Weber, Gerhard Brenner, Lutz Altenhofen, Wolfgang Brech, Leonhard Hansen: Die ambulante Versorgung von Diabetikern in Deutschland, Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI), Berlin, Stand: Juni 2005. Die Ergebnisse der ZI-Untersuchung sind im Internet aufrufbar unter: www.zi-berlin.de. Postanschrift des Zentralinstituts: ZI, Herbert-Lewin-Platz 3, 10623 Berlin.
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